Hat Jan Gorr den Schritt vom Trainer zum Geschäftsführer bereut? Er verneint das vehement: "Ich habe gar nicht die Zeit, mir über so etwas Gedanken zu machen. Wir waren uns hier beim HSC bewusst, dass alles schlimm ist, was derzeit passiert. Und Corona macht es uns nicht einfacher. Aber wir werden den Kampf annehmen, obwohl wir zur ungünstigsten Zeit den Schritt von der 2. in die 1. Bundesliga gemacht haben."

Der starke Mann des Handball-Erstligisten HSC 2000 Coburg klingt dabei durchaus ein wenig wütend, vielleicht sogar ein stückweit frustriert, "denn ganz ehrlich" schiebt er nach: "Was haben wir momentan vom Aufstieg. Wir haben nichts davon. Außer der Tatsache, dass wir gegen tolle Teams und starke Gegner spielen. Das ganze Geniale, das ganze tolle Drumherum in den großen Hallen und vor vielen Fans spielen zu dürfen oder den Sponsoren neben der TV-Bühne auch tolle Live-Erlebnisse bieten zu können - all das haben wir im Augenblick ja nicht."

Objektiv betrachtet sei es eine ganz schwierige Zeit für diesen "Husarenritt", den sein HSC Coburg in der 1. Bundesliga macht. Der 42-Jährige gewährte uns in einem ausführlichen Gespräch interessante Einblicke.

Hallo Herr Gorr, wie fällt Ihr erstes Zwischenfazit aus?

Jan Gorr: Sportlich verbesserungswürdig, wirtschaftlich im Rahmen der Umstände stabil. Wenn man sich die Ausgangslage anschaut, dann sind wir ein Verein, der von der Qualität und vom Budget sich ganz einfach hinten anstellen muss. Wenn alles überragend läuft, dann haben wir eine Chance, sich in dem Kreis um die rettenden Plätze zu bewegen. Wenn man den bisherigen Saisonverlauf nüchtern betrachtet, dann gibt es ein Spiel, das wir verloren haben, aber unbedingt gewinnen wollten. Und das war gegen Nordhorn/Lingen. Nach meiner Rechnung fehlt dieser Sieg und eine zusätzliche Überraschung dazu.

Was hat Ihnen bisher gut an der Mannschaft und was weniger gefallen?

Das Spiel gegen Magdeburg war handballerisch unser bestes in dieser Saison. Wer weiß, wie das ausgegangen wäre, wenn Zuschauer in der HUK-Arena gewesen wären. Viele wichtige Sachen haben sich da schon verbessert, und diese positive Entwicklung muss natürlich weitergehen. Noch sind wir nicht da, wo wir hinwollen. Da geht noch mehr.

Aber was mir nicht gefallen hat, war die zweite Halbzeit in Wetzlar, vor allem was die Ausstrahlung mancher Spieler betrifft. Da wünsche ich mir von den Leuten, die auf der Platte stehen, deutlich mehr: Die Galligkeit, wie man so schön sagt, habe ich vermisst. Für mich macht es nämlich schon einen Unterschied, ob du in Wetzlar mit neun oder mit fünf Toren Unterschied verlierst. Ich sammle jetzt natürlich viele dieser Eindrücke von außen. Welche Typen führen uns, welche marschieren in schwierigen Situationen vorneweg. Es geht ja schließlich auch wieder darum, wie stellt man sich für das nächste Jahr auf.

Zahlreiche Verträge von Spielern, wie Zetterman, Billek, Varvne, Schröder oder Kuhlanek, laufen am Saisonende aus. Mit wem wollen Sie verlängern?

Im Januar werden die Weichen gestellt. Es gab bereits vereinzelt lose Gespräche, aber Entscheidungen sind noch nicht getroffen. Es ist unser Job, auch wirtschaftlich die Weichen zu stellen, wenn man das dann überhaupt schon kann. Und grundsätzlich möchte ich natürlich auch künftig nur Spieler in unserem Team haben, die sich mit unserem Verein und unseren gemeinsamen Zielen identifizieren.

Welche primären Ziele verfolgen Sie derzeit als Geschäftsführer?

Mit meinem neuen Amt verknüpfe ich natürlich neue Ideen, die mir hier in der Vergangenheit vielleicht auch ein Stück weit gefehlt haben. Denn wir müssen auch einmal klar sagen, dass wir noch nicht die Voraussetzungen erfüllen, die ein normaler Erstliga-Standort im wirtschaftlichen Bereich haben muss. Dafür haben wir noch eine ganze Menge zu tun. Es geht sicher um interne Strukturen, die verändert werden müssen. Es geht aber auch darum, dass wir die Beziehung zu unseren Bestandssponsoren, aber auch zu neuen Sponsoren permanent weiterentwickeln möchten. Viele dieser Ideen können wir corona-bedingt aktuell nur langsam realisieren. Das ist für mich aufgeschoben, aber nicht aufgehoben. Wenn wir nämlich auf Dauer in der 1. Liga spielen wollen, brauchen wir diesen Fortschritt. Hier gilt das Gleiche wie im Sport: Wer aufhört besser zu werden, der hört irgendwann auf gut zu sein!

Wie kompliziert sind Ihre Aufgaben?

Ich weiß, dass Erstliga-Handball in Coburg eine Herkulesaufgabe ist. Leider konnten wir verschiedene Dinge nicht so realisieren, wie wir uns das gewünscht haben. Ich hatte mir vorgestellt, dass wir den Aufstieg dazu nutzen können, dass wir uns im Vergleich zu anderen Kontrahenten wettbewerbsfähiger machen. Das war aufgrund der Bedingungen nicht machbar.

Finanziell drückt dem HSC, der HSC-GmbH und der GmbH & Co.KG seit einigen Jahren der Schuh. Wie ist der Stand bei den roten Zahlen?

Das stimmt. Im wirtschaftlichen Bereich kommen wir in den letzten Jahren nicht wirklich voran. Zumindest was den Ausbau unseres Budgets anbetrifft. Das ist einfach so! Es gibt aus der Vergangenheit heraus nach wie vor Verbindlichkeiten, die natürlich nicht von heute auf morgen verschwinden. Aber hieran haben wir in den letzten Jahren gearbeitet und durchaus Erfolge erzielt. Jetzt geht es darum, die Einschnitte im Rahmen der Corona-Krise zu meistern. Und da kann ich sagen, das gelingt bis zum heutigen Tag gut.

Wie profitiert der HSC von der Corona-Beihilfe?

Die Corona-Beihilfe Profisport berechnet sich nach der Grundlage der Zahlen aus dem letzten Jahr, bei uns werden für das Ticketing also die Zuschauerzahlen aus der 2. Liga herangezogen. Das ist natürlich "Mist", denn in der 1. Liga hätten wir ganz andere Zahlen. Aber dennoch bin ich wahnsinnig dankbar darüber, dass wir in dieser Form Unterstützung erfahren. Vielleicht nur ein Beispiel: Hatten wir letztes Jahr ein Zweitligaspiel mit 2000 Zuschauern und in diesem Jahr durften wir bei einem vergleichbaren Heimspiel nur 1000 Zuschauer in die Halle lassen, fehlen uns also 1000 Zuschauer. Davon bekommen wir 80 Prozent ersetzt. In der 1. Liga wären aber nicht 2000, sondern mindestens 2500 gekommen. Also fehlen Dir ein paar Tausend Euro. Und das bei 19 Heimspielen, plus Catering, plus Sponsoring - das summiert sich natürlich schon. Aber wir nehmen diese Herausforderung an. Und für die Rahmenbedingungen, die vorherrschen, sind wir bis jetzt wirklich gut durch diese schwierige Zeit gekommen.

Dank Ihrer treuen Sponsoren...

...ja sicher und das macht uns auch ein Stück weit stolz. Es ist alles andere als selbstverständlich in der momentanen Lage und spricht für die gewachsene Gemeinschaft. Genauso unerlässlich waren aber auch Einsparmaßnahmen, die wir getroffen haben.

Welche?

Wir haben mit unseren Mitarbeitern Gehaltsverzichte vereinbart, nicht nur im Profibereich, sondern in allen Bereichen, auch hier in der Geschäftsstelle im Office-Bereich. Alle verzichten auf Geld. Auch die Aufwandsentschädigungen, die wir bezahlen, sind zum größten Teil eingestellt. Fast alle Trainer im Jugendbereich tragen diese Maßnahmen mit. Ohne diesen Zusammenhalt im Gesamtverein würde das auch gar nicht gehen.

Sie blicken also zuversichtlich in die Zukunft?

Man weiß nie, wie sich die aktuelle Lage noch verändern wird, aber, wie schon gesagt, aktuell kommen wir gut durch diese Geschichte. Wir wollen aber nicht nur, dass uns irgendwie Schadensbegrenzung gelingt, sondern wir wollen auch diesen Spagat, diesen Ritt auf der Rasierklinge schaffen, dass wir wettbewerbsfähig sind. Das ist mir ganz wichtig. Und wenn wir diese Saison mit all ihren Hürden zum Schluss gut überstehen, dann können wir alle mehr als zufrieden sein.

Es geht "ratzfatz" - aber Mraz sitzt fest im Sattel

Sieben Spiele - null Punkte. In den nächsten Wochen fast nur noch Vergleiche mit bärenstarken Gegnern. Droht dem HSC 2000 Coburg ein punktloses Weihnachtsfest? Wenn ja, dann entwickelt sich spätestens dann eine Trainerdebatte, auch wenn Geschäftsführer Jan Gorr davon nichts wissen will:

"Das ist hypothetisch. Wir müssen uns momentan nicht über den Trainer unterhalten. Alois Mraz beginnt hier eine neue Aufgabe. Er hat schon viele gute Dinge eingebracht und wird noch einiges bewegen." Eine Trainerdebatte gibt es beim HSC derzeit nicht. Allerdings ist Alois Mraz und auch Jan Gorr klar, dass dieser Negativlauf trotz aller schwierigen Voraussetzungen, die derzeit herrschen, nicht der Anspruch des Klubs sein kann. "Natürlich würden wir gerne mehr Spiele gewinnen, das ist ja überhaupt keine Frage. Aber wenn man in der 1. Liga unterwegs ist, dann weiß man, dass es einem Verein wie Coburg mit den vorhandenen Möglichkeiten schnell so ergehen kann, wie es momentan passiert: Das geht ratzfatz!", weiß Gorr. Klar stünden jetzt noch ein paar Spiele an, in denen der HSC natürlich auch Außenseiter ist, wenn man die Möglichkeiten der Klubs miteinander vergleiche. "Da müssen wir über uns hinauswachsen. Es werden aber auch Duelle kommen, die für uns wegweisend sind", sagt Gorr.

Neuer Rückraumspieler kommt

Und dann ist sicher auch ein weiterer Rückraumspieler mit an Bord, denn der HSC steht nach Tageblatt-Informationen vor der Verpflichtung eines Rechtshänders. Ein Linkshänder wäre nach dem Ausfall von Jakob Knauer für die vakante Position im rechten Rückraums zwar besser gewesen, ist aber momentan zu teuer. Zumal der Neue das Team nicht nur ergänzen, sondern ihm auf Anhieb helfen soll.

"Wir haben vom Spielplan her mehr Heimspiele und direkte Duelle in der Rückrunde als in der Vorrunde. Das ist gar nicht so schlecht. Aber nur wenn man gut kalkuliert, den längeren Atem hat und die Nerven nicht verliert." Und Gorr sagt klar: "Ich verliere sie ganz sicher nicht. Wir alle geben jeden Tag unser Bestes und das wird uns zugutekommen."oph