Bravo Kevin Krawietz! Jetzt hat es der 28-jährige Tennisprofi aus dem Ahorner Gemeindeteil Witzmannsberg (Landkreis Coburg) allen gezeigt. Von wegen "One-Hit-Wonder"! Das zweite Jahr, sagt man, sei ja oft das schwierigste - egal ob als Trainer, Aufsteiger oder eben als Titelverteidiger. Und tatsächlich: In Paris saß er mit seinem Partner Andreas Mies - wie er nach drei abgewehrten Matchbällen im Achtelfinale selbst kommentierte - schon dreimal im Auto auf der Heimfahrt, um dreimal wieder auszusteigen.

Dreimal hingefallen - dreimal wieder aufgestanden. So wie sein großer Mentor Boris Becker beim ersten Wimbledon-Sieg 1985, als der damals 17-jährige Leimener auch im Achtelfinale gegen den aufschlagenden Schweden Joakim Nyström drei Matchbälle erfolgreich retournierte.

Die Zitterpartie gegen die beiden jungen französischen Draufgänger war für den Grand-Slam-Sieg 2020 für "KraMies" enorm wichtig. Diese prägenden Turniermomente setzten ungeahnte Kräfte frei - vor allem mental. Plötzlich spürten sie, dass wieder alles möglich ist. Jetzt kann sie nichts und niemand mehr stoppen, nur noch sie selbst. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war ihre Lockerheit und der gnadenlose Optimismus, der sie ein Jahr zuvor zu Höchstleistungen trieb, zurück. Und das ist auf diesem Niveau entscheidend, denn im Doppel kann man nicht auf die Fehler der anderen warten. Da müssen die Punkte selbst gemacht werden.

Um die Psyche der beiden deutschen Doppel-Asse war es nach dem ersten Triumph von Roland Garros nicht immer so gut bestellt. Erstrunden-Niederlage mit ungewöhnlich schwachen Leistungen, öffentliche Kritik, Selbstzweifel. Doch der Botschafter des Coburger Landes begegnete dem Corona-Frust auf sensationelle Art und Weise: Einige Wochen nach dem er seiner Lebensgefährtin und Managerin Judit Csonka erfolgreich einen Hochzeitsantrag machte - Kevin kniete mit einem Ring in der Hand auf einem Rastplatz in Österreich unerwartet vor seiner verblüfften Freundin nieder - jobbte er sogar beim Discounter Lidl. Der Grand-Slam-Champion war sich nicht zu schade, für eine Handvoll Euros frühmorgens Reis-Milch zu sortieren, Erdnuss-Butter einzuräumen und Ananas-Dosen auszuzeichnen. Ein geerdeter Champion. Bravo Kevin Krawietz!