Neustadt
Religion

Türkisch-Islamische Gemeinde in Neustadt setzt auf Dialog

Die Türkisch-Islamische Gemeinde in Neustadt sucht den Kontakt und das Gespräch, um Vorurteile aus der Welt zu schaffen.
Vorsitzender Ramazan Kurt, Vorbeter Niyazi Cabbar und Zweiter Vorsitzender Yasin Sahin stehen ihren Mitbürgern gern Rede und Antwort, wenn es um Fragen zum Islam und zum Leben in der Neustadter islamischen Gemeinde geht. Foto: Rainer Lutz
Vorsitzender Ramazan Kurt, Vorbeter Niyazi Cabbar und Zweiter Vorsitzender Yasin Sahin stehen ihren Mitbürgern gern Rede und Antwort, wenn es um Fragen zum Islam und zum Leben in der Neustadter islamischen Gemeinde geht. Foto: Rainer Lutz
Ramazan Kurt setzt auf Dialog. "Wenn wir miteinander reden, wenn wir uns gegenseitig kennen, dann gibt es keine Probleme", sagt er. Ramazan Kurt ist der Vorsitzende der Türkisch-Islamischen Gemeinde in Neustadt. Einer Gemeinde, die seit langem in der Stadt etabliert ist und rund 300 Mitglieder zählt. Mitglieder, das sind immer Familien. Die Zahl der muslimischen Gläubigen in Neustadt summiert sich so auf rund 1400.

Probleme? Tatsächlich schien es vor ein paar Jahren so, als drohe auch Neustadt Spannungen zwischen Muslimen und Nichtmuslimen zu bekommen. Das war der Punkt, als Ramazan Kurt begann, Kontakte zu suchen. Er sprach mit der Stadtverwaltung, den Kirchen, den Vereinen. Vorurteile, sagt er, kommen aus Missverständnis und Unkenntnis. Deshalb lädt die Gemeinde jeden ein, der etwas über den Islam und das Leben in der islamischen Gemeinde in Neustadt wissen will, Kontakt mit ihm oder seinem Stellvertreter Yasin Sahin zu suchen.
"Die Leute sehen dann, dass die Unterschiede gar nicht so groß sind", stellt er immer wieder fest. Gespräche mit der Stadt, Vereinen und Kirchengemeinden finden inzwischen regelmäßig statt. Probleme gibt es nicht.

Vorurteilen entgegentreten

Weil Vorurteile oft früh aufgebaut werden, wendet sich Ramazan Kurt vor allem auch an die Schulen in der Stadt. "Letztes Jahr waren über 600 Schüler aus verschiedenen Schulen hier bei uns in der Moschee", sagt er. Umgekehrt werben die Verantwortlichen aus der Gemeinde bei den muslimischen Jugendlichen, zum Beispiel in der Feuerwehr aktiv zu werden. Integration läuft eben am besten, wenn beide Seiten aufeinander zugehen.

Im Idealfall geschieht das zwanglos bei einem Fest. Deshalb gibt es das Islamische Kulturfest. Im vergangenen Jahr wurde es erstmals in vergrößertem Rahmen in der Lindenstraße gefeiert. "Wir haben sehr viel positive Reaktionen von der Neustadter Bevölkerung bekommen. Wir wurden gefragt, wann wir das wieder machen", erzählt er. Und so mancher staunte, wie gut es sich ohne Alkohol feiern lässt. Den gibt es nämlich nicht beim Kulturfest. Der Koran verbietet den Alkoholgenuss.

Natürlich gibt es das Fest in diesem Jahr wieder. Heuer findet es zum ersten Mal gemeinsam mit dem internationalen Puppenfestival statt. "Darüber freuen wir uns ganz besonders", betont auch Neustadts Oberbürgermeister Frank Rebhan.

Koran fordert Frieden

Der Koran verbietet Gewalt. "Wer einen Menschen tötet, der hat die Menschheit getötet und wer einen Menschen rettet, der hat die Menschheit gerettet", zitiert Ramazan Kurt. Somit steht für ihn fest: "IS und Terroristen, das sind nicht wir, das ist nicht der Islam. Der Islam ist eine Friedensreligion."

Wenn Extremisten von Dschihad sprechen, dem heiligen Krieg, und zur Gewalt aufrufen, dann widerspricht das dem Koran. Niyazi Cabbar, der Vorbeter der Neustadter Gemeinde, erklärt: "Dschihad bedeutet, die Menschen vom Islam zu überzeugen. Das darf aber nicht mit Gewalt geschehen."

Dass Extremisten vor allem junge Menschen unter ihren Einfluss bringen, sehen die Verantwortlichen der islamischen Gemeinde mit Sorge. "Wir tun viel für die Jugendlichen. Wir nehmen uns viel Zeit, ihnen zu erklären, was richtig und was falsch ist", betont Ramazan Kurt. Er weiß: "Wenn wir sie nicht unterstützen, tun es vielleicht Extremisten." Die Einbindung in eine Gemeinde, die sie trägt und zum Frieden, zum gegenseitigen Verständnis und zur Toleranz erzieht, ist für ihn der beste Schutz.

Wenn es um Karikaturen geht, die Mohammed oder den Islam gar zu derb der Lächerlichkeit preisgeben, so gibt Niyazi Cabbar zu bedenken: "Mohammed ist unser Prophet es kränkt uns sehr, wenn solche Darstellungen veröffentlicht werden." Jeder habe doch seine empfindlichen Stellen. Darauf sollte Rücksicht genommen werden. Man sollte ihn nicht mit Absicht verletzen. Aller Ärger über solche Darstellungen, rechtfertige aber keinesfalls Gewalt.

Stadt steht zu Muslimen

Für Oberbürgermeister Frank Rebhan (SPD) ist klar: "Ausländische Mitbürger tragen entscheidend zur Vitalität unserer Stadt bei." Der Anteil von Bürgern mit einem anderen als dem deutschen Pass liegt in der Stadt bei rund acht Prozent. Fast 50 Nationen sind in Neustadt vertreten. Daneben gibt es natürlich einen weiteren Anteil von Bürgern mit Migrationshintergrund und deutscher Staatsbürgerschaft.

Es war das Siemenswerk, das in den 70er Jahren dringend Arbeitskräfte benötigte, die zu einem großen Teil aus der Türkei angeworben wurden. So kam Neustadt zu seiner islamischen Gemeinde. "Wann immer ich in der Moschee zu Besuch bin, wird mir deutlich, wie sehr sich die islamischen Mitbürger mit Neustadt identifizieren. Das geht hin bis zum NEC-Kennzeichen am Auto", sagt Rebhan.

Die generelle Aufregung um den Zuzug von Ausländern kann er nicht nachvollziehen. Nach dem Krieg habe Deutschland unter viel schlechteren Voraussetzungen viel mehr Flüchtlinge aufgenommen. Und: "Dieser Zuzug nach dem Krieg hat die Stadt mit aufgebaut, und ihre Wirtschaftskraft gestärkt." Jetzt werde wieder Zuzug benötigt. Die Wirtschaft rufe längst nach Möglichkeiten, junge Migranten in den Betrieben ausbilden und beschäftigen zu können. Hier müsse dringend an den Gesetzen nachgebessert werden. Den Ausländern allgemein und den Muslimen in Neustadt im Besonderen bescheinigt Frank Rebhan: "Sie sind hoch interessiert, sich in der Stadt zu integrieren."