Vor dem Haus des Fördervereins der Pfadfinderschaft St. Georg in Fornbach mischen sich fröhliche Kinderstimmen in sonoren Männerbass. "Bruder Jakob, Bruder Jakob", klingt es in den Abendhimmel. Die Männer-Gesangsgemeinschaft Ketschenbach/Ketschendorf besucht die Kinder aus der Katastrophenregion von Tschernobyl, die für vier Wochen zur Erholung gekommen sind. Dirigent Markus Häßler gibt sich große Mühe, die Kinder einzubinden. Die Kleinen haben viel Spaß daran, die einfachen Lieder mit einzuüben. Nur der kleine Anton singt nicht mit. Anton hat keine Lieder mehr und kein Lachen.

Wenn Dieter Wolf mit Freunden der Tschernobyl-Kinderhilfe Neustadt in das verstrahlte Gebiet der Ukraine fährt, um Kinder auszusuchen, die nach Deutschland geholt werden sollen, dann hat er es jedes Mal mit furchtbaren Schicksalen zu tun. Doch manche Kinder trifft es sogar für ihn, der diesmal die 15.
Gruppe betreut, unvorstellbar hart. Anton ist neun Jahre alt. Als Halbwaise lebte er mit seiner Mutter mehr schlecht als recht in einem Dorf in der Katastrophenregion. Die überforderte Mutter versuchte, einen Heimplatz für ihn zu finden, wollte ihn loswerden. Wenigstens für vier Wochen sollte ihr das gelingen. Denn Dieter Wolf suchte Anton für dieses Jahr aus. Kurz vor der Abreise nahm sich Antons Mutter das Leben. Er lebt jetzt bei seiner kranken Oma, die froh ist, dass dem Jungen der Aufenthalt in Deutschland ermöglicht wird.

Nun steht Anton an seine Betreuerin gedrängt da, während seine Freunde singen. Anton singt nicht. Anton schreit. "Tagsüber merkt man es nicht. Aber nachts hat er ganz schlimme Albträume. Dann schreit er", berichtet Dieter Wolf und stockt. "Schlimm", sagt er dann noch leise. "Wenn Anton nach seiner Rückkehr in ein Heim muss, dann geht er unter", schildert Dieter Wolf die Meinung der Betreuerinnen.

Schwierige Familienverhältnisse

19 Kinder sind es diesmal. "Nur 19", sagt Dieter Wolf. Eigentlich sind es immer 24, die aus 50 bis 60 ausgesucht werden, wenn Wolf, wie heuer im August wieder, in die Ukraine fährt. Lehrer oder Pfarrer und Kontaktleute, die er aus seiner inzwischen langjährigen ehrenamtlichen Arbeit für die Kinder kennt, haben die Liste erstellt. "Diesmal haben vier Kinder die nötigen Papiere nicht zusammenbekommen", sagt er. Die Eltern haben sich nicht gekümmert. Alkohol spiele oft eine Rolle. Tragisch ist ein fünfter Fall. "Da ist der Vater vor Kurzem verunglückt und liegt im Koma. Deswegen konnte er nicht unterschreiben. Da war nichts zu machen", sagt Wolf traurig.

Seine Miene hellt sich schnell auf, wenn er erzählt, wie er bei seinen Besuchen Kinder wiedertrifft, die bei früheren Deutschlandaufenthalten dabei waren. "Manche sind heute verheiratet und bekommen schon ihre eigenen Kinder", erzählt er.

Wenn die kleinen Ukrainer kommen, hat der Verein von Dieter Wolf ein volles Programm vorbereitet. Dabei wird er von vielen Seiten unterstützt. Die Kinder dürfen im Sportland Dörfles-Esbach bowlen, werden vom Country-Club Mountainlions ins Westerndorf in Neustadt eingeladen, gehen schwimmen und zu Konzerten im Neustadter Märchenbad oder zur Waldbühne in Heldritt. Aus Spenden werden Besuche in Geiselwind oder Schloss Thurn ermöglicht. Das Busunternehmen Thoenissen fährt kostenlos. In Schloss Thurn treffen die Kinder in diesem Jahr sogar Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml, die sich eine ganze Stunde Zeit für sie nimmt. Sie werden eingekleidet. "Die kommen nur mit dem, was sie auf dem Leib tragen", sagt Wolf. Der Verein kauft Unterwäsche, Kleiderkammern und das Coburger Sozialkaufhaus unterstützen und sogar vom FC Bayern gibt es eine Menge toller Sachen aus dem Fanshop.

Nicht mit Überfluss prahlen

"Trotzdem versuchen wir, den Kindern nicht zu sehr den Überfluss zu zeigen, den es bei uns gibt", sagt Wolf. Besuche in Einkaufszentren stehen nicht auf dem Programm. Gefragt, was die Kinder in Deutschland am meisten beeindruckt, kommt die Antwort prompt: "Dass alles so sauber und ordentlich ist. Das ist bei allen Gruppen so, das sagen sie als erstes", berichtet Wolf. Fragt er, warum es die Leute in der Ukraine nicht auch tun, sagen die Kinder: "Weil es die anderen auch nicht machen."

In knapp zwei Wochen muss die Gruppe zurück. "In ihren Dörfern werden sie gefeiert wie Helden", erzählen die Betreuerinnen Natalja, Nila und Tanja. Die Reise ist schwer geworden, seit die politische Krise die Ukraine erschüttert. "Es gibt keine Direktverbindungen in den Westen mehr", berichtet Wolf. Dabei ist die Anreise auch so schon schwierig genug. Helfer aus den Dörfern der Kinder sind mehrere Tage mit ihnen unterwegs, um sie nach Kiew zum Bahnhof zu bringen. "Die haben erzählt, sie schlafen dann im Freien oder unter Brücken", sagt Wolf. In Kiew übernehmen dann die Betreuerinnen für die Zugfahrt nach Nürnberg, dort warten dann die Kleinbusse aus dem Coburger Land.

Auch angesichts der Krise will Wolf im August auf jeden Fall wieder in die Ukraine reisen. "Im Osten geht es, sagen die Betreuerinnen, auch in Kiew gehen die Leute auf die Arbeit, die Kinder gehen zur Schule, spielen draußen, alles normal. Nur russische Geschäfte werden boykottiert", gibt Wolf die Berichte der Frauen wieder.

Besuch als Dorffest

Auch bei seinem Besuch "drüben" kommt Wolf nicht mit leeren Händen. Ein Nürnberger Betrieb schickt Hunderte Bratwürste mit. Die Milchwerke Oberfranken West spendieren Käse und der Verein legt noch einiges dazu. "Unser Besuch ist immer ein Dorffest", grinst Wolf. Nach einer kurzen Pause sagt er: "Ich freue mich immer drauf, und gleichzeitig graust es mir. Wenn wir zurück sind, müssen wir immer erst mal verdauen, was wir wieder gesehen haben." Aber er weiß, dass er bei diesem Besuch 24 Kindern Hoffnung und Vorfreude gibt, wenn endlich die 16. Reisegruppe feststeht.

Riesiger Kostenaufwand

Gleichzeitig beginnt für den Verein die gewaltige Aufgabe, über 30 000 Euro zusammenzutragen, die für den nächsten Aufenthalt gebraucht werden. Jahr für Jahr weiß er nicht, wie er es schaffen soll. Aber irgendwie schafft es Dieter Wolf mit seinen Freunden immer wieder.

Inzwischen sind die Kinder mit dem Gesangverein bei Nee-Na-Na-Na angekommen, singen, hüpfen und lachen. Nur Anton hat noch immer diesen fragenden Blick und singt und lacht nicht mit.