Ein Bahnhof irgendwo auf dem Land. Kriegsheimkehrer strömen aus einem Zug. Umnebelt vom Ausstoß der Dampflok halten Frauen Schilder in die Höhe - mit den Namen ihrer Ehemänner, ihrer Söhne, deren Rückkehr aus dem Krieg sie so sehr ersehnen. Dazwischen die junge Schauspielerin Hanna Schygulla. Als "Maria Braun" ist sie auf der Suche nach ihrem Mann Hermann. Im Film ist es 1945, in Wirklichkeit Februar 1978. Der Ort, an dem sich die Szene abspielt, ist der Ebersdorfer Bahnhof, die Dampflok für 2500 Mark vom Eisenbahnmuseum Neumarkt/Wirsberg ausgeliehen. Unter den 150 Komparsen sind viele Coburger, die den Zweiten Weltkrieg noch selbst miterlebt haben.
Im Januar und Februar 1978 entsteht im Coburger Land einer der international erfolgreichsten Filme der deutschen Nachkriegszeit: Rainer Werner Fassbinders "Die Ehe der Maria Braun". Drehbeginn ist am 23. Januar. Die Vorbereitungen laufen aber schon geraume Zeit, Aufnahmeleiter Thomas Wommer ist schon seit 4. Januar in Coburg. Ihr Produktionsbüro hat die Albatros-Film im Hotel Goldener Anker eingerichtet.


Yves Montand hatte Interesse

Der Film schildert ein Frauenschicksal aus den Jahren 1945 bis 1950. Hanna Schygulla, damals schon ein bekannter Name im deutschen Filmgeschäft, spielt die Titelrolle. Kurz vor Weihnachten hatte man sogar noch mit dem französischen Star Yves Montand verhandelt, doch die Rolle des Kriegsheimkehrers Hermann Braun, die Montand interessiert hätte, war schon an Klaus Löwitsch vergeben.
Hinter der Kamera steht der in Coburg aufgewachsene Michael Ballhaus. Dass Fassbinder den Film in Coburg spielen lässt, sei Ballhaus zu verdanken, schreibt das Tageblatt in seiner Berichterstattung rund um den Film. Er kenne Coburg gut und habe es mit seinem großen Bestand älterer Häuser und landschaftlich reizvollen Motiven zur passenden Kulisse erklärt.
Der Film steht allerdings von Anfang an unter keinem guten Stern. Regisseur Fassbinder kommt schon "schlecht gelaunt und streitsüchtig" nach Coburg, wie sein Weggefährte Peter Berling später in "Die 13 Jahre des Rainer Werner Fassbinder" beschreibt. Streitigkeiten um die Finanzierung gipfeln schließlich darin, dass der Regisseur einen Großteil des Stabes entlässt, die Zelte in Coburg abbricht und seinen Film in Berlin fertigstellt.
Zunächst tummeln sich die Filmleute aber in Coburg: Drehorte sind das Haus Adamistraße 2a (heute Ed's Bräustüble), Schloss Rosenau, Weber- und Walkmühlgasse und die Firma Escora. Im Haus Mohrenstraße 1 spielen die Gerichtsszenen des Films. Die alte Angerturnhalle wird zur Bar umgewandelt.
Am 30. Januar geht es los. Das Haus Adamistraße 2a wird in die Wohnung von Maria Brauns Mutter (Gisela Uhlen) umgebaut. Der technische Stab ist schon Stunden, bevor es richtig losgeht, vor Ort und bereitet alles vor. Regisseur Fassbinder hat sich derweil mit seinen Mitarbeitern zur Drehbuch-Besprechung zurückgezogen, heißt es im Tageblatt vom 31. Januar.
Am vierten Drehtag gibt es Probleme: Der Kamerabus bleibt am Festungsberg im Schnee stecken und muss angeschoben werden. Dabei wird Schauspieler Roland Henschke verletzt und muss ins Krankenhaus eingeliefert werden.
Verzögerungen gibt es auch in der Mohrenstraße. Hier sollte eigentlich mit großem technischen Aufwand eine Standesamtsszene gedreht werden. Für den Bombenhagel müssen einige Häuser mit Sprengkapseln präpariert werden.


Büroszenen im Gefängnis

Für den Film kommt auch das "Hotel Meier", wie das ehemalige Gefängnis in der Leopoldstraße im Volksmund genannt wird, wieder zu Ehren. Ein Raum in dem leerstehenden und teilweise recht baufälligen Gebäude wird im Stil der 50er Jahre eingerichtet. Dort werden Gefängnis- und Büroszenen mit Hanna Schygulla gedreht.
Den Coburgern, insbesondere dem Landestheater, spricht Produktionsleiter Martin Häussler im Tageblatt ein Lob aus. Enttäuscht sei man aber von den Coburger Hotels, die jeweils nur maximal zehn Personen aufnehmen. Das Team ist also über die ganze Vestestadt verstreut. Wenig begeistert sind die Filmleute auch über die vielen Strafzettel, die sie vor dem Goldenen Anker in der Rosengasse kassieren.
Acht Monate nach den Dreharbeiten, im Oktober 1978, steht fest: Der Film soll im März 1979 bei den Berliner Filmfestspielen uraufgeführt werden. Sogar um einen Oscar soll er sich bewerben. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass der Film schon einmal öffentlich gezeigt wurde. Die Testpremiere läuft daher am 30. Oktober 1978 - im Coburger "Atelier im UT" mit vier Vorstellungen. Der Begriff Testpremiere ist übrigens wörtlich zu nehmen. Bei den Vorstellungen im UT, die in Windeseile ausverkauft sind, werden Fragebögen an die Zuschauer verteilt. Unter anderem wollen die Filmemacher wissen: "Gab es Momente, wo Sie am liebsten das Kino verlassen hätten?" Das Coburger Publikum ist, anders als der Kritiker des Tageblatts, begeistert von Fassbinders Werk. Für einen Oscar und später für einen Golden Globe reicht es dennoch nicht. Beide Male werden andere deutsche Filme ins Rennen um die begehrten Auszeichnungen geschickt.