Im Oktober vergangenen Jahres hat die Brose-Gruppe ein "Erneuerungsprogramm" bekanntgegeben. Dessen Ziel ist es, eine langfristige Wettbewerbsfähigkeit des Automobilzulieferers sicherzustellen. Denn vor allem am (Produktions-)Standort Deutschland bekommt Brose sowohl die Folgen der Globalisierung als auch des Wandels in der Automobilbranche heftig zu spüren. Im Erneuerungsprogramm mit dem Titel "Future Brose" sind deshalb zahlreiche Maßnahmen genannt, mit denen Einsparungen von mehreren hundert Millionen Euro erreicht werden sollen. Dies sei erforderlich, so die Begründung damals in einer Pressemitteilung, "um den finanziellen Spielraum für Investitionen in die Erneuerung und das Wachstum zu schaffen und so auch künftig attraktive Arbeitsplätze anbieten zu können".

"Future Brose" sieht unter anderem auch einen Abbau von Arbeitsplätzen an allen deutschen Standorten vor. Die Rede ist von insgesamt rund 2000 Arbeitsplätzen, die wegfallen - davon rund 600 an den Standorten Coburg, Hallstadt, Würzburg und Berlin. Aber: Dieser Stellenabbau ist mittelfristig vorgesehen, und zwar bis Ende 2022 - zumindest hieß es das noch im Oktober 2019.

Doch jetzt sollen 73 Stellen am Standort Coburg bereits zum 1.September 2020 wegfallen. Konkret geht es um die Beschäftigten, die sogenannte Spindelantriebe herstellen. Diese werden für den elektrischen Heckklappenantrieb aus dem Hause Brose benötigt. Die Produktion der Spindelantriebe soll künftig in einem Brose-Werk in der Slowakei erfolgen.

Freiwilliges Abfindungsprogramm

Katja Herrmann, Pressesprecherin der Brose-Gruppe, bestätigte am Dienstag auf Tageblatt-Anfrage den geplanten Abbau der 73 Stellen. Sie stellte aber auch klar, dass es zu keinen betriebsbedingten Kündigungen kommen soll. Stattdessen würden derzeit Gespräche mit dem Betriebsrat über ein "freiwilliges Abfindungsprogramm" geführt. Zu Details der Verhandlungen wollte sich Katja Herrmann zum jetzigen Zeitpunkt aber noch nicht äußern.

Derweil hat allen voran die Gewerkschaft IG Metall bereits ein waches Auge auf die aktuelle Situation bei Brose geworfen. Das liegt vor allem an einer Betriebsvereinbarung aus dem Jahre 2018 (siehe dazu auch Hintergrund am Textende). Diese schließt nämlich noch bis Ende 2024 betriebsbedingte Kündigungen aus. "Das Unternehmen hat sich an diese Vereinbarung zu halten", stellte Nicole Ehrsam von der IG Metall am Dienstag auf Anfrage des Coburger Tageblatts klar.

Katja Herrmann wiederum machte deutlich, dass es sehr wohl "nicht nur eine Absicht, sondern das feste Ziel" von Brose sei, dass die Betriebsvereinbarung "vollumfänglich" eingehalten wird. "Wir suchen nach sozialverträglichen Lösungen."

Bei dieser Suche dürfte die IG Metall ein aufmerksamer Beobachter sein. Zwar ist Brose seit 2005 nicht mehr tarifgebunden, weshalb die IG Metall auch kein Tarifpartner mehr von Brose ist. Das schließt aber nicht aus, dass einzelne Brose-Mitarbeiter nach wie vor Mitglied bei der Gewerkschaft sind und sich somit auch von ihr vertreten lassen können. Zuletzt habe es "intensive Kontakte" zu Brose-Mitarbeitern gegeben, wie Nicole Ehrsam am Dienstag erklärte.

Hintergrund: So kam es 2018 zur Betriebsvereinbarung

Vor etwas mehr als zwei Jahren waren viele Brose-Mitarbeiter in Coburg in großer Sorge. Bei einer Betriebsversammlung im Juli 2018 hatte die Geschäftsführung auf die hohen Produktionskosten in Deutschland und speziell auch am Standort Coburg verwiesen.

Unter anderem war seinerzeit der überdurchschnittlich hohe Krankenstand in Coburg aufgefallen. Mit durchschnittlich 26 Krankheitstagen pro Fertigungsmitarbeiter und Jahr war dieser laut Brose-Berechnungen so hoch wie in keinem anderen Brose-Werk weltweit.

Zur Zukunftssicherung des Produktionsstandorts Coburg wurde die Devise ausgegeben, dass die Zahl der Krankheitstage - und damit verbunden auch die Lohnkosten insgesamt - dringend gesenkt werden müssen. Andernfalls sei eine Verlagerung von Arbeitsplätzen nach Osteuropa "unvermeidlich", so ein damaliger Sprecher des Unternehmens.

Zusage: Keine Kündigungen

Rechtzeitig zu Weihnachten konnten dann aber viele Brose-Mitarbeiter aufatmen: Im Dezember 2018 wurde zwischen Geschäftsführung und Betriebsrat ein Programm zur Sicherung des Standorts Coburg vereinbart. Die wichtigsten Eckpunkte der Betriebsvereinbarung waren: Durch geringere Lohnsteigerungen sowie einen Verzicht auf Rendite werden in den kommenden fünf Jahren etwas mehr als 40 Millionen Euro eingespart; gleichzeitig sichert Brose zu, dass es bis 2024 keine betriebsbedingten Kündigungen gibt.