Zwei Stunden und zwei Minuten waren gespielt, als Kevin Krawietz sein Racket plötzlich wütend auf den Court drosch. Völlig untypisch für den sonst so besonnenen Witzmannsberger, der eine Weltklasse-Leistung bot und mit fantastischen Schlägen sich und seinen Partner Andreas Mies fast zum Auftaktsieg in London geführt hätte. Aber eben nur fast.

Nach 164 Ballwechseln - KraMies entschieden davon exakt 82 für sich - stand es 7:6 (7:3), 6:7 (4:7) und 7:7 im Champions-Tiebreak gegen das kroatisch-niederländische Doppel Nikola Mektic/Wesley Koolhof. Enger geht es nicht, denn in diesem Moment fehlten beiden Seiten jeweils drei Punkte zum Auftaktsieg bei dieser inoffiziellen Weltmeisterschaft in der englische Hauptstadt. Aus Sicht der French-Open-Sieger gab es aber dieses Mal kein Happy End, denn die Gegner waren gerade jetzt einen Tick besser und triumphierten mit 10:7.

Die pure Enttäuschung

Krawietz hob seine roten Schläger auf und trug die äußerst ärgerliche Niederlage mit Fassung. Die Enttäuschung stand dem 28-jährigen Witzmannsberger aber ins Gesicht geschrieben, spielte er doch am Sonntagnachmittag ein starkes Match. Er war neben dem aufschlagsicheren Kroaten der beste Spieler in diesem spannenden und vor allem auf extrem hohen Niveau stehenden Schlagabtausch. Seine variantenreichen Returns, seine scharfen Passierbälle, aber vor allem seine klugen Aufschläge und bombensicheren Überkopfbälle waren beeindruckend.

Das Einzige, das fehlte, war nach tollen Schlägen in Serie der Szenenapplaus eines begeisternden Tennis-Publikums. Denn die 20 000 Zuschauer fassende O2 Arena in London war und bleibt in den nächsten Tagen coronabedingt so gut wie leer.

Voll aufgeladen waren dagegen die Akkus aller vier beteiligten Spieler. Kaum ein schlechter Ballwechsel, kaum ein leichter Fehler. Es musste hart für jeden Punkt gearbeitet werden. Dem Franken gelang dies in der Regel am besten. Selbst in kritischen Augenblicken - insgesamt musste er mit seinem Kölner Partner acht Breakbälle abwehren, sechs Mal gelang es ihnen - meisterte er die Situation oft gut.

Partner Mies im Niemandsland

Dieses Niveau erreichte Mies nicht immer, aber der ebenfalls vor Spielfreude sprühende und vor Siegeswille strotzende Rheinländer enttäuschte deshalb keineswegs. Ihm fehlte im letzten Tiebreak allerdings das Selbstvertrauen, als er mit einem hart erarbeiteten "Mini-Break" im Rücken seine beiden Aufschläge überraschend und zum Entsetzen seines Partners abgab. Mies blieb nach seinem Service im "Niemandsland" - also zwischen der Grund- und der T-Linie - stehen, lief unerklärlicherweise nicht bis ans Netz durch und verschlug deshalb zwei unnötig schwere Volleys.

Doch trotz dieser bitteren Niederlage ist für die an Nummer 3 gesetzten Deutschen beim ATP-Finale noch nicht alles verloren. Sollten ihnen in ihrer Vorrundengruppe noch zwei Siege gelingen, ist das angestrebte Halbfinale nach wie vor realisierbar. Einen weiteren Ausrutscher dürfen sich die Deutschen allerdings nicht erlauben.

Was Mut machen könnte, ist der Turnierverlauf aus dem Vorjahr: 2019 starteten Krawietz und Mies nämlich mit einem Sieg, um anschließend zweimal leer auszugehen und vorzeitig auszuscheiden.

Noch zwei Gruppenspiele

KraMies bekommen es in der "Mike Bryan-Gruppe" noch mit Rajeev Ram/Joe Salisbury (an Position 2 gesetzt) und am Dienstag ab 13 Uhr mit Lukasz Kubot/Marcelo Melo (8) zu tun. Jürgen Melzer und Edouard Roger-Vasselin haben sich am Freitag als letztes Duo für die Finals qualifiziert. Das österreichisch-französische Duo trifft in der "Gruppe Bob Bryan" auf Pavic/Soares, Granollers/Zeballos und Peers/Venus.