"Alles gut. Ich habe gerade frisch geduscht und wollte dann gleich ins Bett - aber passt scho." Für ein Telefonat mit seiner Heimatzeitung nimmt sich Kevin Krawietz gerne und überall Zeit. Am Samstagvormittag ist der Noch-28-Jährige in Melbourne gelandet, um sich in den nächsten Tagen gemeinsam mit seinem kongenialen Doppelpartner Andreas Mies auf die am 8. Februar beginnenden Australian Open vorzubereiten. Das erste Grand-Slam-Turnier des Jahres, bei dem "Kramies" an Position 10 gesetzt sind, sollte schon am 18. Januar beginnen. Doch der Termin wurde aufgrund der strengen Einreisebeschränkungen in der Corona-Krise verschoben. Ab dem 31. Januar finden in Melbourne noch zwei Vorbereitungsturniere sowie der ATP-Cup statt.

Es ist in Australien bereits nach 23 Uhr, Krawietz gut gelaunt, nett wie eh und je, gibt gerne und detailliert Auskunft. Keine Alibi-Antworten, wie sie bei vielen (Fußball)-Jungprofis die Regel sind - nein, dem Tenniscrack aus Witzmannsberg sind die Erfolge der letzten Jahre nicht zu Kopf gestiegen.

Impfzentrum vor dem Elternhaus

Apropos Witzmannsberg. In der 700-Seelen-Gemeinde wird derzeit fleißig Impfstoff für Menschen im Landkreis Coburg gespritzt. Quasi nur einen Steinwurf weit von Krawietz' Elternhaus entfernt. Der Tennisprofi selbst hat noch keine Spritze bekommen. "Bisher gibt es für uns Profisportler keine Auflagen, aber wenn beispielsweise die USA die Impfung bei der Einreise zur Auflage machten, dann werde ich mich auch impfen lassen", sagt Krawietz, der weder Impfgegner noch -befürworter ist. Regelmäßige Corona-Tests gehören seit Monaten ohnehin zum Profigeschäft. In Melbourne wird er mindestens fünf Mal auf eine Infektion überprüft.

Urlaub mit Zverev auf den Malediven

Nach einem Spontanurlaub auf den Malediven mit seiner Freundin Judit und Deutschlands Nummer 1 Alexander Zverev ist er bereit für 2021 - für KK soll es ein ganz besonders aufregendes Jahr werden. "In Österreich waren die Hotels ja alle komplett zu. Dann haben wir uns kurzfristig Alex angeschlossen, der im Physio-Raum von seinem geplanten Trip auf die Malediven schwärmte."

Auf der Insel planten Kevin und Judit auch letzte Details für ihr großes Hochzeitsfest Mitte dieses Jahres. "In der Nähe von München" soll die Fete steigen, nachdem Corona den Hochzeitsplänen 2020 noch einen Strich durch die Rechnung machte. Doch der Liebe tat der Aufschub keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil: Kevin schwärmt mehr denn je von seiner "Nummer 1".

"Es ist noch ein langer Weg"

Stichwort Pole-Position. Genau dorthin wollen "Kramies" in absehbarer Zeit. "Wir haben ein gutes Level, können dieses absolute Weltklasseniveau abrufen, doch es ist noch ein langer Weg bis zur Nummer 1 in der Doppel-Weltrangliste", schätzt der Mann mit dem vielleicht besten Rückhand-Return aller Doppelspieler die Lage nüchtern ein. Um gleich noch zu ergänzen: "Natürlich müssen wir auch konstanter werden."

Damit das auch klappt, dafür wurde der erfahrene Doppelcoach Julian Knowle engagiert. Die Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Doppelspezialisten aus Österreich funktionierte schon bei der ATP-Doppel-WM im Dezember hervorragend und wird für 2021 intensiviert. "Hier kommt es auf Kleinigkeiten an. Welchen Ball spielst du in welcher Situation. Das sind Detailfragen, Nuancen. Aber ich bin total zuversichtlich, dass uns Julian mit seiner enormen Erfahrung weiter nach vorne bringt", freut sich Krawietz auf die Turniere.

Es geht 2021 also Schlag auf Schlag: Hochzeit, Nummer 1 werden und natürlich die Olympischen Spiele in Tokio - dieses herausfordernde Jahr könnte für den Oberfranken mit dem außerordentlichen Ballgefühl kaum ereignisreicher sein. Während er außerhalb des Courts seine Traumfrau bereits gefunden hat, ist er für Tokio noch auf der Suche. Ursprünglich wollte er den Mixed-Wettbewerb bei Olympia ja mit Julia Görges spielen, doch die deutsche Spitzenspielerin hat inzwischen vorzeitig ihre Karriere beendet. "Mal schauen, da ist noch keine Entscheidung gefallen. Ich habe da momentan noch keine weitere Option. Außerdem ist derzeit unklar, ob ich überhaupt im Mixed antrete, denn der Cut wird ziemlich hoch sein."

Sechs Mal ins "Schwarze"?

Wenn er tatsächlich eine olympische Medaille gewinnt, steigen auch die Chancen auf einen dritten Auftritt im aktuellen Sportstudio. Und wer weiß, vielleicht schafft er dann als erster Studiogast überhaupt, sechs Mal "ins Schwarze" zu treffen. Seine Quote an der berühmtesten Torwand Deutschlands ist jedenfalls beeindruckend: Sechs von neun Schüssen waren im Loch! "Wahrscheinlich habe ich das Ballgefühl ja dann doch von meinem Papa. Allerdings war der nur Torwart." - Rudolf Krawietz stand zu Bayernliga-Zeiten beim VfB Coburg zwischen den Pfosten.

Noch ist Kevin Krawietz in Quarantäne. Er darf seine Unterkunft für Training und Behandlungen einige Stunden am Tag verlassen. "Wir sind hier in einem Spielerhotel direkt bei der Anlage untergebracht." Er läuft gemeinsam mit seinem Kölner Partner zu den Trainingsplätzen oder in den Kraftraum. "Das ist total gut." Vor kurzem hatten sich noch Besitzer mehrerer Penthousewohnungen dagegen gestemmt, dass die Spieler für die notwendige Isolation in einem Luxushotel im gleichen Gebäudekomplex untergebracht werden sollten.

Keine Penthousewohnungen

Inzwischen hat sich die Aufregung in Melbourne aber gelegt, es wurden ausreichend Ersatzunterkünfte vom Veranstalter gefunden. Die Gesundheit und Sicherheit aller Teilnehmer hat schließlich oberste Priorität. Zuschauer sind bei den Australien Open aber nach wie vor ausgeschlossen.