Es ist ein Buch, das auf jahrzehntelanger Praxis aufbaut und zur rechten Zeit kommt. Zwar hat es nur am Rande mit dem Virus zu tun, das so vieles im Zusammenleben der Menschen verändert, aber: Corona wirkt wie ein Brennglas - besonders im Umgang mit demenzerkrankten Menschen in Pflegeeinrichtungen.

Das hat die Autorin Monika Hammerla Claassen seit Ausbruch der Pandemie beobachten können. "Für diese Menschen sind Beziehungen zur Familie oder zu den Pflegekräften von großer Bedeutung. Die Kontaktpersonen erhalten die Brücke ins Gestern, zu den Dingen, die das Leben des Erkrankten ausmachten", erläutert sie. Als Fachkraft für Gerontopsychiatrie und geriatrische Rehabilitation weiß sie, was passiert, wenn solche Beziehungen und die Bindung an vertraute Personen gestört oder ganz abgebrochen werden.

Sie wurden isoliert

Doch genau das passierte mit dem Auftreten von Sars-Cov2 in den Pflegeeinrichtungen. Die Menschen, die dort leben, wurden isoliert und konnten ihre Angehörigen nicht mehr sehen. Eine solche Situation ruft bei Demenzerkrankten vielfältige Reaktionen hervor, weiß Monika Hammerla Claassen: "Viele haben sich zurückgezogen und oft auch nicht mehr gegessen. Sie waren völlig ausgeliefert." Auf den Pflegerinnen und Pflegern wiederum lag und liegt eine große Verantwortung. Und das bei einer immer dünner werdenden Personaldecke. "Sie reagieren nicht selten gestresst und sind überfordert, was für beide Seiten problematisch ist."

Doch was kann getan werden, um Abhilfe zu schaffen - über die Pademiezeit hinaus? Seit 2018 gibt es den sogenannten Expertenstandard in der Pflege von Menschen mit Demenz. "Das ist gut, aber alles sehr abstrakt. Ich habe mich lange damit beschäftigt und überlegt, wie man die dort festgelegten Grundsätze in die Praxis übertragen kann", erläutert Monika Hammerla Claassen. Als dann die Schlütersche Verlagsgesellschaft Hannover auf sie zukam und anfragte, ob sie zu diesem Thema nicht etwas schreiben wolle, war klar: Es wird ein neues Buch der im Pflegebereich bereits hinlänglich bekannten Autorin geben. Jetzt ist es erschienen und überall im Buchhandel erhältlich. "Diesmal habe ich mir Rainer Klein, den Leiter der Coburger Heimaufsicht, mit ins Boot geholt."

Personenzentriertes Arbeiten

Während ihr Part die inhaltlichen Fragen waren, hatte Rainer Klein die strukturelle Vorgehensweise der Heimleiter im Blick. "In erster Linie geht es darum, die Pflegequalität zu verbessern. Der Expertenstandard, der übrigens gesetzlich bindend ist, schafft neue Qualitätsrichtlinien. Die Dokumentationen sollen reduziert, der Mensch und seine Würde mehr in den Mittelpunkt gerückt werden", erläutert Rainer Klein. Und das gilt nicht nur für die momentan schwierige Situation in den Pflegeeinrichtungen unter Corona-Bedingungen, sondern generell. Personenzentriertes Arbeiten ist dafür der Fachbegriff.

Doch längst nicht alle, die in den Einrichtungen für Demenzerkrankte arbeiten, sind dafür auch ausgebildet. Es braucht die gerontopsychiatrische Fachkraft. "Sie führt den fachlichen Prozess, stellt Verbindungen her, schult das Personal und bezieht die Angehörigen mit ein. Ab 30 Demenzerkrankten muss es in bayerischen Pflegeeinrichtungen eine solche Fachkraft geben", sagt Monika Hammerla Claassen. Die richtigen Kommunikationstechniken seien bedeutsam, und die Lebensthemen der Erkrankten müssten bekannt sein. "Es kommt darauf an, genau hinzuschauen, ohne zu bewerten." Den Heimleitern komme die Aufgabe zu, diese Arbeit zu ermöglichen und zu gestalten. Aus seiner Praxis in der Heimaufsicht weiß Rainer Klein, dass es für alle Seiten von Vorteil ist, wenn der Mensch im Mittelpunkt steht und nicht nur strukturelle Fragen und Arbeitsabläufe: "Es ist wichtig, auf die Bewohner einzugehen, genau hinzuschauen, aktiv zu werden und zu prüfen. Diese Art der Bezugspflege kann dazu führen, dass weniger Medikamente gebraucht werden und dass es weniger Aggressivität in der Beziehung von Menschen mit Demenz und dem Pflegepersonal gibt."

Wie das in der Praxis gelingen kann, dafür gibt das Buch "Qualitätsmerkmal Beziehung" eine Fülle von Anregungen und kann die Einrichtungen bei der Umsetzung der Expertenstandards unterstützen.