Seine Schmerzen werden von Tag zu Tag schlimmer. Die Achillessehne muss operiert werden. Da führt kein Weg mehr dran vorbei. Ein herber Rückschlag für den Knipser. Egon Grünbeck ist 31 Jahre jung, erlebt gerade die Blütezeit seiner Karriere. Der junge Mann aus Buchbach im Landkreis Kronach ist einer der besten Stürmer der Region, selbst Bayernligist VfB Helmbrechts hat die Fühler nach dem Angreifer mit der eingebauten Torgarantie ausgestreckt. Doch hinten im rechten Fuß zwickt's immer mehr. Diese verdammte Verletzung! Zwangspause und die Ungewissheit, ob er sich nach der Operation wieder zurückkämpfen soll.

31 Jahre später stellt sich die Frage nach einem Neuanfang nicht. Jetzt bleibt dem Kreisspielleiter des Fußballkreises Coburg/Kronach/Lichtenfels keine Wahl. Vor knapp einem Jahr hatte der in Reitsch lebende vierfache Opa einen schweren Unfall mit seinem Fahrrad. Seit dem ist er querschnittgelähmt. "Der fünfte und sechste Halswirbel ist gebrochen. Ich hatte Glück, dass es den vierten nicht auch noch erwischt hat. Sonst wäre ich nämlich vom Hals abwärts gelähmt."

Es geschah am Vatertag 2020

Rückblick: Donnerstag, 21. Mai 2020, am oberen Ortseingang von Reitsch. Egon Grünbeck fährt an diesem sonnigen Vatertag nach einem Grill-Nachmittag bei seinem Schwager in Gundelsdorf mit dem Rad nach Hause. Die Ortsverbindungsstraße ist abschüssig, Grünbeck ist nur wenige Steinwürfe von seinem Haus entfernt, links die Kirche, rechts der Friedhof. Plötzlich verliert der damals 61-Jährige sein Bewusstsein und stürzt - vermutlich ein Schwächeanfall. Wahrscheinlich drückt er kurz zuvor unbewusst bei voller Fahrt beide Handbremsen, fliegt über den Lenker seines Mountainbikes und bleibt regungslos im Gras liegen. Kopfverletzungen, Prellungen, Schürfungen, offene Wunden und vor allem Wirbelbrüche, die das Rückenmark durchtrennen und eine Querschnittlähmung auslösen.

Um sein Leben gekämpft

"Ich kann mich an nichts mehr erinnern", sagt Egon Grünbeck über den Unfalltag. Er sitzt in einem blau-schwarzen Rollstuhl vor seinem grün gekachelten Kamin im Wohnzimmer. Im Hintergrund läuft an diesem Dienstagnachmittag ausnahmsweise mal kein Sport im TV, sondern die Trödelshow "Bares für Rares". Nur von Erzählungen weiß er heute, wie er damals gerettet wurde: "Ein Bauer und seine Frau hier aus dem Dorf haben mich gefunden." Eine Krankenschwester aus Reitsch joggte wenig später zufällig an der Unfallstelle vorbei und half. Dann geht alles ganz schnell: Blaulicht, Hubschrauberlärm, Polizei, Krankenwagen. Eineinhalb Stunden kämpfen Ärzte und Rettungskräfte um das Leben von Grünbeck. Erst danach wird er auf einer Trage zum Hubschrauber transportiert und nach Würzburg ins Klinikum geflogen.

Angst, Schmerzen - aber Hoffnung

Es war der Anfang schwerer Monate in drei Krankenhäusern. Geprägt von Ungewissheit, Angst und Schmerzen. Aber vor allem auch von Hoffnung. Grünbeck hat die Unterstützung seiner starken Familie. Er kann sich auf seine Familie verlassen. Vor allem auf seine Frau. Andrea ist in den schwersten Stunden seines Lebens an seiner Seite. Fast jeden Donnerstag fährt sie über das Wochenende bis Sonntagabend nach Murnau. Entweder mit dem Zug oder Verwandte, Freunde und Bekannte nehmen sie im Auto mit in die Klinik in den 376 Kilometer entfernten oberbayerischen Landkreis Garmisch-Partenkirchen. Denn dorthin wurde ihr Egon inzwischen verlegt.

Mit Klebestreifen am Tablet ins Internet

Jetzt, rund ein halbes Jahr später, erinnert sich Grünbeck: "Mir ging es damals sehr schlecht. Aber schon in Murnau habe ich mich immer wieder über alles informiert." Ein Physiotherapeut sei besonders hilfreich gewesen. Der bastelte ihm ein Tablet mit Klebestreifen an die richtige Stelle. Mit einem Spezialstift schrieb Grünbeck SMS und klickte sich fleißig durchs Internet. "Ich war immer auf dem Laufenden", sagt der Kreisspielleiter. In diesem Moment liegt das Tablet auf seinem Schoß. Die Seite des Bayerischen Fußballverbandes ist geöffnet. "Natürlich arbeite ich als Kreisspielleiter weiter. Meine beiden Kreisligen sind für mich kein Problem", sagt er. Corona nimmt Grünbeck ernst, hofft aber, dass die Saison in seinem Kreis zu Ende gespielt wird. Geduld sei eben gefragt.

Der Alltag in Reitsch ist beschwerlich

So wie er diese monatelang in den Krankenhäusern in Würzburg, Murnau und zuletzt in Bayreuth aufbrachte. Der Alltag in Reitsch ist beschwerlich. Das Badezimmer musste behindertengerecht umgebaut werden. "Ansonsten konnten wir alles so lassen", erklärt der Bewegungsfanatiker, der begeistert Rad fuhr und gerne Halbmarathonstrecken lief. Nun ist er auf einen Rollstuhl angewiesen. Ab dem Rumpf nach unten ist fast alles leblos. "Fast! Meine Zehen spüre ich." Deshalb ist Grünbecks Hoffnung groß, dass sich sein Allgemeinzustand weiter verbessert. Die Ärzte haben ihm gesagt, dass sich in den nächsten zwei Jahren noch einiges ändern kann. Das erklärt er mit vorsichtigem Optimismus und nimmt dann einen Schluck aus einem Glas mit Multivitaminsaft.

Arme sind voll belastbar

Seine Arme kann er voll belasten, seine Bauchmuskulatur einsetzen, nur die Beine bewegen sich nicht. Seine Hände spielen auch noch nicht ganz mit, doch "das wird schon". Mehrmals in der Woche bekommt er professionelle Hilfe. Der tapfere Patient ist heilfroh, dass er zum Zeitpunkt des Unfalls körperlich topfit war. "Das hat mir danach geholfen", ist sich der gewissenhafte Funktionär sicher. Wenn seine Schwiegertochter ihr Gesundheitszentrum in Knellendorf wieder öffnen darf, wird er dort seine Muskeln wieder aufbauen. Grünbeck kämpft sich zurück. Tag für Tag, Woche für Woche. Er lechzt nach Fortschritten. Er möchte wieder beweglicher sein und ein Stückweit unabhängiger werden.

Und vor allem: Er will wieder raus. Raus auf die Fußballplätze in seinem Landkreis. Nach Neukenroth, nach Reitsch, nach Friesen. Den neuen Kunstrasenplatz in Stockheim aus nächster Nähe begutachten. Dort am Maxschacht, wo er als Trainer einst mit den vielen Renks für Furore sorgte. "Im Pokal haben wir mal den FC Kronach 3:1 geschlagen. Das war taktisch und technisch unser bestes Spiel. Wahnsinn!" Oder nach Rothenkirchen, wo er mit seinem langjährigen Weggefährten Uwe Beetz und den Treuners fast in die Landesliga aufgestiegen wäre. In der Saison 1984/85 fehlten nur ein paar Pünktchen. Meister wurde damals der "große" SC Weismain. "Der Aufstieg wäre vergleichbar mit der Deutschen Meisterschaft des SC Freiburg", ordnet Grünbeck die Leistung von damals ein. Ein verschmitztes Lächeln kommt ihm dabei über sein schmal gewordenes Gesicht.

Egon schwelgt gerne in Erinnerungen

Endlich. Egon Grünbeck kann doch noch Lachen. Wenn dieser "Fußballer mit Leib und Seele" von den guten, alten Zeiten redet, geht ihm sprichwörtlich das Herz auf. Dann vergisst er für ein paar Minuten seine Sorgen, schwelgt in Erinnerungen. Am liebsten würde er seinen dicken Ordner aus dem Regal holen. Darin hat er alle Berichte eingeklebt: jede Saison, jedes Spiel, jedes Grünbeck-Tor. Doch das alles ist Vergangenheit.

Die Gegenwart sieht nicht so rosig aus. Jetzt muss der einstige Mittelstürmer andere Hindernisse umkurven. Seine Lähmung drückt ihm aufs Gemüt, doch er hat dieses Handicap inzwischen angenommen: "Was bleibt mir denn anderes übrig, ich mache das Beste aus meiner Situation." Mit Neuanfängen hat der Pragmatiker gute Erfahrungen und von der Zielstrebigkeit seines alten Lebens hat Grünbeck wenig eingebüßt. Aber natürlich ist er sich im Klaren, dass jetzt gebrochene Halswirbel seine Achillesferse sind...