Udo Lindenberg schmückt seinen Weihnachtsbaum gern etwas anders. Wenn andere hübsche Glaskugeln an die Zweige hängen, dürfen es bei Udo lieber Zigarren und Eierlikörflaschen sein. Für Jessica Zitzmann und ihre Kollegen in der Glasbläserei der Inge-Glas Manufaktur sind solche Sonderwünsche nicht so ungewöhnlich, wie man meinen möchte. Alles was sie brauchen ist Feuer, Glas und die vorgegebene Form den neuen Produkts.
Die 22-Jährige hat eine dreijährige Ausbildung an der Berufsfachschule-Glas in Lauscha absolviert. "Die Glasbläser kommen mit einer guten Ausbildung von Lauscha", lobt ihr Chef Klaus Müller-Blech. Er ist heute Geschäftsleiter des Familienunternehmens, das seit Generationen Glasschmuck herstellt. Die Kollektion Manufaktur wird komplett in Handarbeit in Neustadt hergestellt. Das ist es, was Jessica Zitzmann tut.

Wenn Glasbläser sagen, sie sitzen vor der Lampe, meinen sie damit eine beachtliche Stichflamme, in deren Hitze ihr Werkstoff weich und geschmeidig gemacht wird. Aus einem einfachen Glasrohr bläst Jessica Zitzmann einen Kolben.


Geduld gehört zum Berufsbild

Das Glas bis zum Schmelzpunkt zu erhitzen, es im genau richtigen Moment in die Form zu geben, das erfordert viel Fingerspitzengefühl. Kein Wunder, dass die junge Frau Geduld als wichtige Voraussetzung für jemanden nennt, der in ihren Beruf einsteigen möchte. Kreativität und gutes Vorstellungsvermögen findet sie ebenso wichtig.

Es sieht recht einfach aus, wenn sie so da sitzt und Glasröhrchen für Glasröhrchen so zurecht bläst, dass es genau in die Form passt, die daraus einen durchsichtigen kleinen Fisch macht. "Es ist nicht so einfach wie es aussieht", sagt Jessica Zitzmann und ist wieder bei der Geduld. Aus ihrer Schulzeit weiß sie: "Gerade am Anfang klappt es oft nicht so wie man möchte."


Fasziniert von Glas

Der Umgang mit Glas und die Herstellung von Schmuck für den Weihnachtsbaum, faszinierte sie schon als Kind sagt die 22-Jährige. Die Oma arbeitete schon bei Inge-Glas. Sie war Malerin. Diesen Produktionsschritt kann Jessica Zitzmann auch: "An der Berufsfachschule lernt man alles", stellt sie fest.

Doch jetzt im Beruf steht sie am Beginn der Produktionskette. Was bei ihr noch durchsichtig ist, wird eine Station weiter versilbert. In den Glaskörper kommt eine Silberlösung, die sich unter Hitze an der Innenseite niederschlägt. Jetzt sehen die Rohteile wie kleine Spiegel in allen möglichen Formen aus. Die Maler geben ihnen dann das endgültige Aussehen, ehe sie mit dem Sternkrönchen versehen werden. Die kleine Drahtöse in Sternform ist als solche geschützt und ein Markenzeichen für Inge-Glas. "Das haben nur wir, es zeigt, dass das Produkt in Deutschland, also in Neustadt, hergestellt ist", sagt Klaus Müller-Blech nicht ohne Stolz.


Altes Handwerk

Die Herstellung erfolgt dabei im Grunde wie seit Jahrhunderten. Die Brenner sind leiser geworden, aber immer noch laut. Damit die Hitze erträglicher wird, saugt sie ein dickes Rohr über der Lampe ab. Ein Job für Leute, die es heiß mögen, bleibt die Glasbläserei trotzdem. Und eine Sonnebrille gehört zur Berufskleidung - was allerdings schon wieder ziemlich cool aussieht. Ein Job für Zappelphilippe ist die Glasbläserei nicht. Es gehört schon eine gewisse Ruhe dazu, acht Stunden vor einer Flamme zu sitzen und sorgfältig diese kleinen filigranen Teile aus einem so empfindlichen Material herzustellen.

Wie aufwendig die Herstellung solcher handgefertigter Schmuckartikel ist, das wird Kunden in exklusiven Häusern immer wieder auch vorgeführt. "Wir wollen damit Verständnis dafür wecken, dass so etwas eben auch seinen Preis hat", sagt Klaus Müller-Blech. Jessica Zitzmann durfte solche Vorführungen auch schon übernehmen. Im KaDeWe in Berlin beispielsweise oder bei Ludwig Beck (das ist der am Rathauseck) in München. "Das ist dann schon eine interessante Abwechslung", sagt sie und strahlt. Spaß macht ihr der Beruf "auf alle Fälle", wie sie betont.
Für Abwechslung sorgen auch die Kundenwünsche. Es gibt zum Beispiel Kleinserien für einzelne Häuser wie das KaDeWe, oder regelrechte Sammelkollektionen zu allen möglichen Anlässen. "Es ist nicht mehr so, dass verschieden große Kugeln in einer bestimmten Farbe an den Baum kommen", erklärt Klaus Müller-Blech. Kugeln, Glöckchen, Vögel und bunte Zapfen gibt es immer noch. Aber eben auch nostalgisches wie Schmuck im viktorianischen Stil mit aufwendigen Figürchen, Tiere vom Affen über Elefanten bis Zebra, Mops und Kätzchen. Es soll lieber das Paar Weißwürste sein? Gibt es. König Ludwig und die Brezn wird gleich mit angeboten. Im Laufe von rund 120 Jahren Firmengeschichte haben sich rund 15 000 Formen im Firmenarchiv angesammelt - ein Schatz, über den kaum ein anderes Unternehmen verfügen dürfte. Darunter befinden sich abgefahrene Besonderheiten wie patriotischer Schmuck für den US-Markt während des Golfkriegs oder "Santa Pauli", ein recht gewagt gekleideter Weihnachtsmann für den Hamburger Markt.
Figürchen, die immer wieder ein wenig Abwechslung in den Beruf von Jessica Zitzmann bringen und bei ihr das schöne Bewusstsein wach halten, dass sie etwas herstellt, das dafür gedacht ist, Menschen Freude zu machen. Ein Bewusstsein, das nicht jeder immer haben kann. Und wer macht schon den Schmuck für Udos Panikbaum?