Und wieder ganz anders bei Leise am Markt. So wie der Begriff Jazz der hilflose Versuch ist, das immer wieder gänzlich Andere in eine Kategorie zu bringen. Etwas von dieser atemberaubenden Vielfalt will die Leiterin der neuen, privaten Kulturinitiative in der Herrngasse, Antoinetta Bafas, spürbar werden lassen im bisher vom "Jazz" eher selten berührten Coburg. Am Samstag Abend in dem proppenvollen, wunderbaren neuen Kunstraum präsentierte sie mit dem Jörg Seidel Trio klassischen kammermusikalisch konzentrierten Swing vom Feinsten.

Der aus Bremerhaven stammende Gitarrist und Vokalist Jörg Seidel ist ein umtriebiger Musiker, der verschiedene Ensembles und Programme pflegt.
Auf der Bühne ist er ein informativer, vor allem aber auch witziger Entertainer, der auch vergnüglich skurrile Ausflüge unternimmt, in ein nepalesisches Gedicht über die Aufzucht von Yaks etwa, wie er seinem amüsierten Publikum zu verklickern versucht, wenn er gerade wieder einmal eine furiose Scat-Einlage geliefert hat.

Frei und absolut sicher

Das Besondere an diesem vor allem von den Klassikern Nat King Coles (1919 - 1965) ausgehenden Programm: Das Trio wagte es, ohne stützenden, schützenden elektronischen Klangraum zu spielen, vom kleinen E-Gitarrenverstärker abgesehen. Was an diesem Abend zu einem für Musiker wie Zuhörer sehr unmittelbaren, geradezu intimem und berührenden Erlebnis führte.

So selbstverliebt sich Jörg Seidel gibt, so hingebungsvoll fügt er sich an seiner vollakustischen E-Gitarre mit dem Pianisten Bernhard Pichl und dem international nicht weniger renommierten Bassisten Rudi Engel, beide Professoren an den Hochschulen Würzburg und Nürnberg und kongeniale Partner Seidels, in die Suche nach dem noch leiseren, noch "wahreren", reinen Klang, rhythmisch in größter Souveränität scheinbar anstrengungslos tänzelnd, atmend, schwerelos lebend.

Der traumhaft schweifende Sound Django Reinhardts, in dem Seidel sozialisiert sei, wie er sagt, weht immer wieder heran. Jörg Seidel singt mit weicher, irgendwo leicht angerauter Stimme im augenzwinkernden Understatement scheinbar lässig vor sich hin, erzählt stilsicher und souverän die Liebesgeschichten, "Mona Lisa", "For Sentimental Reasons", "Three Little Words", ganz wunderbar melancholisch auch "The Boulevard of Broken Dreams". Bis er zum Schluss und Höhepunkt dann auch diese Geschichten hinter sich und seine Stimme zum puren Instrument werden lässt im sich rundum befeuern den Spiel mit Bass und Piano.

Aus Ray Hendersons "Bye, Bye Blackbird" heraus katapultierte sich Seidel in jene fulminante Improvisa tion mit bedeutungslosen Silben, ließ sich und seine hingerissenen Zuhörer frei fliegen in dieser fantasievollen Welt aus Rhythmus, Melodie und Klang. Diesen Drive kriegt man lange nicht mehr aus den Adern.


Bremerhaven, übernahm durch frühe Kontakte zu deutschen Sinti und Roma deren Musikstil und spielte unter anderem fünf Jahre lang im Quintett des Heidelberger Sinti-Geigers Wendeli Köhler. Danach erschloss er sich Bebop und den Jazz der Westcoast-Musiker und gründete zusammen mit dem Pianisten Joe Dinkelbach und dem Bassisten Gerold Donker das Jörg Seidel Swing Trio, das mit unterschiedlichen Gästen arbeitet, darunter Bill Ramsey, Ron Williams, Greetje Kauffeld, Ines Reiger und Silvia Droste. In seinem European Swing Trio spielt er mit Hajo Hoffmann und Jean-Louis Rassinfosse. Weiterhin hat er die Gipsy Jazz Connexion gegründet. Seidel ist Hochschullehrer für E-Gitarre und Jazzgesang und betreibt sein eigenes Label mit dem Namen Swingland-Records.

Bernhard Pichl, ist Dozent für Jazzpiano, Jazzgeschichte und Ensemble an den Hochschulen für Musik Nürnberg und Würzburg. Er arbeitete mit zahlreichen bedeutenden Jazzmusikern und Orchestern zusammen und war an mehr als zwei Dutzend CD-Produktionen beteiligt.

Rudi Engel ist Professor für Jazz-Bass an den Musikhochschulen Würzburg und Nürnberg. Auch er arbeitet weltweit mit führenden Jazzmusiker zusammen.

Ausblick Am kommenden Sonntag, 7. Dezember, ist ab 18 Uhr der iranische Perkussionist Hadi Alizadeh zu Gast bei Leise am Markt. Karten (15 Euro) gibt es unter kultur@leise-am-markt.de oder Telefon