Er wirft mit links, er schießt mit links, er schreibt mit links. Er schläft auch nur auf der linken Seite ein - zumindest wenn er gesund ist. Doch Jakob Knauer ist derzeit nicht gesund und erst recht kein "linker Typ". Eher das Gegenteil: Der 21-jährige Lokalmatador des Handball-Erstligisten HSC Coburg steht mit beiden Füßen im Leben und lässt sich nicht so schnell aus der Bahn werfen. Er weiß was er will: Einmal mehr Aufstehen als Hinfallen! Auch seine zweite schwere Schulterverletzung binnen eines Jahres trägt er mit Fassung, nimmt sie mit Haut und Haar an: "Ich komme zurück - ganz sicher."

Wir treffen den derzeit an seiner Wurfschulter arg lädierten Sportler mit dem kleinen Bärtchen unter der Nase nur einen Ballwurf von seinem Haus entfernt, auf dem Bolzplatz im Neustadter Musikerviertel. Also dort, wo er schon als "Dreikäsehoch" fleißig gesprungen, gerannt und vor allem gekickt hat. Wohlgemerkt gekickt! "Handball hat doch keiner gespielt, viel lieber Fußball", flüstert Jakob, grinst ein wenig verlegen und bittet darum, es niemanden zu sagen. Doch schämen muss er sich dafür nicht, schließlich zählt er zu den besten Kickern im HSC-Team. Doch bevor er seine Fähigkeiten mit den Füßen und vor allem mit den Händen wieder im Mannschaftstraining unter Beweis stellen kann, braucht er Geduld. Jakobs Weg wird kein leichter sein. Schon zum zweiten Mal!

"Aber 2021 lasse ich mir für mein Comeback ein wenig mehr Zeit", sagt er entschlossen. Nach seiner ersten Schulter-Operation im Vorjahr verlief der Heilungsprozess nämlich verdammt schnell. Einen Monat vor Plan kehrte er bereits auf die Platte zurück. "Das ging alles sehr schnell. Die 1. Liga ist jetzt allerdings ein anderes Pflaster" - oder besser gesagt ein "Haifischbecken". Da geht es zur Sache. Doch der ehrgeizige Jakob, der sich familiär gegen zwei Schwestern und einem Bruder behaupten muss und zudem mit Jochen Knauer, dem ehemaligen Geschäftsführer der HSC-GmbH noch einen Handball-besessenen Vater hat, will topfit in die HUK-Arena zurückkehren. Erst dann kann er nahtlos an seine starken Leistungen anknüpfen.

Die rechte Rückraum-Position erobert

Der zweite Rückschlag passierte nämlich zu einer denkbar ungünstigen Zeit. Knauer spielte eine klasse Vorbereitung und trat mit neuem Selbstbewusstsein in den ersten Punktspielen auf. Glaubt man HSC-Insidern, dann hatte er sich gerade den Stammplatz auf der rechten Rückraumposition erobert. Und das immerhin von so einem gestandenen Profi wie Pontus Zetterman, auf dessen Schultern seit Knauers Ausfall nun die Hauptverantwortung auf dieser wichtigen Position lastet.

Auf Jakobs Schulter darf dagegen derzeit überhaupt nichts lasten. Doch Besserung naht. "Die spezielle Stützbandage darf er in den nächsten Tagen abnehmen. "Dann kann ich vorsichtig mit Reha-Übungen beginnen. Und ich darf endlich wieder Autofahren", sagt er und wirkt dabei erleichtert.

Dass er den körperbetonten Stil, mit dem er Handball spielte und mit dem es der 1,93-Meter-Mann bis in die U21- Nationalmannschaft schaffte, nach seiner Rückkehr in Deutschlands Eliteliga ändert, schließt er aus. Der ehemalige Jugend-Bundesligaspieler der Berliner Füchse - seine Eltern schickten ihn früh in ein Handball-Internat in die Bundeshauptstadt - wird zum Leidwesen seiner Mutter erneut dorthin gehen, wo es nicht nur sprichwörtlich, sondern für Jakob Knauer schon zweimal richtig weh tat...

Interview mit Jakob Knauer

"Verein, Fans und Sponsoren können diese schwierige Phase überstehen"

Hallo Herr Knauer, wie geht's?

Jakob Knauer: Mir geht es den Umständen entsprechend gut. Ich habe in der Schulter keine Schmerzen mehr und muss deshalb auch keine Medikamente oder Schmerzmittel nehmen. Die Physiotherapie verläuft durchweg positiv. Unsere medizinische Abteilung ist sehr zufrieden mit dem bisherigen Heilungsverlauf.

Beschreiben Sie doch mal, wie Sie die Aktion, die zur Schulterverletzung führte, erlebt haben.

Die Aktion war ein typisches "Eins-gegen-Eins gegen die Hand" von mir. Viele Spieler nehmen dazu den Wurfarm über den Gegenspieler ("Überzieher"). Ich probiere hingegen meinen Wurfarm unter den Armen des Gegenspielers quasi durchzustecken, da ich so schneller bin und die Bewegung explosiver durchführen kann. Das wurde mir jedoch in der besagten Aktion zum Verhängnis, da der Gegenspieler meinen Arm festhalten konnte und anschließend unglücklich darauf gefallen ist. Ich habe natürlich sofort gemerkt, dass die Schulter ausgekugelt ist, da ich meinen Arm nicht mehr bewegen konnte und er auch nicht mehr an Ort und Stelle war.

Welche Gefühle schossen Ihnen in diesen Momenten durch den Kopf?

Ich war erstmal sehr geschockt darüber, dass ich meinen Arm nicht mehr wirklich spüren konnte. Natürlich hat es auch sehr geschmerzt, aber ich habe mir sofort gedacht: "Nicht schon wieder die Schulter!" Außerdem habe ich gehofft, dass unser Physiotherapeut oder der Teamarzt die Schulter schnellstmöglich wieder Einkugeln kann. Das Zurückbringen in Normalposition der Schulter gelang dann noch direkt auf dem Spielfeld.

Haben Sie mit dem Gedanken gespielt, Ihre Handball-Karriere zu beenden? Es ist ja schon die zweite, schwere Schulter-Verletzung.

Ich werde keine Sekunde an das Karriereende denken, da ich ein Kämpfertyp bin. Meine Schulter war nach der ersten Operation sogar deutlich besser als noch vor der Verletzung letztes Jahr im unverletzten Zustand. Ich habe gemerkt, dass dich jeder einzelne Tropfen Schweiß in der Reha stärker zurückkommen lässt. Genau so werde ich diesen Weg wieder gehen. Zudem handelt es sich nicht ganz um die gleiche Verletzung. Das lädierte Labrum ist nach der letzten Operation so gut verheilt, dass es dieses Mal an einer anderen Stelle gerissen ist. Zudem sind keine anderen Sehnen in Mitleidenschaft gezogen worden. Dieser Fakt hilft mir enorm, wieder Vertrauen in die Schulter aufzubauen, wenn es Richtung Handball- und Krafttraining geht.

Wie und wann soll es mit dem Comeback klappen? Schildern Sie doch mal den Zeitplan.

Aktuell muss ich meine Schulter noch eine Woche lang mit dem Schulterverband ruhigstellen. Somit ist außer Physiotherapie noch nicht viel möglich. In der Physiotherapie arbeiten wir momentan an einem Gleichgewicht aus Stabilität und Beweglichkeit der Schulter. Der nächste Schritt wird dann die aktive Ansteuerung der Schultermuskeln, Ausdauertraining auf dem Fahrrad-Ergometer und Koordinationsübungen als Trainingseinstieg sein. Sollte alles nach Plan verlaufen, wie es aktuell der Fall ist, bin ich ab Februar wieder für mehrere Wochen bei unserem Reha-Partner Heyd in Bischberg. Danach beginnt die Wiedereingliederung in den Trainingsalltag, mit dem ich ab April rechne. Wann es letztendlich wieder für Einsätze in der Bundesliga reicht, kann man zum aktuellen Stand der Verletzung nicht sagen.

Was haben Sie als Profi-Handballer für Zukunftspläne?

Wie schon gesagt, ich habe keine Sekunde an das Karriereende gedacht. Es ist aber auch jedem bekannt, dass die meisten Handballer nach der aktiven Karriere nicht ewig vom Sport leben können, weshalb ich seit einem Jahr Wirtschaftsinformatik studiere. Das hat aber keinen Zusammenhang mit der Verletzung.

Warum steigt der HSC Coburg trotz dieses Fehlstarts nicht ab?

Wir haben enormes Potenzial in der Mannschaft, was man schon in der Vorbereitung beim Sieg in Hannover oder bei der knappen Niederlage gegen Erlangen erkennen konnte. Wir haben gesehen, dass wir gegen fast alle Gegner über weite Teile des Spiels mithalten können. Nun gilt es, die ersten Spiele zu analysieren und die Fehler aufzuarbeiten. Ich bin mir zu 100 Prozent sicher, dass wir den Schalter umlegen und noch den ein oder anderen unerwarteten Punkt holen.

Kann Profi-Handball am Standort Coburg auf Dauer überhaupt überleben? Corona macht dem HSC das Leben verdammt schwer.

Von der Pandemie und dem daraus resultierenden wirtschaftlichen Ausnahmezustand, sind nicht nur wir betroffen. Zum Einen sitzen alle Bundesliga-Klubs in einem Boot, zum Anderen ist die angespannte wirtschaftliche Lage fast ausnahmslos branchenübergreifend und flächendeckend. Wenn wir, der Verein, die Fans und die Sponsoren zusammen halten, können wir diese schwierige Phase mit Geduld gemeinsam überstehen und uns bald wieder in der HUK-Coburg Arena sehen.

Das Gespräch führte Christoph Böger