Zwischen 8000 und 10.000 Personen haben am Wochenende in der Münchner Innenstadt unter dem Motto "Mir hams satt" gegen eine industrialisierte Landwirtschaft und für den Erhalt kleiner, umweltgerechter Bauernhöfe demonstriert. Dabei gab es eine bisher einmalige Allianz: Mit dem Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) marschierte erstmals ein eher für konventionelle Landwirtschaft stehender Verband an der Seite der Umweltverbände.
Mit von der Partie war auch eine 15-köpfige Delegation der Coburger Kreisgruppe im Landesbund für Vogelschutz (LBV). Deren Vorsitzender, Frank Reißenweber, will sich auch im Coburger Land für den Erhalt der bäuerlichen Landwirtschaft stark machen.
LBV-Landesvorsitzender Ludwig Sothmann überreichte am Ende der Demo nach seiner Ansprache einen Forderungskatalog an die Staatskanzlei.

Wie haben Sie die außergewöhnliche Allianz der Demonstration in München empfunden?
Frank Reißenweber: Alle, die dabei waren, stehen voll hinter der Sache. Immer mehr Landwirte, Naturschützer und kirchliche Verbände sind der Meinung, dass die industrialisierte Landwirtschaft die Ernährungsprobleme der Menschheit und die Umweltprobleme nicht lösen kann. Sie ist nämlich nicht die Lösung, sondern das Problem!
Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?
Die Entwicklung läuft darauf hinaus, dass einige wenige Betriebe überleben und dann äußerst intensiv wirtschaften werden. Schon jetzt werden sieben Prozent der weltweiten Ackerfläche für Bioenergie gebraucht. Dabei haben Biosprit und Biogas, gerade in ärmeren Ländern, eine alles andere als tolle Energie- und vor allem Klimabilanz, teilweise sogar schlechter als herkömmlicher, fossiler Kraftstoff. Außerdem warnen wir vor dem Einsatz von genveränderten Produkten. Wenn Gen-Mais in Futtermittel für die Tiere gemischt werden darf, gelangt er letzten Endes damit auch in unsere Lebensmittelkette.

Was sind aus Sicht des Naturschutzes die gravierendsten negativen Folgen der industrialisierten Landwirtschaft?
Sie geht ganz klar zu Lasten der Artenvielfalt. Wenn alles ausgereizt wird und die bunten Wiesen, Feldraine, Brachen und Randstreifen verschwinden, dann verlieren viele Pflanzen und Tiere ihren Lebensraum.

Aber der Landkreis Coburg macht derzeit doch nicht den Eindruck einer Agrarwüste...
Das stimmt. In den meisten bayerischen Regionen ist die Situation besser als im deutschen Durchschnitt. So große industrialisierte Betriebe mit Massentierhaltung wie in Niedersachsen oder in den neuen Bundesländern gibt es bei uns zum Glück noch nicht. Aber die Entwicklung geht leider auch bei uns steil in diese Richtung. Allerdings gibt es durchaus in Thüringen auch Großbetriebe, die vorbildlich extensive Beweidung praktizieren und sogar einen eigenen Betriebszweig mit angestellten Wanderschäfern unterhalten, Sie setzen so zahlreiche Naturschutzmaßnahmen erfolgreiche mit um. "Groß" allein ist also nicht negativ, sondern die Kombination aus "groß" und "industrialisiert". Und dahin geht leider der durch falsche Subventionierung unterstützte Trend.

Demnächst wird die EU ihre Förder-Kriterien für die Landwirtschaft neu aufstellen. Was erhoffen Sie sich davon?
Die Agrarsubventionen müssen von den industrialisierten Großbetrieben in Richtung der kleinen und mittelständischen bäuerlichen Betriebe umgelenkt werden, sofern diese gehobene ökologische Standards erfüllen (z.B. Vorgaben zur Sicherung der Artenvielfalt, was heute noch überhaupt nicht funktioniert). Die EU muss solche sozialen und ökologischen Standards an die Vergabe ihrer Subventionen viel stärker als bisher koppeln und die Mittelausstattung für darüberhinaus gehende freiwillige Agrarumweltmaßnahmen massiv verbessern. Unsere Forderungen gehen nicht gegen die Bauern - sie gehen gegen riesige, industrielle Mastviehbetriebe mit tausenden von Tieren. Das begreifen glücklicherweise immer mehr Landwirte und lassen sich nicht länger gegen uns Naturschützer aufhetzen!

Was können die Menschen im Coburger Land tun, um Produkten aus industrialisierter Landwirtschaft aus dem Weg zu gehen?

Bio-Produkte kaufen, auch wenn sie teurer sind! Aber es ist auch schon ein erster Schritt, wenn man sich bei seinen Einkäufen auf regionale Anbieter konzentriert. Vor Ort einzukaufen, ist schon einmal viel besser als namenlose Massenware zu konsumieren. Wer immer nur das Allerbilligste kauft und trotzdem Qualität erwartet, der betrügt sich selbst.

Das Gespräch führte
Berthold Köhler