Das ist schon mal sehr nett von ihm, selbstverständlich auch klug: Bernhard F. Loges schnuppert so oft es geht Coburger Luft und lässt sich beschnuppern, stellt sich in die Landschaft, wie am sonnigen Sonntag auf dem Schlossplatz, zum Höhepunkt der Theatersaison, zur "Parsifal"-Premiere, und guckt alle freudig an, mit einer Spur geradezu kindlicher Erwartung. Er ist der designierte Intendant des Landestheaters Coburg, wird sein Amt offiziell zur Saison 2018/19 antreten.


Und der scheidende Intendant Bodo Busse lässt keine Gelegenheit aus, geradezu väterlich, auf seinen Nachfolger zu verweisen, was nichts mit Altersunterschied zu tun hat - zwischen den beiden liegt keine Generation. Der 48-jährige Busse übernimmt im Sommer die Leitung des Staatstheaters Saarbrücken, hat dort also mehr als genug zu tun, will aber seine strahlende, die Coburger allesamt umarmende Rolle, die er in sieben Jahren immer weiter ausgebaut hat, keine Sekunde zu früh aufgeben. Was sich die Coburger gerne gefallen lassen.


Aber sehen Sie, wir blicken schon wieder schmunzelnd auf diesen Busse, wo wir uns doch den Loges angucken wollen, womit eines schon hier klar werden dürfte: Einfach wird es der 36-Jährige nicht haben. Nicht weil die Region nicht offen und neugierig ist auf den gegenwärtig noch als Musikdramaturg an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf Eingespannten.


Doch im Gegensatz zu früheren (deswegen keineswegs allesamt schlechten) Intendanten hat Bodo Busse dem Landestheater nicht nur ungeahntes künstlerisches Profil und Ausstrahlung verschafft, sondern ist eben auch in eine gesellschaftliche Position hineingewachsen, mit der die Bedeutung und Inspiration des Kulturellen für Coburg neues (Selbst)Bewusstsein erlangte. Er gab uns - um einen Kollegen zu zitieren - ein bisschen den Theaterherzog.


Davon scheint Bernhard F. Loges auch schon etwas gespürt zu haben, denn einer seiner zentralen Aussagen ist bisher: "Was Busse hier geschaffen hat, ist eine Riesenleistung. Das muss man nicht abbrechen, das muss man weitergestalten." Auf diesem Weg könne er genug eigene Akzente setzen. Einen "Kaltstart", also mit komplett neuer Mannschaft anzurücken, wie er bei Intendantenwechseln nicht unüblich ist, "halte ich für Quatsch".


Coburg ist ihm nicht fremd

Loges sagt, dass er auch schon früher, bevor ihn der Düsseldorfer Intendant Christoph Meyer ermutigt habe, sich hier zu bewerben, öfter im Coburger Landestheater gewesen sei, weil eben so viel Spannendes hier stattfand. Und so komme es ihm entgegen, dass das für die Übergangsspielzeit 2017/2018 bestimmte Interimsdirektorium seinerseits Interesse daran habe, in Coburg weiter zu machen. Bis zum Ende der Spielzeit will Loges klären, ob er mit Generalmusikdirektor Roland Kluttig, Schauspielchef Matthias Straub und Ballettchef Mark McClain die Herausforderungen der 2019 beginnenden Generalsanierung angehen will - und sie mit ihm. Als schon nicht mehr ganz so neuer Verwaltungsdirektor (seit Frühjahr letzten Jahres) jedenfalls steht Fritz Frömming im organisatorischen Hintergrund.


Deshalb will Loges, der gleichzeitig in Düsseldorf als Dramaturg jetzt den neuen "Ring" von Dietrich Hilsdorf (Start mit dem "Rheingold" am 23. Juni) mit zu verantworten hat, mindestens vier bis fünf Tage monatlich in Coburg verbringen. "Ich will so viel wie möglich sehen, schau'n, wen ich aus dem Ensemble übernehmen kann." Namen werden selbstverständlich noch nicht genannt, gäb' ja nur Unfrieden.


Außerdem lässt er sich die Produktionslisten der letzten 20 Jahre zusammenstellen, um, gestützt auf die Erfahrung der gegenwärtigen Spartenleiter, den möglichst intensiv auf Coburg zugeschnittenen Spielplan seiner ersten Saison zu erarbeiten.


Oder besser seine Spielpläne. Denn Loges möchte zu einer Dramaturgie kommen, welche die fünf Jahre in der Ausweichspielstätte am Anger übergreift, mit klar erkennbaren künstlerischen und inhaltlichen Linien in allen Sparten. "Ich sehe das Interim auch als Chance." Heilfroh sei er ja aber , dass man sich in Coburg nicht für ein Theaterzelt entschieden hat. Da seien die Unwägbarkeiten doch sehr groß.


Junge Oper - da ist Potenzial

Inhaltlich stellt sich Loges einen Schwerpunkt seiner Arbeit im Bereich "Junge Oper" vor, wie er es an seinem bisherigen Wirkungsort mit initiiert hat, ein neues Musiktheater für die Familie jenseits von "Hänsel und Gretel", was aber zusätzlichen Aufwand und Etat erfordern wird. Denn die Stücke dafür müssen erst komponiert werden.
Was den organisatorischen Rahmen anbelangt, strebt Loges verstärkte Kooperation mit anderen Häusern an, mit Nürnberg sei er bereits im Gespräch. Wie Loges überhaupt ein Netzwerker zu sein scheint, so wie er von hier und da und diesem und jenem im bundesdeutschen Theater erzählt. Davon könnte Coburg nur profitieren. Dass er schon von verschiedenen namhaften Regieteams gehört habe, wie gern sie nach Coburg kommen, obwohl sie durchaus andere (finanzielle) Ebenen gewöhnt sind, spricht für sich.


Was Bernhard Loges bisher an Coburg wahrgenommen hat? Ein schönes Städtchen, die kurzen Wege, dass man im Zentrum der Aufmerksamkeit sein könne und dann doch ganz schnell in der Natur, in 25 Minuten zur Veste hochgelaufen, so dass man den Kopf wieder frei kriegt. - Das wird er brauchen.





Der "Fluch" des Fliegenden Holländers und Grüße aus Transsilvanien




Bernhard F. Loges wurde 1980 in der Nähe von Aachen geboren und wuchs im Dreiländereck auf, besuchte Schulen in Deutschland. Sein Vater war Theologe. Die Affinität zum Theater, wie Loges im Gespräch mit dem Tageblatt, erzählt, lag in der Familie, bereits der Großvater hatte eine Laienspielschar in Oberhausen gegründet. Zur Oper kam Loges schon als Kind. Weil er von historischen Segelschiff-Modellen fasziniert war, schenkten ihm seine Eltern eine Aufnahme des "Fliegenden Holländers". Da war er wohl neun oder zehn und die Sache mehr oder weniger vorgegeben: Schulspiel, Hospitanz am Theater Aachen, Jugendclub, der Wunsch, Schauspieler zu werden, die Erfahrung, dass man hinter der Bühne das Atmosphärische stärker beeinflussen könne. Eigene Inszenierungen an kleineren Einrichtungen. Klavierunterricht hatte er seit seinem elften Lebensjahr, auch eine Zeit lang Gesangsunterricht.
 Loges studierte Theaterwissenschaft, Alte Geschichte und Vergleichende Literaturwissenschaft in Bochum; die praktische Theaterarbeit ging weiter, "da hatte ich wahnsinnig Glück". Neben der Arbeit in der freien Szene und der Gründung einer Theatergruppe landete er alle paar Jahre wieder an der Deutschen Oper in Düsseldorf, wo er 2009 auch die Anstellung als Musikdramaturg fand. Unterdessen hatte er promoviert, über die Bedeutung hysterischer Frauen auf der Opernbühne: Heiliger Wahnsinn auf der Bühne. In Düsseldorf ist er seither auch mitverantwortlich für das Opernstudio und die Junge Oper am Rhein, die sich unter anderem dadurch auszeichnet, dass sie gezielt Musik- theaterstücke für junges Publikum in Auftrag gibt. Privat sorgt Loges mit Schwimmen und Krafttraining für seine Fitness, liest gerne und hört Musik, "andere als im Theater", gesteht er lachend, "Nick Cave, Leonard Cohen und Motorhead, auch Jazz." Loges ist verheiratet: "Die Familie meiner Frau Kinga stammt aus Transsilvanien." - Huch. C.H.