"Der HSC ist die einzige Mannschaft weltweit, die noch keinen Punkt in einem Pflichtspiel bei der MT Melsungen abgegeben hat." Natürlich muss Jochen Knauer bei dieser Feststellung schmunzeln. Aber das Aufsichtsratsmitglied hat recht: zwei Spiele - vier Punkte. Die "Gelb-Schwarzen" entwickeln sich langsam, aber sicher zu einem Angstgegner für den mit fünf deutschen Nationalspielern gespickten Erstligisten.

"Die Jungs wissen jetzt, es geht"

Der Befreiungsschlag löste am Donnerstagabend Erleichterung bei den Coburgern aus. Von Euphorie kann keine Rede sein - zwei Punkte aus elf Spielen sind zu wenig. Noch zieren die Vestestädter das Tabellenende der stärksten Liga der Welt. Doch die in Kassel gezeigte Leistung macht Hoffnung. Die Vorfreude auf die wichtigen Spiele zu Hause gegen Göppingen am nächsten Mittwoch (Anwurf 18 Uhr in der HUK-Arena) oder gegen die Ludwigshafener Eulen sowie in Essen steigt. "Die Jungs wissen jetzt, es geht, auch in einem Auswärtsspiel gegen eine Top-Mannschaft," sagt Vorstandssprecher Stefan Apfel. Er hofft nun auf Rückenwind für die nächsten Partien und hat nach eigenen Worten "Lust auf weitere Punkte": "Es war ein ungemein gutes Gefühl, diesen ersten Sieg im Fernsehen miterlebt zu haben, wobei ich bis zur 58. Minute gezittert habe. Es macht einen auch stolz, wie sich Alois und die Mannschaft jetzt endlich selbst belohnt haben. Ich fand uns bei vielen Spielen nichts so schlecht, wie man uns gemacht hat. Es haben oft nur Kleinigkeiten gefehlt. Oder wir haben es nicht geschafft, dass mal alle auf den Punkt ihre Leistung gebracht haben. Dies hat nun in Melsungen das erste Mal geklappt."

Jochen Knauer hat eine überragende und vor allem geschlossene Mannschaftsleistung am Fernseher beobachtet, aus der Pontus Zettermann hervorzuheben sei. Der Linkshänder machte sein bestes Saisonspiel und traf aus dem Rückraum nach Belieben. "Nach vielen sehr guten Ansätzen in den ersten Spielen", so Knauer, seien die beiden ersten Punkte überfällig gewesen. Das könnte seiner Meinung nach jetzt einen richtigen Push für die nächsten wichtigen Spiele geben, so dass der HSC aus seiner Sicht nach den nächsten drei Spielen mehr als im Soll stehen kann.

Auch Matthias Dietz ist zufrieden: "Endlich haben mal alle Rädchen ineinandergegriffen und alle haben gezeigt, welches Potenzial in der Mannschaft steckt. Ich ziehe den imaginären Hut vor der gestrigen Leistung. Der Gegner war ja nicht irgendwer, sondern ein Europapokal-Team gespickt mit Nationalspielern. Alois Auszeit mit ,Raketen im Hintern' beschreibt die letzten Minuten des Spiels ganz gut". Der Aufsichtratsvorsitzende der HSC-GmbH sagt auch, dass die Funktionäre immer an die Mannschaft geglaubt haben und hofft, dass der Knoten jetzt geplatzt ist. Mit diesem Sieg sei zumindest punktemäßig die Scharte gegen Nordhorn ausgewetzt.

"Wir hätten uns schon die eine oder andere weitere Überraschung gewünscht, aber auf Basis des Spielplans muss man auch Realist genug sein, dass nicht viel mehr drin war." Die wichtigen Spiele kämen jetzt vor Weihnachten, und mit dem Melsungen-Sieg im Rücken würde jetzt vieles auch einfacher funktionieren: "Wir müssen jetzt nur den Wind mitnehmen. Wenn wir die Leistung konservieren und die Fehler minimieren, sieht die Lage zur WM-Pause wesentlich besser aus."

Für Geschäftsführer Jan Gorr war entscheidend, dass die Spieler trotz der vielen vorausgegangenen Niederlagen immer die Köpfe oben behalten hätten. Letztlich ginge es aber vor allem darum, etwas Zählbares zu holen und die Leistungen zu vergolden. "Und zum Glück hat das am Donnerstag erstmals funktioniert."

Mraz: "Ich bin stolz auf meine Mannschaft"

HSC-Trainer Alois Mraz war nach den ersten Zählern erleichtert. "Wir freuen uns riesig, dass wir dieses Spiel gewonnen haben. Die zurückliegende Phase bis hierher war für uns lang. Aber es war zu sehen, dass sich die Jungs immer besser gefunden haben. Heute haben sie das bestätigt", sagte Mraz und ergänzte noch: "Auch als Melsungen auf Unentschieden kam, sind wir wieder abgesprungen. Ein riesiges Lob an die Jungs, die einen super Job erledigt haben. Melsungen hat sicher eine starke Mannschaft, aber heute wollten wir die Punkte einfach mehr. Wir waren kämpferisch und mental voll da."

Varvne: "Das bedeutet sehr viel für mich"

Tobias Varvne überzeugte im Rückraum, schloss effektiv ab und fand ebenso wie sein Nebenmann Pontus Zetterman ("Jetzt haben wir sicher zusätzliches Selbstvertrauen und werden vor Weihnachten noch ein paar Punkte holen") immer wieder eine Lücke zum Kreis. Der Schwede sagt: "Dieser Sieg bedeutet mir sehr viel. Nicht nur für mich war es der erste in der 1. Bundesliga". Erst eineinhalb Minuten vor der Schlusssirene habe er an den Sieg geglaubt, denn: "Im Handball kann so viel passieren." Gefeiert wurde anschließend nicht besonders ausgiebig: "Wir haben ein Bier in der Kabine getrunken. Das war's dann auch schon."

Florian Billek war sich bereits nach rund 45 Minuten relativ sicher, dass es mit dem ersten Saisonsieg klappen würde. Schließlich sei der HSC über 60 Minuten die dominante Mannschaft auf der Platte gewesen und hätte völlig verdient gewonnen. "Unser Sieg war megawichtig und punktetechnisch sind wir jetzt auch angekommen. Das Spiel setzt sicher neue Kräfte bei uns frei", ist er überzeugt. Da die Mannschaft bereits am Freitag um 12 Uhr wieder trainieren musste, hielten sich die Feierlichkeiten nach dem Spiel und auf der Heimfahrt in einem "absolut entspannten Rahmen".

Youngster Justin Kurch hat in den Gesichtern seiner Mitspieler Erleichterung pur festgestellt: "Vielen ist ein Stein vom Herzen gefallen, weil wir uns endlich belohnt haben. Wir wissen, was wir können, wir haben sehr viele Emotionen in dieses Spiel gesteckt und sind jetzt sehr zuversichtlich."