Großes Kino hat das Publikum gestern Abend zum Auftakt der 63. Internationalen Berlinale zu sehen bekommen. "The Grandmaster", eine opulente Mischung aus Historiendrama und Martial-Arts-Kunstwerk, wurde zu Ehren des diesjährigen Jurypräsidenten Wong Kar Wai gezeigt. Der 54-Jährige Hongkong-Chinese führte bei diesem Film, dem er nahezu komplett die vergangenen fünf Jahre opferte, Regie und schrieb auch selbst das Drehbuch.
"The Grandmaster" ist zweifelsohne großes Kino. Großes Fernost-Kino.

Und deshalb wird der Film, der mit zwei Stunden für chinesische Verhältnisse fast schon erstaunlich kurz ist, für den europäischen und erst recht den deutschen Markt keine einfache Angelegenheit. Wong Kar Wais Film schwelgt in allem - in teils episch langsamen Bildern, genial choreografierten Kampfszenen und einem dramatischen Soundtrack.
Das alles ist ganz schön dick aufgetragen, aber eben auch stimmig entsprechend der asiatischen Filmschule. "The Grandmaster" zum Auftakt zu zeigen - das passt auch irgendwie zur Berlinale. Kein anderes der großen Festivals wie Cannes oder Venedig verfolgt seit Jahrzehnten den asiatischen Markt derart konsequent wie die Internationalen Filmfestspiele in Berlin. Auch wenn das, insbesondere bei manch langatmigem Familiendrama, durchaus anstrengend für das Publikum sein kann.

Bruce Lees Lehrvater

Im Mittelpunkt der Geschichte stehen zwei Großmeister des Kung Fu: Die hübsche Gong Er, die Tochter eines Großmeisters der Kampfkunst, und Ip Man. Sie treffen in den Vorkriegswirren der 30er Jahre aufeinander. Fortan folgt der Film in teils recht undurchsichtigen Zeitsprüngen die nächsten 20 Jahre den Biografien der beiden Hauptfiguren. Gong Er ist darin getrieben vom Wunsch, den Mörder ihres Vaters zur Strecke zu bringen. Ip Man, der vom asiatischen Super-Superstar Tony Leung gespielt wird, verliert durch die Besatzung Süd-Chinas durch die Japaner alles - die Familie, die Freunde und lange Zeit auch die Hoffnung.

Ip Man, den gab es übrigens wirklich: Er gilt als Lehrvater des legendären Faust- und Fußkämpfers Bruce Lee, der den Martial-Arts-Filmen in den späten 60er und 70er Jahren beim breiten Publikum zum Durchbruch verhalf. So ist es dann letztlich auch verständlich, dass sich Wong Kar Wai dieser Lebensgeschichte mit spürbarer Verehrung vor großen Ip Man nähert. Die bemerkt man auch als Europäer, genauso wie die Magie, die technisch gut gemachte Martial-Arts-Filme auf das Publikum in Fernost ausstrahlen.

Nach dem Auftaktfilm, der außerhalb der Konkurrenz des Wettbewerbes gezeigt wurde, geht es am ersten Berlinale-Wochenende gleich Schlag auf Schlag. Auch das hat in Berlin Tradition, denn nichts ist für ein Festival schlimmer als ein zäher Auftakt, der beim Publikum (und erst recht nicht bei den 4000 akkreditierten Filmkritikern) keine euphorische Stimmung aufkommen lässt.

Warten auf Nina Hoss

Schon am heutigen Freitag sind in "Promised Land" Hollywood-Stars wie Matt Damon und Frances McDormand zu sehen, am morgigen Samstag erwarten die Filmfans ein ganz besonderes filmisches Abenteuer: "Gold", einen waschechten Western aus deutscher Produktion.

Dass Nina Hoss dabei die Hauptrolle spielt, überrascht Insider nicht mehr - die kühle Blondine durfte in den vergangenen sechs Jahren bei keiner Berlinale fehlen. Mal schauen, wie sie sich auf dem Pferd macht...