Selten strahlten die HSC-Funktionäre derart um die Wette, wie am Donnerstagabend bei der Vorstellung ihres künftigen Trainers. Stolz präsentierten die Vorstände Stefan Apfel, Jochen Knauer und Michael Häfner den 34-jährigen Jan Gorr. Und die Vorschusslorbeeren, die diesem jungen, aufstrebenden Trainer entgegen gebracht werden, scheinen berechtigt zu sein.

Gorr steht für Kontinuität. Ein Mann, der das ins Stocken geratenen "Projekt HSC 2000 Coburg" auf dem vor 13 Jahren eingeschlagenen Weg in die 1. Handball-Bundesliga in den nächsten Jahren den entscheidenden Schub geben soll. Er wird nicht nur als exzellenter und akribisch arbeitender Fachmann beschrieben. Der Mann sei, so heißt es immer wieder, auch hochanständig und überzeugt mit eher leisen Tönen.

Erfolg hatte er damit. Denn im Gegensatz zu den Coburgern schnupperte Gorr bereits eine Saison lang Erstligaluft.
Mit dem kleinen, aufgrund bescheidener finanzieller Mittel scheinbar hoffnungslos unterlegenen TV Hüttenberg - "seinem Baby" - wie es in Handballerkreisen hieß - gelang ihm zwar nicht der Klassenerhalt, aber zu unerwarteten 17 Punkten reichte es für den Neuling in der deutschen Eliteliga am Ende doch.

Gorr lebt 24 Stunden am Tag Handball. Er lernte das Handwerkszeug von der Pike auf. Er gilt in Fachkreisen als Coach, der mit taktischer Raffinesse und exzellenter Trainingssteuerung Mannschaften nach vorne bringt. Und genau das erwarten die Coburger von ihrem neuen Hoffnungsträger.

Deshalb scheuten die HSC-Macher auch keinerlei Kosten und Mühen, um diese aus ihrer Sicht spektakuläre Verpflichtung unter Dach und Fach zu bekommen. Voraussetzung war allerdings ein Vertragsbruch des VfL Gummersbach, der hohe Wellen in der HBL schlug.

Der jüngste Bundesligatrainer aller Zeiten wurde nämlich für die Saison 2012/2013 verpflichtet. Doch dann teilten die Gummersbacher Gorr mit, dass sie doch lieber ihren Trainer Emir Kurtagic behalten.

Zweifelsohne ein teueres Missverständnis, denn das Jahressalär des ehemaligen Lehramtsstudenten wurde in Gummersbach auf rund 130 000 Euro geschätzt. Bei zwei Jahren Vertragslaufzeit wäre also rund eine Viertelmillion für den 34-Jährigen fällig gewesen.

Geld, auf das Gorr nach dem ungeheuerlichen Verhalten des Erstligisten sicher nicht freiwillig verzichtet hätte. Doch letzte Woche einigte sich der sympathische "Vollblut-Coach" auf eine Abfindung und damit auf eine vorzeitige Vertragsauflösung.

Er wollte nicht länger tatenlos zuschauen, sondern endlich wieder an der Linie stehen und Kommandos geben. Und damit war auch der Weg für Coburg geebnet, egal ob der beliebte Handball-Experte nun auch noch als Co-Trainer bei der Nationalmannschaft einsteigen darf oder nicht. Glaubt man Insidern, dann hat derzeit eh Markus Baur, der Weltmeister von 2007, die besseren Karten für diesen begehrten Posten beim DHB.

Gorrs verheißungsvoll begonnene Karriere - er führte seinen Ex-Klub Hüttenberg innerhalb von sechs Jahren mit einem Mini-Budget von der damaligen Regionalliga in die oberste Spielklasse - findet so oder so spätestens ab Sommer eine hochinteressante Fortsetzung in der Vestestadt.

Allerdings unter anderen Voraussetzungen als in Hüttenberg: Beim HSC Coburg steht ihm alles andere als ein Mini-Budget zur Verfügung, sondern ordentlich viel Geld. Und weil das so ist, sollte es auch keine sechs Jahre dauern, bis der großen Fangemeinde in der HUK-Arena Erstliga-Handball angeboten wird.

In Coburg erwarten Gorr professionelle Strukturen. Bereits jetzt stehen mehrere Profis im HSC-Kader, ab der kommenden Saison werden weitere dazukommen. Der Etat liegt nach Vereinsangaben knapp unter einer Million Euro, es gibt aber auch genügend Stimmen aus dem nahen Umfeld, die von weit über einer Million Euro berichten. Der Zuschauerschnitt liegt inzwischen bei für die 3. Liga unglaublichen 2500 Besuchern. Mit dem ehemaligen Bundesligaspieler Zdanek Vanek steht seit dieser Saison auch ein hauptamtlicher Jugendtrainer zur Verfügung. Der Hauptsponsor, die HUK Coburg, sorgt seit Jahren dafür, dass die Zukunft gesichert ist. Und nicht zuletzt bietet die 4000 Zuschauer fassende Arena eine imposante Heimstätte.

Wenn es in dieser Saison auch noch mit dem angestrebten Aufstieg in die 2. Liga klappen sollte, da möglicherweise auch der zweite Tabellenplatz zumindest zur Teilnahme an lukrativen Relegationsspielen berechtigt, dann ist Gorr & Co. in den nächsten Jahren alles zuzutrauen - selbst der Aufstieg in die 1.Liga.

Was jetzt wie ein Handball-Märchen klingen mag, war bei der Vereinsgründung vor 13 Jahren bereits das Fernziel von Norbert Kastner.