Tatkräftig packen Fedor Raguzin (19) und Vladimir Nikulin (21) auf dem Baltershof mit an. Ihre Aufgabe besteht vor allem darin, die Kühe zu betreuen. Darunter fällt, neben dem Melken und Füttern der Milchkühe, auch das Versorgen der Kälber. Seit Anfang Juni sind die beiden Russen in Deutschland, genauer gesagt auf dem Biohof von Herbert Kunick in Sonnefeld. Dieser beschäftigt jedes Jahr Praktikanten aus Russland, und das seit gut 25 Jahren. Bindeglied ist dabei die Arbeitsgemeinschaft für Projekte in Ökologie, Landwirtschaft und Landesentwicklung in Osteuropa, kurz Apollo. Diese Organisation wurde von Stefan Dürr ins Leben gerufen, der 1991 auf Herbert Kunick, damals Bezirksvorsitzender der Jungbauernschaft Oberfranken, zukam.


Vom Kolchos zum Familienbetrieb

Im Vordergrund stand die Überlegung, russischen Studenten aus nächster Nähe zu zeigen, wie kleinbäuerliche Familienbetriebe in Deutschland funktionieren. Dies war Stefan Dürr, gerade nach dem Zerfall der Sowjetunion, ein Anliegen, bestand die dortige Landwirtschaft doch ausschließlich aus sogenannten Kolchosen, also staatlichen Großbetrieben. Zur Umstrukturierung dieses Systems gründete der ehemalige Geoökologiestudent 1991 Apollo. Geholfen haben ihm dabei Kommilitonen von der Universität Bayreuth. Zuvor war er bereits selbst als Praktikant in Russland unterwegs gewesen.
Herbert Kunick denkt an die Anfangszeit von Apollo zurück: "Damals unterstützten wir vom Jungbauernverband das ehrgeizige Projekt vor allem bei Förderrichtlinien, einer Satzung und natürlich bei der Suche nach geeigneten Betrieben." Der Baltershof ist einer von vier Coburger Betrieben, die sich an Apollo beteiligen und Praktikanten beschäftigen. 1991 waren es nur sieben Praktikanten, die nach Deutschland kamen. Mittlerweile kommen jährlich ungefähr 60 Agrarstudenten.
Unter ihnen sind auch Fedor Raguzin und Vladimir Nikulin. In ihrer Heimat studieren die beiden Tiermedizin, ihr noch bis September dauerndes Engagement auf dem Baltershof können sie sich als Auslandspraktikum für ihr Studium anrechnen lassen. Dafür müssen sie, neben der landwirtschaftlichen Tätigkeit, auch insgesamt drei Seminare besuchen: ein Einführungsseminar, ein fünftägiges Hauptseminar und ein Abschlussseminar mit Prüfung. Herbert Kunick hat im Laufe der Zeit einige Erfahrungen mit den verschiedenen Praktikanten gemacht.


Sprachprobleme

"Die Deutschkenntnisse fallen, obwohl die Teilnehmer verpflichtet sind vor dem Agrarpraktikums Deutschkurse zu belegen, höchst unterschiedlich aus. Man darf die Sprachbarriere nicht unterschätzen", sagt der Bio-Landwirt. "Doch man kann sich immer irgendwie verständigen. Ich behandle die Praktikanten wie meine eigenen Kinder. Sie wohnen ja zusammen mit meiner Frau Heidi, unseren Kindern und mir auf dem Hof", fügt Herbert Kunick mit einem Lächeln hinzu. Sein Biohof umfasst nicht nur 100 Hektar Nutzfläche, sondern beherbergt auch 140 Milchkühe. Viel Arbeit fällt da an, die er sich mit seiner Frau, den Kindern und, im Sommer, mit den russischen Praktikanten teilt. Der Baltershof in Sonnefeld ist so immer voller Leben.
Das 25-jährige Bestehen von Apollo wird heute ebenfalls in Sonnefeld gefeiert. Dazu wird auch Gründer Stefan Dürr erwartet. Dieser hat seinen Lebensmittelpunkt schon vor längerer Zeit nach Russland verlagert. Dort lernte er im Zuge seines Praktikums auch einflussreiche Politiker kennen. In Zeiten des Wandels in Russland nahm er auch an Ausschusssitzungen der Duma teil, dem russischen Parlament. Dabei knüpfte er weitreichende Kontakte, unter anderem zu Alexej Gordejew, der unter Putin bis 2009 Landwirtschaftsminister war und heute als Gouverneur den Bezirk Woronesch im Westen Russlands verwaltet. Mit Hilfe seiner Verbindungen ist Stefan Dürr heute zum geschäftsführenden Gesellschafter des Unternehmens Ekoniwa-Technika und Ekosem-Agrar aufgestiegen. Dieses vertreibt Landmaschinen und ist Russlands größter Milchprodzuent. 60 000 Rinder und eine landwirtschaftliche Fläche von 260 000 Hektar nennt das Unternehmen sein Eigen. Diese Fläche ist vier Mal größer als der Landkreis Coburg. Zusätzlich sind Großgrundbesitzer in Russland meist auch für die Erhaltung der Infrastrukur zuständig. Die Gemeinschaftsgebäude stammen meist noch aus Zeiten der Sowjetunion. So finanziert Stefan Dürr im Verwaltungsbezirk Woronsech zum Beispiel ein Altenheim und einen Kindergarten.


Putin-Berater

Die Ekoniwa-Technika und Ekosem-Agrar zählen in Russland zudem zu den systemrelevanten Unternehmen. Darüber hinaus beriet Stefan Dürr Wladimir Putin im Zuge des Ukraine-Konflikts. Er soll den russischen Präsidenten zu Sanktionen gegen die EU geraten haben. Diese Importverbote, die vor allem den Lebensmittelsektor betreffen, ließen die Preise für inländische Produkte in Russland in die Höhe schnellen. Dazu gehört auch die Milch.


Erfolgreiches Projekt

Gerade um Apollo hat sich Stefan Dürr verdient gemacht, eine Organisation die heute umso mehr im Zeichen der Völkerverständigung steht. Herbert Kunick, selbst auch langjähriges Mitglied, zeigt sich begeistert vom Tatendrang der Führung von Apollo: "Was dieser kleine Verein leistet, dessen Mitglieder über ganz Deutschland verstreut sind, ist schier unglaublich. Die in 25 Jahren vollbrachte, ehrenamtliche Arbeit ist nicht nur unermesslich, sondern auch vorbildlich für andere Vereine." Herbert Kunick ist überzeugt von diesem Projekt und wird auch in zukünftigen Jahren wieder Praktikanten auf seinem Baltershof in Sonnefeld willkommen heißen.


Programm zum Jubiläum

Freitag, 2. September, in der Domäne Sonnefeld:
18.30 Uhr Getränke und Snack
20 Uhr Begrüßung
20.30 Uhr Podiumsdiskussion