Manuela L. ist drogenabhängig. Ihre Sucht befriedigt sie mit Crystal, Haschisch und Fentanyl-Pflastern. Im Krankenhaus hat sie die Pflaster, die in der Schmerztherapie eingesetzt werden, erstmalig nach einem Sturz erhalten. "Später haben es mir die Ärzte verschrieben", erzählt sie dem Vorsitzenden Richter am Landgericht Gerhard Amend.

Mit den Krankenhausunterlagen in der Hand sucht L. gezielt verschiedene Ärzte aus und lässt sich die Pflaster verschreiben. Dabei achtet sie auch darauf, die Apotheken zu wechseln, damit ihre Sucht niemandem auffällt. Auch die Kasse zahlt anstandslos. Die anscheinend recht laxe Verschreibungspraktik stößt dem Richter sauer auf: "Das ist ein großes Problem in Coburg", sagt er und pocht darauf, dass Ärzte und Krankenkassen sensibler mit dem Thema umgehen. "Immerhin hat es schon drei Drogentote in Coburg gegeben."

Strategie Ärztehopping

Auch Manuela L.s Lebensgefährte, der mit ihr wegen des Verkaufs von Drogen vor wenigen Tagen vor Gericht stand, konsumiert Fentanyl-Pflaster. Fälle wie diese sind in Polizeikreisen bekannt. Kriminalhauptkommissar Wolfgang Pfister informiert: "Die Anzahl der Drogentoten ist in den letzten Jahren in Coburg gestiegen."

Darunter seien auch Fentanyl-Missbrauchsopfer gewesen, sagt der Leiter des Rauschgiftkommissariats. Da allerdings mehrere Substanzen gleichzeitig konsumiert wurden, erklärt er, könne nicht klar obduziert werden, welche genau für den Tod verantwortlich waren. "Fentanyl-Tote gibt es überall und nicht erst seit gestern", sagt er und erklärt die Wirkungsweise: "Die Leute kippen einfach weg mit dem Fentanyl-Dreck."

Er weiß, wie Drogenabhängige sich die Pflaster verschaffen: "Ich glaube allerdings nicht, dass Ärzte das Medikament aus der hohlen Hand heraus verschreiben." Vielmehr entwickelten die Süchtigen Strategien, um an die Pflaster heranzukommen. "Dazu gehört das Ärztehopping. Damit kriegen die den Wirkstoff immer verschrieben." Aber auch aus dem Müll von Alten- und Pflegeheimen, teilweise aus Kliniken und von Privatpersonen, verschafften sich Kriminelle gebrauchte Pflaster.

In einer aktuellen Ausgabe des Bayerischen Ärzteblattes, einem Magazin der Bayerischen Landesärztekammer, wird vor der "Modedroge" Fentanyl gewarnt. Die Verordnung dieser Opioide, zu denen auch Fentanyl zählt, habe sich in Deutschland von 2000 bis 2010 fast vervierfacht, heißt es dort. Klemens Lange ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Lichtenfels. Zudem arbeitet er als Gutachter. Er kennt den Fall von Manuela L. "Bezogen auf die Masse wirkt Fentanyl neunzig Mal stärker als Morphin", erläutert er. "Wir haben in unserem Hirn eine Art Membran, die für fettlösliche Substanzen sehr gut durchlässig ist. Fentanyl kommt da ganz besonders gut durch." Und: "Die Substanz wirkt ungemein stärker als Heroin."

Nicht nachweisbar

Gerade deshalb wird sie in der Region zunehmend beliebter, beobachtet Pfister. Der Konsum von Heroin oder Extasy dagegen geht zurück. Laut Ärzteblatt ist auch einer der Gründe für die gestiegene Nachfrage, dass die Droge in Schnelltests, sogenannten Opiat-Suchtests, nicht nachgewiesen werden kann. Und: Werden die Pflaster benutzt, verbleiben danach trotzdem noch rund 70 Prozent des Wirkstoffes im Pflaster. Drogenabhängige haben ihre Methoden, diese sehr hohen Rückstände herauszulösen und sich die Substanzen intravenös zu verabreichen oder oral zu konsumieren.

"Der letzte Tote hat es gelutscht", warnt Pfister vor diesen Praktiken. Die Gefahr ist riesig: "Die Abhängigen können - anders als bei Heroin - in keiner Weise kalkulieren, welche Menge sie dabei konsumieren", informiert Lange und weist darauf hin, dass Fentanylderivate auch als chemische Kampfstoffe verwendet werden. "Die Wirkung tritt so schlagartig auf, dass keine Chance mehr besteht, die Zufuhr zu unterbrechen. Der Tod tritt in der Regel durch Atemlähmung und/oder Kreislaufzusammenbruch ein, häufig auch zeitlich verzögert durch das Einatmen von Erbrochenem."

Das Tageblatt fragt bei der AOK-Coburg nach Datenmaterial. Doch die Krankenkasse habe kein valides Zahlenmaterial für die Region vorliegen, sagt Pressesprecher Stephan Preiß. Verordnet wird Fentanyl als Medikament in der Schmerztherapie. "Dabei ist es ein potentes Instrument für Tumor- und Amputationspatienten", erläutert Lange und betont: "Fentanyl ist ein Segen für die Schmerztherapie."

Lösungen suchen

Laut Ärzteblatt werden allerdings drei Viertel der Verordnungen an Patienten mit chronischem, nicht-tumorbedingtem Schmerz ausgegeben. Und auch die Langzeitbehandlungen steigen an, berichtet das Magazin. Zwischenzeitlich steht der Nachweis von Fentanyl bei Drogentoten in Bayern bereits an zweiter Stelle nach Heroin.
Die Polizei sieht die Probleme: "Wir wollen die Ärzte, die Kassenärztliche Vereinigung und die Kassen an einen Tisch bringen", sagt Pfister, "es müssen Lösungen gefunden werden."

Das Ärzteblatt rät den Ärzten, die sich mit kaum bekannten Patienten und der Forderung nach der Verschreibung von Fentanyl-Pflastern konfrontiert sehen, zu einer Schweigepflicht entbindung, einem Anamnesefragebogen und einer umfassenden körperlichen Untersuchung, die auf Einstichstellen oder übermäßigen Gebrauch der Pflaster hinweist. Zudem sollten nur kleinstmögliche Mengen verschrieben und gebrauchte Pflaster umgehend vernichtet werden. Ärzte dürften sich vom Patienten nicht unter Druck setzen lassen, etwa weil das Wartezimmer voll sei oder das Wochenende bevorstünde.

Aber: "Es wäre fatal, wenn eine so hochwirksame und bei tumorbedingten Schmerzen eingesetzte Behandlungsform durch sorglosen Einsatz in Einzelfällen in Misskredit geraten würde", schreibt das Ärzteblatt weiter. Das ärgert auch Lange: "Die Hürde für diejenigen, die wirklich auf Fentanyl angewiesen sind, steigt dadurch an."