Es ist der Morgen des 10. November 1989. Der Zollbeamte Otmar Goldhorn ist mit einem Kollegen auf Streife unterwegs. "Wir standen an einem Beobachtungspunkt bei den Wochenendhäusern oberhalb von Weißenbrunn", erinnert sich Otmar Goldhorn heute. Mit unverkennbarem Geräusch und hellblauer Abgaswolke kam ein Trabant den Weg hoch bis zu den beiden Zöllnern. "Das waren zwei Almerswinder, die ihr Dorf mal von unserer Seite aus sehen wollten", erzählt Goldhorn.
Dass in Berlin die Mauer gefallen war, hatte er am Abend zuvor aus den Nachrichten erfahren. Davor war er den ganzen Tag an dieser Grenze unterwegs gewesen, die mit einem Schlag keine mehr sein sollte. Bei den Streifengängen auf den schmalen Pfaden entlang der Grenze wurde das nun zum wichtigsten Thema für die Beamten. Die Veränderungen, die sich da anbahnten, mussten schließlich grundlegende Veränderungen für ihr weiteres Berufsleben haben.
"Es gab Vorgesetzte, die ankündigten, dass jetzt erst die richtige zöllnerische Arbeit beginnt", weiß Goldhorn noch. Aber: "Ich habe mir damals schon gedacht, dass es anders kommt."
Zuerst wurde tatsächlich turbulent. Die Zeit der ereignislosen Streifen war vorbei. "Bis dahin hatten wir offiziell auf Schmuggler zu achten. Die Grenze war immerhin eine Wirtschafts- und Währungsgrenze", erklärt der heute pensionierte Zöllner. In der Realität gab es keinen Schmuggel über eine Grenze, die kaum lebend zu überwinden war. Der Dienst der Zollbeamten ähnelte stark dem der Kollegen vom Bundesgrenzschutz oder den US-Streitkräften. Sie alle behielten die Grenze im Auge, meldeten, falls sich "drüben" was tat - sonst nichts.
Jetzt begann diese Grenze Löcher zu bekommen. Das ging rasch. Die thüringer Nachbarn wollten schleunigst Tatsachen schaffen und möglichst bei jedem Dorf wieder eine Verbindung herstellen. Jetzt gab es ständig neue Fakten für die Beamten der Zolldienststelle in Weißenbrunn, die planmäßig mit sechs Beamten besetzt war. "Die Stellen waren nicht immer alle besetzt", erzählt Goldhorn. Auch den Vorgesetzten war klar, dass die innerdeutsche Grenze eine war, die den Zolldienst nicht allzu sehr beanspruchte.
Jetzt hieß es dann plötzlich, am Kirchweg nach Almerswind, gleich hinter Weißenbrunn, wird schon an der Grenze gearbeitet. Bäume werden bei Nacht gefällt, Streckmetallmatten aus den Sperranlagen abgebaut. "Am nächsten Tag früh kamen die Almerswinder dann über den Kirchweg nach Weißenbrunn", erinnert sich Otmar Goldhorn. Diese ganz lokale Grenzöffnung wurde zu einem rauschenden Fest, das vielen im Dorf bis heute gut in Erinnerung geblieben ist.
Später wurde hinter dem Froschgrundsee ein Übergang angelegt. Dort machten die Zöllner auf beiden Seiten Dienst. "Wir wussten nicht so recht, was wir eigentlich machen sollten. Das war alles eine rechtliche Grauzone", sagt Otmar Goldhorn heute. Den Kollegen auf der anderen Seite ging es nicht anders. Laut Dienstanweisung durften die Leute die Grenze passieren, fertig.
Rasch wurden Wege gefunden, den Verkehr zwischen den beiden Teilen Deutschlands zu normalisieren. Alte Wege wurden zu neuen Straßen. Die Formalitäten entfielen. Es trat ein, was Otmar Goldhorn und seine Kollegen längst befürchtet hatten. "Auf einmal hieß es, wir haben ein paar Tausend Zöllner zu viel", erzählt er. Rasch wurde eine Regelung getroffen, dass Kollegen mit 55 Jahren in Pension gehen konnten. Für viele aber, die an der deutsch-deutschen Grenze Dienst getan hatten, hieß es, versetzt werden oder ausscheiden. Die Zollstation in Weißenbrunn wurde aufgegeben. Otmar Goldhorn hatte dort 1970 angefangen. Inzwischen war er verheiratet, hatte Kinder und ein Haus. Das Entgegenkommen seiner Behörde hat er noch gut in Erinnerung: "Wir unterstützen Sie beim Verkauf Ihres Hauses".
Sein Haus wollte Goldhorn nicht verkaufen. Versetzt wurde er trotzdem. Zuerst zum Dienst am Flughafen in München. Dann ergatterte er eine Stelle in Nürnberg. Er landete bei der Rauschgiftfahndung. "Beruflich war das für mich die beste Zeit. Ohne die Grenzöffnung wäre ich da nie hingekommen", sagt er heute.
Die Arbeit als Fahnder forderte viel Einsatz. "Ich war in halb Europa unterwegs", berichtet er. Aber die Erfolge gaben ihm auch eine Befriedigung, die der Streifendienst an einer Grenze praktisch ohne Grenzverkehr nie hätte bieten können. Fragt man Otmar Goldhorn heute, was die Grenzöffnung für ihn bedeutete, dann sagt er: "Es war ein einschneidendes Ereignis für mein Leben" , und er meint es durchaus positiv.