Das Schuljahr 2012/13 geht ja gut los: Die Eltern schulpflichtiger Kinder kritisieren das deutsche Schulsystem massiv. Wie jetzt die 2. Jako-o Bildungsstudie zeigt, fordern sie mehrheitlich den weiteren Ausbau von Ganztagsschulen und eine sechsjährige Grundschulzeit. Die Schulzeitverkürzung an Gymnasien lehnen die Eltern ab. "Dieses klare Bekenntnis zum neunjährigen Gymnasium muss man als Ohrfeige für die Bildungspolitiker aller Parteien und die Kultusministerkonferenz werten", sagte der Bildungsforscher Klaus-Jürgen Tillmann von der Universität Bielefeld bei der Präsentation der Studienergebnisse diese Woche in Berlin.

"Steter Tropfen höhlt den Stein. Wer das deutsche Bildungssystem auf Dauer verbessern und familienfreundlicher gestalten will, muss hartnäckig sein", sagt Jako-o-Chefin Bettina Peetz. Wie vor zwei Jahren hat das Bad Rodacher Unternehmen beim Sozialforschungsinstitut TNS Emnid eine repräsentative Studie in Auftrag gegeben. Insgesamt 3000 Mütter und Väter schulpflichtiger Kinder im Alter bis zu 16 Jahren äußern sich darin zum deutschen Bildungssystem und den Erfahrungen mit der Schule ihrer Kinder.

G8 oder G9?

Klare Stellung beziehen die Eltern bei der Frage, ob Kinder das Abitur nach 12 oder 13 Schuljahren machen sollen: Hätten sie die Wahl, würden acht von zehn Eltern (79 Prozent) eine neun Jahre dauernde Gymnasialzeit (G9) für ihr Kind wählen. Nur 17 Prozent sind Anhänger der achtjährigen Variante (G8). Ebenfalls 79 Prozent der Eltern sind der Meinung, man sollte generell zum neunjährigen Gymnasium zurückkehren. Wenn es beim achtjährigen Gymnasium bleibt, dann müssten aus Elternsicht zumindest die Lehrpläne an die kürzere Lernzeit angepasst werden.

Wunsch nach Ganztagsschulen

Die Forderung nach mehr Ganztagsschulen ist seit der 1. Jako-o Bildungsstudie von 2010 noch einmal deutlich gestiegen: Damals wünschten sich 59 Prozent der Eltern für ihr Kind eine Schule mit Ganztagsangebot. 2012 sind es 70 Prozent. Nur noch knapp ein Drittel der Eltern bevorzugt eine Halbtagsschule. Die Dramatik dieses Ergebnisses: Der Ausbau der Ganztagsschulen hält mit dem Anstieg der Elternwünsche nicht Schritt. Tillmann: "In allen Bundesländern besteht eine große Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit: Knapp die Hälfte der Eltern können den gewünschten Ganztagsplatz für ihr Kind nicht erhalten."

Sechs Jahre Grundschule

Auch bei der Frage nach der Dauer der Grundschule beziehen die Eltern eindeutig Stellung: Die gegenwärtig vorherrschende Praxis der vierjährigen Grundschule lehnen drei von vier Eltern ab. Eine deutliche Mehrheit möchte den Kindern mehr Zeit für das gemeinsame Lernen einräumen: 60 Prozent der Eltern sprechen sich für eine sechsjährige Grundschule aus, weitere 15 Prozent wollen den Übergang in die Sekundarstufe erst nach der 9. Klasse.

Der gemeinsamen Beschulung von Kindern mit und ohne Behinderungen (Inklusion) stimmen Eltern nicht vorbehaltlos zu. Wenn es um körperlich beeinträchtigte Kinder und Kinder mit Lernschwierigkeiten geht, findet der gemeinsame Unterricht große Unterstützung: 89 Prozent der Eltern sprechen sich dafür aus. Die unterrichtliche Integration von Kindern mit geistigen Behinderungen und solchen mit Verhaltensauffälligkeiten wird dagegen nur von knapp der Hälfte (jeweils 46 Prozent) unterstützt.

Lehrer: Kompetent und motiviert

Den Lehrern stellen Eltern insgesamt ein gutes und im Vergleich zur 1. Jako-o-Bildungsstudie sogar besseres Zeugnis aus. Fast alle Eltern sind von der Fachkompetenz der Lehrer überzeugt (90 Prozent). 84 Prozent halten die Lehrer für gerecht, 80 Prozent für insgesamt sehr engagiert. Das pädagogisch-methodische Wissen und Können der Lehrkräfte wird unterschiedlich eingeschätzt.

Eltern bescheinigen den Lehrern zwar mit hoher Zustimmung, dass sie Interesse bei ihren Schülern wecken und gut erklären können, den Einsatz neuer Unterrichtsmethoden erkennen mit 63 Prozent hingegen deutlich weniger. Beim Thema Zusammenarbeit zeichnet sich ein differenziertes Bild ab: Eltern attestieren Lehrkräften, dass sie sich für gute Beziehungen zu ihren Schülern einsetzen (88 Prozent) und an einer Zusammenarbeit mit den Eltern interessiert sind (84 Prozent).

Weniger gut schätzen Eltern die kollegiale Zusammenarbeit der Lehrer ein: Nur 68 Prozent meinen, dass die Lehrer sich untereinander absprechen. "Das kann sich in der Praxis an gegensätzlichen Aussagen über das Kind, an inhaltlichen Überschneidungen, an Ballungen bei den Hausaufgaben oder Projektarbeiten zeigen", sagte die Bildungsforscherin Dagmar Killus von der Universität Hamburg.

Eltern als Hilfslehrer

91 Prozent der Eltern fühlen sich verpflichtet, sich eingehend um die schulischen Leistungen ihrer Kinder zu kümmern. Knapp drei Viertel der Eltern geben an, sich intensiv mit der Schule zu beschäftigen. Eltern werden dabei auf unterschiedliche Art und Weise aktiv: 94 Prozent stellen sicher, dass das Kind seine Hausaufgaben in Ruhe erledigen kann, 69 Prozent kontrollieren die Aufgaben anschließend. 77 Prozent der Eltern helfen ihren Kindern Klassenarbeiten und Referate vorzubereiten, 63 Prozent erarbeiten grundsätzlich gemeinsam mit ihrem Nachwuchs den Lernstoff. Die Kritik der Eltern: Sie haben dabei häufig das Gefühl, Dinge zu leisten, die sie eigentlich als Aufgabe der Schule sehen. 60 Prozent beklagen, dass die Schule ihren Aufgaben nur unzureichend nachkommt. Killus: "Hier stellt sich die Frage, wie Eltern aktiv beteiligt werden können, ohne in die Rolle des ‚Hilfslehrers‘ zu geraten. Notwendig sind adäquate Konzepte zur Einbeziehung von Eltern in das schulische Lernen ihrer Kinder, aber auch neue Unterrichtskonzepte und systematische Hausaufgabenhilfen in den Schulen."
Bettina Peetz: "Hoffen wir, dass die Meinungen und Wünsche der Eltern Gehör finden und den Weg zu einem besseren und familienfreundlicheren Bildungssystem weisen - ein Bildungssystem, in dem Kinder nicht nur Schüler sind, sondern auch Kinder sein dürfen, in dem sie sich ausprobieren können und mit Freude lernen, damit so jedes Kind seine persönlichen Talente ausschöpfen kann."