Zürich, Wien, Istanbul, Frankfurt, Berlin, Heilbronn - und zwischendrin immer wieder Zwischenstopp in Coburg. Andrea Donath ist viel unterwegs. Als Leiterin der einzigen Kinderkrippe Deutschlands, die strikt nach der Montessori-Pädagogik arbeitet, sind ihre Erfahrungen und ihr Wissen weit gefragt. Seit die Bergwichtel-Chefin das internationale Montessori-Diplom in der Tasche hat, kommen Anfragen aus ganz Europa.

Jüngst besuchte sie Einrichtungen in Istanbul. Und war überrascht: Die beiden gut ausgestatteten Häuser werden tatsächlich von vorwiegend türkischen Kindern besucht - nicht, wie vielleicht zu erwarten gewesen wäre, von internationalen.
"Dabei ist es für die Mitarbeiter, die oftmals gar nicht in der Montessori-Pädagogik ausgebildet sind, sehr schwer, den Spagat zwischen muslimischen Glaubenssätzen und freier, emanzipierter Erziehung nach Maria Montessori umzusetzen", erläutert sie das Dilemma, in dem viele dort stecken.

Kompromissbereitschaft auf beiden Seiten

Beeindruckt hat die 43-Jährige, welche Kompromissbereitschaft auf beiden Seiten da ist. Mit der dortigen Leiterin, die sie nach Coburg eingeladen hat, wurde jetzt nach Lösungen gesucht, wie die Mitarbeiterinnen geschult werden können. Andrea Donath ist bei der Deutschen Montessori-Gesellschaft zuständig für den Bereich Ausbildung. Deshalb gehören Seminare und Fortbildungen, bei denen sie als Kursleiterin fungiert, zu ihren regelmäßigen Wochenendbeschäftigungen.

Ihr Ausbildungskonzept, das sie neu geschrieben hat und das sich erstmals auf den gesamten Bereich der Entwicklung von null bis sechs Jahren bezieht, wird heuer in Heilbronn umgesetzt. Die Dieter-Schwarz-Stiftung hat das Konzept als innovative Bildungsidee aufgenommen. 25 Teilnehmer werden bei diesem ersten Kurs von der Coburgerin bis 2015 zum Deutschen Montessori-Diplom für Pädagogen der ersten Entwicklungstufe geführt.

Nur die Besten

"Die Besten der Besten gehören in diese Entwicklungsstufe, hat Maria Montessori gesagt. Denn die Grundfertigkeiten eines jeden Menschen werden in den ersten sechs Lebensjahren aufgebaut", zitiert die Erzieherin ihr großes Vorbild. Im Gegensatz zu der herkömmlichen Ausbildung geht es in ihrem Kurs auch um Entwicklungspsychologie, Qulitätsmanagement, Evaluation, persönlicher Entwicklung, Einrichtungsmanagement und die neusten Erkenntnisse in der Hirnforschung.

Der Erfolg ihrer Arbeit lässt sich an der Entwicklung der Kinderkrippe Bergwichtel ablesen. Das Haus, das 2010 in Coburg auf Schloss Hohenfels von der Familie Medau errichtet wurde, hat mittlerweile eine Warteliste von über 40 Kindern. Zehn Plätze werden zum Jahr 2014 frei.

Zurzeit sind 24 Kinder in drei Gruppen untergebracht. Sechs Vollzeitkräfte, zwei Praktikantinnen und eine Köchin kümmern sich von 7 bis 17 Uhr um die Kinder - je nach gebuchter Stundenzahl.

Selbstständiger und zufrieden

"Wir wissen mittlerweile und können das mit aktuellen Studien aus den USA auch belegen, dass die Kinder, die mit Montessori aufwachsen, selbstständiger sind als andere, zufrieden wirken und ein tiefes Vertrauen aufs Leben in sich tragen", sagt die leidenschaftliche Erzieherin. "Kinder müssen Erfahrungen machen. Das geht leider immer mehr verloren", bedauert sie im gleichen Atemzug.

Dabei geht sie mit dem anerkannten Hirnforscher Gerald Hüter konform, der beklagt, dass Kinder heutzutage viel zu sehr abgeschirmt werden. Babys brauchen weder ein Kissen im Rücken, um besser zu sitzen, noch eine ebenerdige Wohnung, damit sie nicht stolpern. "Kinder lernen an ihrer Umgebung," sagt Andrea Donath und nennt als Beispiel gleich die Krippe in Istanbul, wo die Kleinen im ersten Stock untergebracht sind und täglich die Treppen hoch- und runterkrabbeln.

"Mit Einjährigen mal eine Stunde am Boden liegen oder im Sand spielen, bringt mehr, als sie im Indoor-Spielplatz auf die Rutsche zu setzen", lautet ihre Empfehlung. Aber sie weiß auch, das Elternsein erst gelernt werden und wachsen muss. Deshalb träumt sie davon, dass auch die Krankenkassen erkennen, wie wichtig Elternarbeit schon vor der Geburt des ersten Kindes ist.

Hausbesuche mit der Vespa

V oller Enthusiasmus, Leidenschaft und noch vielen neuen Ideen im Kopf macht sich Andrea Donath in erster Linie für die Kinder stark, die hier heranwachsen und ihr anvertraut sind. Wenn es sein muss, schwingt sie sich auf ihre Vespa und macht Hausbesuche oder fährt zum Kinderarzt. Ihre eigenen beiden Kinder im Alter von zehn und zwölf Jahre sind stolz auf ihre Mama, die so viel weiß und so gern lebt. Darin liegt wohl auch ihr Erfolgsrezept: "Die Energie ist einfach da - vielleicht, weil ich Spaß habe bei dem, was ich tue. "