Sieht so im 21. Jahrhundert die Hölle aus, die längst kein Fegefeuer mehr braucht? Menschen, die sich nach Nähe sehnen und dennoch unentrinnbar einsam bleiben. Einsamkeit, die gemeinsam am wenigsten zu ertragen ist.

Die Sehnsucht nach Nähe treibt die Menschen an und lässt sie leiden, weil Nähe einfach nicht zu erreichen ist. Je näher sich die Menschen zu kommen scheinen, umso einsamer wirken sie - voller verzweifelter Hoffnung, aber scheinbar ohne die Chance, Erlösung zu finden. Gemeinsam einsam sein - darum geht es in dem dreiteiligen Ballettabend, der kurz vor dem Inkrafttreten des erneuten Corona-Lockdowns Premiere am Landestheater feierte.

Gemeinsam einsam

"Social Dis-Dancing" - schon der suggestiv mit Worten und Assoziationen spielende Titel passt geradezu erschreckend genau zur aktuellen Situation mit bedrohlich steigenden Infektionszahlen und rigorosen Schließungen von Kulturstätten.

Mit seiner Choreographie "Together Alone" eröffnet Coburgs Ballettdirektor Mark McClain den Abend. Den Soundtrack liefert Coburgs Kapellmeister Roland Fister mit einer Uraufführung aus eigener Feder. Sein programmatisches Streichquartett "Einsamkeit und Nähe" ist im Stil von Schönbergs "Verklärter Nacht" gehalten, bietet aber auch Anklänge an Fisters eigene, vor einigen Jahren in Coburg uraufgeführte Musical Opera "Dorian Gray" - eine intensive, schwermütige, sich gleichsam von innen her verzehrende Musik, eindringlich interpretiert von vier Streichern des Philharmonischen Orchesters unter Fisters Leitung. McClains Choreographie übersetzt dieser Streichquartett in ein Ballett-Quartett voller schmerzlicher Eleganz (Bühne und Kostüme: Susanne Wilczek), das am Ende doch noch einen Schimmer Hoffnung schenkt.

Tara Yipp, Ballettmeisterin des Landestheaters, setzt in ihrer Choreographie "Contact" auf strenge Schwarz-Weiß-Kontraste, die sich auch in ihrer Ausstattung mit Aufsteller-Figuren widerspiegeln. In Yipps "Contact" umkreisen sich vier Tänzerinnen und vier Tänzer immer wieder mit oft nur angestrengt gewahrter Distanz und finden doch nicht wirklich zusammen - mit einer Ausnahme freilich. Denn ein Paar, das schließlich doch zur Zweisamkeit findet, wird zum Versprechen, dass Glück auch in diesen Zeiten noch möglich ist - allen Widrigkeiten zum Trotz. Chin-Lin Chan und Takashi Yamamoto schenken diesem Ballett-Abend mit ihrem Pas de deux einen ganz besonderen Moment zarter Poesie.

Ausdauernder Beifall

Eine sehr eindringliche Tanzsprache hat Gast-Choreographin Wubkje Kuindersma in ihrer Arbeit "Lost Touch" gefunden, für die sie auch die Ausstattung entworfen hat (faszinierendes Licht-Design: René Klotzer).

Geriffelte Plexiglaswände auf Rollen als verschiebbare einzige Bühnenbildelemente werden zu den unüberwindlichen Gegenspielern der Tänzerinnen und Tänzer - transparent, aber undurchdringlich. Das Coburger Ballett verwandelt diese Choreographie in ungemein ausdrucksvollen Tanzbilder - faszinierend in Schwebe gehalten zwischen unerfüllbarer Sehnsucht dem dennoch lebendig bleibenden Glauben, Hoffnung finden zu können.

Mit ausdauernd heftigem Beifall dankt das spürbar beeindruckte Premierenpublikum am Ende für einen ungemein suggestiven Ballettabend in schwierigen Zeiten.

Rund um die Ballett-Premiere "Social Dis-Dancing" am Landestheater Coburg

Theater-Tipp "Social Dis-Dancing" - dreiteiliger Ballettabend von Wubkje Kuindersma, Tara Yipp und Mark McClain

Musik von Roland Fister, Johann Sebastian Bach, Philip Glass u.a.

Choreographien Wubkje Kuindersma "Lost Touch" Mark McClain "Zusammen allein" Tara Yipp "Contact"

Dramaturgie Dorothee Harpain

Ballett Coburg

Streicher des Philharmonischen Orchesters Landestheater Coburg Roland Fister, 1972 in Baden-Baden geboren, begann nach einem abgeschlossenen Schlagzeugstudium mit einem Dirigierstudium bei Peter Gülke, das er 2000 mit Diplom abschloss. Diverse Meisterkurse ergänzten die Ausbildung. Fister arbeitete zunächst als Assistent von Thomas Hengelbrock und Yakov Kreizberg. Im Jahr 2001 wurde Fister als Kapellmeister ans Landesthe ater engagiert. Für das Landestheater coburg hat Fister bereits mehrere Werke geschaffen. Seine Musical Opera "Dorian Gray" erlebte ihre Uraufführung im Juni 2013 in Coburg. 2017 folgte die Uraufführung des Balletts "Alice im Wunderland" mit Fisters Musik, die er 2018 zudem in ein sinfonisches Märchen für Sprecher und Orchester verwandelte. Im Februar 2020 und damit kurz vor Ausbruch der Corona-Pandemie erlebte schließlich Fisters Kinderoper "Die Prinzessin auf dem Kürbis" ihre erfolgreiche Uraufführung am Landestheater.