Ein bisschen wild schaut er aus, wie er so da oben auf dem Schlot der Brauerei Schleicher steht und sich von oben bis unten putzt: ziemlich schmutzig und reichlich zerzaust. Aber er ist wieder zurück in seinem Sommerquartier! Der Kaltenbrunner Storch ist seinem Ruf gerecht geworden und als erster Vertreter seiner Gattung im Landkreis angekommen. "Am Mittwoch haben wir ihn zum ersten Mal auf dem Horst gesehen", sagte gestern Lorenz Döllinger von der Brauerei Schleicher.

Dass der Storch so früh dran ist, überrascht Frank Reißenweber nicht. Der Diplombiologe am Landratsamt und Kreisvorsitzende im Landesbund für Vogelschutz (LBV) verfolgt die Storchen-Populationen in der Region schon lange und weiß deshalb: "Der Kaltenbrunner ist immer früh dran." Es gab Jahre, da saß er sogar schon im Februar auf seinem Horst - eine Woche bis 14 Tage später trudelte dann meistens auch seine Partnerin im Itzgrund ein.
Frank
Reißenweber kann sich gut vorstellen, warum der Kaltenbrunner Storch immer so früh dran ist: "Er überwintert vermutlich in Spanien und hat deshalb keine so lange Reise hinter sich." West-Zieher, nennt man diese Störche, die im Herbst über die iberische Halbinsel hinweg Richtung Afrika fliegen. Nicht wenige dieser Störche verbringen auf dieser Reise den Winter in Südspanien oder im (immer noch verhältnismäßig nahen) Marokko.

Im Osten lange unterwegs

Die Ost-Zieher legen bedeutend längere Strecken über den Bosporus und sogar die Sahara zurück. Das sind oft tausende Kilometer mehr, deshalb kommen diese Vögel erst bedeutend später in Deutschland an. "Manche erst Ende Mai", erklärt Reißenweber.

Weil der frühe Vogel aber nicht nur den Wurm fängt, profitiert der schnelle Kalte nbrunner Storch auch anderweitig von seiner frühen Ankunft. Wenn seine Partnerin angekommen ist, beginnt das Paar zügig mit der Brut und beschert damit seinem Nachwuchs einen ganz entscheidenden Vorteil. Diplom-Biologe Reißenweber klärt auf: "Jungvögel, die ein paar Wochen früher geboren sind, treten im Herbst deutlich fitter die lange Reise ins Winterquartier an."
Dass der Wetterbericht für die kommende Woche noch ein letztes Aufbegehren des Winters vorhersagt, bringt Vogel-Fachleute wie Frank Reißenweber mit Blick auf den Storch nicht aus Ruhe. Freilich, ideal sei ein Wintereinbruch nicht - aber lebensgefährlich können niedrige Temperaturen für die erwachsenen Vögel nicht werden.

Etwas zu fressen ist wichtig

"Wichtig ist nur, dass er etwas zu fressen findet", sagt Reißenweber. Feldmäuse, Regenwürmer und Schnecken stehen momentan ganz oben auf der Storchen-Speisekarte. Und natürlich kleine Fische - wenn denn der Vogel an diese heran kommt. Auf Amphibien müssen die Störche dagegen noch ein bisschen warten, weil die niedrigen Temperaturen der kommenden Woche die Winterruhe von Fröschen, Molchen und Kröten noch ein bisschen hinauszögern werden.

Und sollte das Wetter ganz schlecht werden, dann weiß so ein erfahrener Storch schon, was er zu machen hat. "Dann fliegt er erst einmal wieder da hin, wo die Lebensbedingungen ein bisschen besser sind", erklärt Reißenweber. Ein Storch sei schließlich ein Wildvogel - der wisse schon, was er zum Überleben bei unwirtlicher Witterung tun müsse.

Frank Reißenweber und seine Kollegen vom LBV schauen in den nächsten Wochen mit Spannung auf die Ankunft der Störche im Coburg. Nicht zuletzt auf Initiative der Vogelschützer hin wurden in Wiesenfeld und auf dem alten Hessen-Hof in Glend Nisthilfen errichtet. Mit dem nahen Goldbergsee hat sich schließlich in den vergangenen Jahren ein interessanter neuer Storchen-Lebensraum entwickelt, der neue Paare anlocken könnte.

272 Paare in Bayern

Die Zahlen jedenfalls machen Hoffnung: Mit insgesamt 272 Brutpaaren lag Bayern fast auf dem Niveau der "goldenen Storchen-Zeiten" in den 1950-er Jahren. Da kann es schon sein, dass sich auch neue Interessenten für die Horste im Coburger Westen finden.