Ein roter SUV, links daneben eine Blutlache, Blutspritzer rings auf dem Asphalt: Mit ihren Aussagen vor dem Landgericht zeichnen Polizeibeamte am Dienstag ein Bild von dem, was sie am 5. Oktober 2020 in der Mohrenstraße in Coburg vorgefunden haben. Dort soll Abedelgabar A. seinen Bekannten Ali H. mit einer Weberschere niedergestochen haben. Neben dem versuchten Totschlag werden A. zudem unter anderem Bedrohung, Beleidigung und Widerstand gegen Polizeibeamte vorgeworfen.

Zu Späßen aufgelegt

Laut Anklageschrift hat Abedelgabar A. am Tattag zunächst die Filialleiterin eines Supermarkts bedroht, er wolle "sie und Ali H. abstechen", da beide daran schuld seien, dass er eine Geldstrafe in Höhe von 8000 Euro zahlen müsse. Wenige Stunden später soll A. dann Steine auf das Auto geworfen haben, in dem die beiden Brüder Mohammad und Ali H. saßen. Als diese ausstiegen und ihn zur Rede stellten, habe Abedelgabar A. zunächst Mohammad H. angegriffen und ihm mit der Weberschere "kratzerartige Verletzungen" zugefügt. "Als Ali H. den Angeklagten von seinem Bruder wegzog, hat dieser sich umgedreht und zwei Mal auf Ali H.s Oberkörper eingestochen", heißt es in der Anklageschrift.

Ein Polizeibeamter hat unmittelbar nach der mutmaßlichen Tat mit zwei Bekannten des Angeklagten gesprochen. Mit ihnen soll sich Abedelgabar A. vor der Tat am Coburger Bahnhof getroffen und Richtung Mohrenstraße gelaufen sein. Ein Bekannter habe dem Beamten gesagt, A. habe sich vor der Tat normal verhalten und sei sogar "zu Späßen aufgelegt" gewesen.

Der andere Zeuge, der den Angeklagten an diesem Abend zum ersten Mal traf, beschrieb ihn als eher unsympathisch und "protzig". "Er soll mit seinen früheren Straftaten angegeben haben, was dem Zeugen missfiel", erklärte der Beamte. Tatsächlich liegt auch dem Landgericht eine vorangegangene Verurteilung vor. In Plauen, wo der Angeklagte bis 2018 lebte, wurde er vom Amtsgericht unter anderem des Hausfriedensbruchs und der Körperverletzung schuldig gesprochen.

Blutdurchtränkte Kleidung

Als der Angeklagte das Fahrzeug von Mohammad und Ali H. gesehen habe, habe er sich von der Gruppe gelöst, um Steine auf das Auto zu werfen, so die Zeugenaussage. Ein weiterer Polizeibeamter hat am Tatort mit dem Geschädigten Mohammad H. gesprochen. Er sagte dem Beamten, im Gerangel mit dem Angeklagten einen Schlag gegen den Kopf bekommen zu haben. Als sein Bruder Ali zu Hilfe kam, habe er "fünf bis sechs Schlagbewegungen" gegen den Oberkörper seines Bruders erkennen können - ohne zu wissen, dass der Angeklagte einen Gegenstand in der Hand hielt. Erst, als er Ali H. von Abedelgabar A. wegzog, habe er das Blut an seinen eigenen Händen gesehen und realisiert, was eigentlich geschehen war. Ali H. sei "durcheinander gewesen" und habe "schwer geatmet", schilderte eine Polizeibeamtin, die später am Tatort eintraf. "Er hat sich an die Brust gefasst, sein Pullover war blutverschmiert." Als die Spurensicherung den Strickpullover untersuchte, sei dieser "im Bauch- und Brustbereich von Blut durchtränkt" gewesen, erläutert ein Kollege.

"In vollem Bewusstsein"

Auf die Beamten vor Ort habe der Angeklagte so gewirkt, als sei er "Herr seiner Sinne". Diesen Eindruck machte er auch bei einem vorangegangenen Delikt auf die Beamten - einen Monat vor dem Vorfall in der Mohrenstraße soll der Angeklagte Polizeibeamte bei einer Verkehrskontrolle beleidigt und angegriffen haben. Dabei habe er auch das Fahrzeug der Beamten beschädigt. Ein Beamter, der zur Verstärkung gerufen wurde, habe beobachtet, wie der Angeklagte zuerst mit dem Kopf, dann mit den Füßen die Seitenscheibe des Fahrzeugs im Ganzen aus dem Rahmen schlug.

Er gehe nicht davon aus, dass sich der Angeklagte in einer psychischen Ausnahmesituation befand. "Er hat alles verstanden und auf uns reagieren können", sagte er. Deshalb habe ihn das Verhalten geschockt: "Ich habe noch nie zuvor gesehen, dass ein Mensch so viel Kraft entwickeln kann, um eine ganze Scheibe aus der Verankerung zu treten."

Das Urteil im Verfahren gegen Abedelgabar A. wird voraussichtlich am 16. April gefällt.