Mein Haus, mein Auto, mein Body? Trainieren ist gut, so lange es beim Muskelaufbau darum geht, sich wohl zu fühlen, einen Ausgleich zum Alltag zu finden und etwas für die Gesundheit zu tun. Schwierig wird es, wenn der Körper vor allem als Statussymbol gesehen wird. Besonders junge Menschen sind empfänglich für Schönheitsbilder einer Konsum- und Mediengesellschaft, die eine intensive Arbeit am wohldefinierten Body als Voraussetzung sieht für Glück und Liebe, Erfolg und Prestige.


Mädchen finden sich zu dick, Jungs zu wenig muskulös

Einer Studie aus der Schweiz zufolge sind zwei Drittel der Jugendlichen mit ihrem Körper unzufrieden. Das Phänomen, dass sich fast alle Mädchen zu dick finden, ist lange bekannt. "Bis etwa ins Jahr 2000 beschäftigten sich die meisten Studien dieser Art mit Mädchen und Frauen", sagt der Erlanger Sportpsychologe Heiko Ziemainz.
"Aber die Jungs holen auf. Sie rücken immer mehr in den Fokus der Untersuchungen." Auch Jungs haben Probleme, sind nicht zufrieden mit ihrem Körper. Sie wünschen sich Waschbrettbäuche und viel mehr Muskeln. Mit Sport und Ernährung kann viel erreicht werden: Gewicht reduzieren, Muskeln formen - vieles lässt sich erarbeiten.


Es gibt Grenzen

"Aber es gibt auch Grenzen", sagt der Bayreuther Sportwissenschaftler Wolfgang Buskies. "Beim Training, bei der Ernährung und in der Genetik. Wenn eine Frau ein anatomisch breites Becken hat, kann sie dieses nicht wegtrainieren. Und jemand kann nur ein Top-Bodybuilder werden, wenn er die Gene dafür hat."
Buskies warnt vor übertriebenem Körperkult. "Wenn zum Beispiel Anabolika benutzt werden, um den Körper zu formen, ist das gesundheitsgefährdend!" Doping ist nicht nur im Spitzensport ein Thema, auch Freizeitsportler greifen zu verbotenen Substanzen, um ihre Muskeln aufzupumpen. Die Polizei meldet, dass Deutschland "eine Flut" an verbotenen Dopingsubstanzen erlebe. In Oberbayern wurden vor einigen Wochen bei einer Fahrzeugkontrolle 10 000 Anabolika-Tabletten sichergestellt, im Landkreis Wunsiedel entdeckte eine Zivilstreife im Kulturbeutel eines Autofahrers 100 Tabletten eines anabolen Steroids.


Schönheit wird gemacht

Nicht jeder baut eben schnell Muskulatur auf. "Wenn zehn Untrainierte über ein halbes Jahr hinweg das gleiche Trainingsprogramm durchführen, kommen zehn verschiedene Ergebnisse dabei heraus", sagt Buskies. "Jeder Körper ist anders."
Und jede Epoche hat ihre Schönheitsideale. Künstlich nachgeholfen wurde dabei schon immer. Aber die Puderchen und Perücken, die Reifröcke und Gänsbäuche vergangener Epochen sind weit entfernt von den Mitteln, mit denen Schönheit heute künstlich gemacht wird. Beispielsweise nimmt auch die Zahl der Schönheits-OPs der Bundeszentrale für politische Bildung zufolge seit 1990 kontinuierlich zu.


Sportsucht und Online-Inszenierung

"Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in der es um Optimierung geht", erklärt Psychologe Ziemainz. "Um in bestimmten Kreisen dazuzugehören, muss man bestimmte Klamotten haben, einen entsprechenden Teint im Gesicht und einen Megabody."
Als Psychologe kennt er auch das Phänomen, dass Menschen so exzessiv Sport betreiben, dass sie als süchtig eingestuft werden. Das gibt es vor allem bei Ausdauersportlern. Die Gründe dafür lägen im Dunkeln, fest stehe allerdings, dass biochemische Prozesse und körpereigene Drogen nebensächlich sind. "Sportsucht gehört wie Spielsucht zur Kategorie der Verhaltenssüchte." Kritische Lebensereignisse, aber auch ein Hang zum Perfektionismus und das Selbstwertgefühl spielen eine Rolle. Oft tritt die Krankheit in Kombination mit Essstörungen auf. Wer Sportsucht für harmlos hält, irrt gewaltig: Wie bei anderen Süchten verschieben sich die Prioritäten des Kranken im Alltag manchmal so stark, dass Partnerschaften kaputt gehen und der Betroffene seine Arbeit so vernachlässigt, dass er die Stelle verliert. Den körperlich extremsten Verfall erlebte Ziemainz bei einem Sportsüchtigen, einem Läufer und Triathleten, der kaum noch gehen konnte - er hatte Haut und Fleisch an den Fersen bis zum Knochen hin durchgewetzt. Solche Fälle sind extrem selten. Nicht einmal ein Prozent derjenigen, die so etwas wettkampfmäßig betreiben, leiden an einer Sucht.
Ursache der genannten Probleme ist nie der Sport. Der Bayreuther Wissenschaftler Wolfgang Buskies begrüßt grundsätzlich, dass mehr junge Menschen aktiv sind. "Ich kenne zwar keine Statistik, dass immer mehr Junge im Fitnessstudio trainieren. Aber ich sehe diesen Trend, beobachte, dass immer mehr junge Menschen darauf Wert legen. Das ist grundsätzlich eine gute Entwicklung und besser, als nur mit dem Handy oder Computer rumzuhängen."
Dort, in sozialen Medien, liegt gleichzeitig auch oft der Ursprung übertriebenen Körperkults. Wo mediale Selbstinszenierung regiert, wird Fitness-Idealen gehuldigt, bei denen der eigentliche Sinn des Trainings in Vergessenheit geraten ist: Der wichtigste Effekt ist nicht ein definierter Body, sondern die Stabilisierung des Stütz- und Bewegungsapparates und die langfristige Verbesserung und Erhaltung der Gesundheit.