Es ist eine Geschichte, die vielleicht so alt ist wie die Menschheit selbst. Geschrieben von einem Dramatiker, der seit 400 Jahren tot ist. William Shakespeares "Othello" zeigt, wie tief, ehrlich und gut die Liebe sein kann. Und wie vernichtend Eifersucht, wenn sie durch Intrigen und ständige Einflüsterei angeheizt wird.


Unsterblich verliebt

Othello (Patrick L. Schmitz), ist der schwarze, erfolgreiche Feldherr im Dienste Venedigs, in den sich Desdemona (Aline Joers) unsterblich verliebt. Beide heiraten trotz Widerständen - nicht zuletzt vom Brautvater Brabantio (Ulrich Bosch). Othellos Fähnrich Jago (Andreas Ulich) fühlt sich ungerecht behandelt, will Karriere machen und scheut nicht davor zurück, die Menschen in seiner Umgebung zu manipulieren und etwa seinen Kameraden Rodrigo (Oliver Danner) oder seine Frau Emilia (Nadine Panjas) für seine Zwecke einzuspannen. Allmählich schafft er es nicht nur, Othello davon zu überzeugen, dass Desdemona ihm untreu ist. Jago versetzt ihn in eine solche Raserei, dass dieser seine Frau erwürgt und sich aus Verzweiflung selbst das Leben nimmt. Verzweifelt deshalb, weil Jago Othello selbst da noch glauben macht, er, Jago, habe ihm das gar nicht eingeredet. Alles sei irgendwie ein Missverständnis.


Es muss ein Versehen sein

Irgendwie ein Missverständnis - das ist das, woran Othellos Umgebung mehr oder weniger offen glaubt, als sie von der Liebesheirat zwischen dem "Mohren von Venedig" wie William Shakespeare seine Titelfigur im Untertitel bezeichnet und der schönen Desdemona, Mädchen aus gutem Haus, erfahren. Wie kann sich Desdemona in so jemanden wie Othello verlieben, ja ihn sogar heiraten? Es muss ein Versehen sein, das geschehen ist im ersten Aufflackern der sexuellen Leidenschaft, der Gier Desdemonas nach einem Mann. Selbstverständlich hat Othello kräftig daran gedreht, damit sie ihm verfällt - wie sonst kann sein Mädchen "so etwas" heiraten?, ist sich Brabantio sicher. So sicher, dass er seine Ablehnung, ja seinen Hass, offen in Gegenwart Othellos und seiner Tochter ausspricht, ja mit ganzer Verzweiflung hinausschreit in eine Welt, die genauso denkt, es aber nicht zu formulieren wagt.
In dieser Welt, die zwar Othellos militärischen Fähigkeiten anerkennt, ihn als Verkörperung des Exotischen, Heroischen respektiert, ihn aber wegen seiner Hautfarbe nicht als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft akzeptiert. Da kann Othello noch so ehrenhaft sein, sein Grundvertrauen in die Menschen seiner Umgebung (und letztlich seiner Frau Desdemona) ist trotz allem nicht so groß, dass er gegenüber Jagos Einflüsterungen immun wäre. Der wiederum ist ein meisterhafter Manipulierer, der genau weiß, ob er freundschaftlich, bestimmend oder charmant auftreten muss, um sein Ziel zu erreichen, einzig mit dem Publikum als Verbündeten, dem er sich in Monologen zuwendet und seine Pläne offenbart.


Überragender Andreas Ulich

William Shakespeares Genie zeigt sie auch im um 1603 entstandenen Drama durch seine vielschichtigen Figuren, die niemals ausschließlich gut oder böse sind. Mit dem Kunstgriff der Monologe, in denen sie ihre Gedanken offenbaren, erklären sie dem Publikum, weshalb sie so handeln, wie sie handeln. Nicht immer einfach für einen Schauspieler, der ja gleichsam aus der Szene heraustreten muss, ohne aber von der Bühne verschwinden zu können.
In dieser Inszenierung, für die Uli Spies verantwortlich zeichnet, der im vergangenen Jahr bereits "Sherlock Holmes und die Hexe von Bamberg" auf die gleiche Bühne brachte, halten die restlichen Figuren inne, bleiben gleichsam eingefroren, während etwa ein überragender Andreas Ulich als Jago seine Handlung erklärt.
Das tut er, indem er direkt zum Publikum spricht, ja scheinbar dessen Reaktionen aufgreift. Die Zuschauer wiederum können nicht anders, müssen dem Bösewicht trotz seiner klar zu verurteilenden Taten Sympathie entgegenbringen, ja ihn witzig finden. Während sie mitfühlen wie Othellos Welt, alles, woran er glaubt, wofür er gekämpft hat, zusammenbricht. "Ich habe meinen guten Ruf verloren. Ich hab' verloren, was an mir unsterblich ist und was mir bleibt, ist viehisch", klagt Othello, bis in jede Gefühlsregung hinein glaubhaft und mitreißend gespielt von Patrick L. Schmitz. Er scheitert auch deshalb, weil seine Umgebung nicht in der Lage ist, Vorurteile abzulegen und ihn nicht als Menschen wahrnimmt, sondern sich auf seine Andersartigkeit, die sich in seiner Hautfarbe darstellt, konzentriert.
Es sind diese Themen, diese Dialoge, die Shakespeare 400 Jahre nach seinem Tod immer noch aktuell machen und in der Lage sind, das Publikum von der ersten Szene an zu fesseln. Wenn die Stücke wie dieser "Othello" klug und modern inszeniert und besetzt werden und ohne unnötige Effekthascherei, daherkommen, erübrigt sich die Frage, weshalb man Shakespeare immer noch spielen sollte.



Weitere Aufführungen: 12., 23., 24., 26. Juni, 1. und 15. Juli. Beginn 19. 30 Uhr, Einlass 19 Uhr.
(Rest-)Karten (19,50 Euro, ermäßigt 16,50) erhältlich über Colibri, Betten Friedrich oder den bvd Kartenservice.