Es war geradezu ein symbolisches Zeichen für die Nöte der Zeit: Ein Rettungswagen fuhr vom Hof der Geschäftsstelle des Malteser-Hilfsdienstes in der Moosstraße zum Einsatz. Just in dem Moment, als spanische Gitarrenklänge die Versammlung zum Mitklatschen und Jubeln brachten. Freud und Leid liegen oft beieinander: Freude darüber, dass sich so viele in einer Menschenkette für Solidarität und Vielfalt verbunden hatten. Und Leid, weil es Menschen in Not gibt: Hierzulande wie weltweit. Nicht nur durch Corona.

"Da keimt etwas auf"

"Haben wir noch ein Auge für die anderen Pandemien unserer Zeit?", fragte bei den Maltesern CSU-Stadtrat Stefan Kuhn eher rhetorisch. "Rassismus, Antisemitismus, Diskriminierung jeder Art fallen gerade auf fruchtbaren Nährboden!", beklagte Kuhn in seiner kurzen Ansprache. Wer die Medien aufmerksam verfolge, stelle als Randnotiz fest, "dass da etwas aufkeimt": "Unser aller Auge muss daher auch darauf gerichtet sein, damit Corona nicht neues Unheil bringt oder alte Wunden aufreißt", forderte Kuhn.

Dabei schenkte dieser Samstag trotz des regnerischen Wetters Zuversicht: Die Aktion "Bamberg verbunden in Solidarität und Vielfalt", zu der der Migranten- und Integrationsbeirat (Mib) aufgerufen hatte, zeigte eine bleibend bunte Stadt. Unter der Schirmherrschaft von Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD) beteiligten sich zahlreiche Organisationen und Vereine im ganzen Stadtgebiet. Zwischen 15 und 16 Uhr bildeten Bamberger - mit Abstand und Mund-Nasenschutz - an zwanzig Orten Menschenketten. Diese wurden per Zoom-Konferenz miteinander verbunden.

"Es klappt!", freute sich Zweiter Bürgermeister Jonas Glüsenkamp (Grünes Bamberg) über die analoge und digitale Aktion, der sich vor dem Gabelmann in die Menschenkette eingereiht hatte, die Parteimitglieder und Fraktionspartner von Volt bildeten. "Ob Sonne oder Regen: Wir positionieren uns heute!", lachte Volt-Mitglied Michaela Reimann unverdrossen und erklärte: "Wir wollen ein offenes Bamberg, das die willkommen heißt, die hier in Vielfalt leben wollen", wenngleich gerade die Flüchtlingsfrage "nicht nur und nicht mehr national gelöst werden kann", so Reimann, die in ihrer Partei für Partnerschaften und Fundraising verantwortlich zeichnet.

Vernunft und Solidarität

Vor dem E.T.A. Hoffmann-Theater am Schillerplatz hatte sich mit einigen Mitstreitern Mitra Sharifi, mit Marco Depietri kommissarische Vorsitzende des Mib, eingefunden. "Wir wollen zeigen, dass die Bürger unserer Stadt auch in schwierigen Zeiten keinem Rassismus und keinen Verschwörungstheorien hinterherlaufen, sondern vernünftig und solidarisch bleiben und Vielfalt in unserer Gesellschaft schätzen", so Sharifi.

Sie richtete das Banner des Mib aus: "Gemeinsam gegen jegliche Form von Rassismus" stand darauf.

Ein Leitmotiv, dem sich der langjährige Vorsitzende des Mib, der verstorbene Mohamed Hèdi Addala, verschrieben hatte. Sein Porträtfoto hielt Mitra Sharifi in stillem Respekt vor der Lebensleistung dieses Mannes, in die Höhe.

Die wohl größte Menschenkette umringte den Maxplatz. Die Bamberger Mahnwache Asyl, die Seebrückengruppe Bamberg und das Klimacamp Fridays for future gestalteten diese Stunde als "Antwort auf die Belastungen, Probleme und Unsicherheiten, die es zweifelsohne gibt", so Pfarrerin Mirjam Elsel für die Mahnwache Asyl. Eine Antwort, die "nicht nationalistischer Egoismus, Verschwörungstheorien und rassistische Schuldzuweisungen sind", sondern "Solidarität und Dankbarkeit".

Verbunden in Vielfalt "sagen wir als Zivilgesellschaft Nein zu jeglicher Form von Rassismus und Ausgrenzung, nicht nur bei den Rechtsextremen, sondern auch in der Mitte der Gesellschaft, im Alltag, bei der Wohnungssuche, in der Schule oder bei der Arbeit, im Bus oder am Eingang der Disko", fuhr die Pfarrerin fort. Sie blickte über die Stadtgrenzen hinaus: "Europäische Werte werden im Mittelmeer versenkt. Heute stehen wir hier, um ein Zeichen zu setzen: Wir lassen niemanden zurück!" In Bamberg nicht und auch nicht an den Außengrenzen Europas.

"Ein guter Anfang"

Als einen "guten Anfang" bezeichnete Mirjam Elsel den Beschluss des Bamberger Stadtrates vom 23. Juli 2019 in Gestalt des "Bamberger Appell zur Aufnahme von aus Seenot geretteter Menschen aus dem Mittelmeerraum und die Erklärung Bambergs zum sicheren Hafen". Jetzt gelte es, konkrete Schritte umzusetzen, um alle politischen Möglichkeiten zu nutzen, das Sterben im Mittelmeer und die menschenunwürdigen Zustände in den Lagern an Europas Außengrenzen zu beenden.

"Menschliches Leid braucht sofortiges Handeln!", übermittelte Hans-Martin Lechner, Dekan des evangelisch-lutherischen Dekanatsbezirks Bamberg, in einem verlesenen Grußwort seine Botschaft. Es sei ein Akt der Nächstenliebe, nicht weiter zuzusehen, in welchen erbärmlichen Zuständen geflüchtete Menschen etwa auf Lesbos leben müssten. Der Dekan wertete die Menschenketten-Aktion als ein "starkes Zeichen": "Bamberg ist ein Ort, an dem Humanität und Nächstenliebe wichtige Werte sind!"