Nicht, dass in Scheßlitz keine Einkaufsmöglichkeiten bestanden hätten. Im Gegenteil. Mit Brauereien und Gaststätten war das Jura-Städtchen in den 70er-Jahren bestens versorgt - und mit Geschäften ebenso.

"Hier gab's so ziemlich alles, was man brauchte. Und trotzdem war es für mich und meinen Bruder etwas besonderes, wenn sich einmal in der Woche die ganze Familie ins Auto gesetzt hat und zum Einkaufzentrum Bayer nach Trosdorf gefahren ist. Oder in den C+C Großmarkt, für den der Arbeitgeber meiner Mutter immer seine Berechtigungskarte weitergegeben hat."

Wolfgang Döring (Jahrgang 1955), der als Bub schon mit Korb, Einkaufszettel und Geld losgeschickt wurde, kann bei einem Spaziergang durch die Hauptstraße genau berichten, welcher Wandel im Handel sich in Scheßlitz vollzogen hat.

Alles aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen und auch keinem Platz mehr lassen für die Erinnerungen von Ulla Rothkegel, die in Scheßlitz aufgewachsen ist und jetzt mit ihrer Familie in Niedersachsen lebt. Deshalb sei hier eine Auswahl getroffen unter einigen Punkten, zu denen beide etwas zu erzählen haben.


Früh an die Kleinen gedacht

Was Einkaufsmärkte anging, war Scheßlitz zunächst fest in Rewe-Hand. Der erste, auch schon von der Familie Büschner geführte, Laden hatte seinen Standort ungefähr dort, wo jetzt der Parkplatz der Raiffeisenbank ist.

Viel größer waren die Kapazitäten dann nach dem Umzug in die Hauptstraße 7 - 9. Ein später eingerichteter "Ableger" im Berggebiet wurde nicht so angenommen, wie erhofft. Heute steht ein großer, moderner Rewe am Ortseingang.

An Selbstbedienung hatte man sich in den 70ern schon gewöhnt. "Trotzdem war im Rewe immer mehr Personal, als der Größe des Ladens eigentlich angemessen war. Und das war gut so. Einkaufende Kinder oder ältere Leute fanden sofort Ansprechpartnerinnen, wenn sie Hilfe benötigten. Man hatte nie das Gefühl, dass der Einkauf in diesem Markt unpersönlich war", erzählt Wolfgang Döring. Der Markt in der Hauptstraße hatte auch den ersten Kinderspielbereich mit einem Bälle-Bad in der Region. Allerdings wurde der erst nach den 70ern eingerichtet.

Der Vergangenheit an gehört auch der Spar-Markt in der Wilhelm-Spengler-Straße, ebenso wie mehrere kleine Läden, in denen man ebenfalls Lebensmittel und Waren des täglichen Bedarfs kaufen konnte.

Alles, was der Landwirt brauchte und und noch vieles mehr gab es bei "Braun" in der Hauptstraße 43. "Ein bezaubernder Laden", schwärmt Ulla Rothkegel (Jahrgang 1965). "Es hat dort nach Saatgut und Körnern geduftet. Die Einrichtung stammte garantiert aus den 40er- oder 50er- Jahren. Es ging weit nach hinten rein ins Gebäude und es gab so viel Interessantes zu entdecken. Richtig bewusst eingekauft habe ich erst ab dem Schulalter.

Sogar Tapeten waren zu bekommen. Wir hatten damals kein Auto und es ersparte den Weg nach Bamberg, wenn man sich bei Braun Muster anschauen konnte, nach denen dann bestellt wurde."


"Hol mal Muskat"

Auch Wolfgang Döring mochte dieses Geschäft. Er wurde als Kind und Jugendlicher oft mit dem Fahrrad dort hin geschickt. ,Hol mal einen Eimer Muskat für die Enten', hatte die Oma dann gebeten."
Moment, seit wann kommt dieses Gewürz an Entenbraten - und dazu noch in dieser Großmenge? "Muskator war der Markenname der Geflügel-Futterpellets."

An der Fassade des Nachbargebäudes hängt eine nostalgisch anmutende Leuchtschrift. "Das Schuhgeschäft Pippart war auch so ein besonderer Ort", sagt Ulla Rothkegel. "Schuhkartons waren überall gestapelt. Von der Theke hat man nur ein kleines Stück hölzerne Fläche gesehen. Vom Boden wuchsen Karton-Türme nach oben. Doch die Frau Pippart hat sich in dem Chaos bestens ausgekannt. Sie war jemand, der sich für jeden sehr viel Zeit genommen und die Kundschaft geradezu liebevoll bedient hat."
An eine andere Geschäftsfrau erinnern sich die beiden Gesprächspartner auch sehr gut: die "Tilda". In einem (jetzt abgerissenen) Gebäude im "Oberend", an dessen Stelle nun die neue Burg-Apotheke steht, verkaufte sie unter anderem Alkohol und Zigaretten. "Einige meiner Klassenkameraden sind dort nach der Schule immer hin, um zu rauchen. Die Tilda hat Zigaretten einzeln für einen Groschen verkauft."


Leicht verrufener Laden

Um sie zu paffen, blieb man als Schüler tunlichst im Laden. Wäre man mit dem Glimmstängel draußen herumspaziert und ein Bekannter hätte einen dabei gesehen, wäre Ärger garantiert gewesen. "In den 70ern hat in Scheßlitz beinahe noch jeder jeden gekannt. Ich habe beim Zigarettenkauf allerdings nicht mitgemacht", sagt Wolfgang Döring, der Nichtraucher geblieben ist.
Auch für Ulla Rothkegel (die auf dem kleinen Foto als Drittklässlerin zu sehen ist) war damals klar: "Meine Mutter hätte mir die Ohren langgezogen, wenn ich als Teenager bei der Tilda ein- und ausgegangen wäre. Das war eine Trinkhalle."


Ja, das war doch...

Wolfgang Döring kommt noch mal auf den Rewe-Markt in der Hauptstraße zurück. "Beim Warten an der Kasse habe ich eines Tages direkt hinter einem zur damaligen Zeit sehr bekannten Mann gestanden. Er war teuer angezogen, trug einen langen braunen Ledermantel, Lederhose und einen Lederhut, alles Ton in Ton. Im Gesicht sah er, nun ja, nicht ganz so gepflegt aus.
Ich hatte bemerkt, dass die Kassiererin, eine Freundin meiner Mutter, ihn konzentriert anschaute und dann ganz rot wurde. Aber angesprochen hat sie ihn nicht.
,Könnte das Drafi Deutscher gewesen sein?' hat sie mich gefragt, als er weggegangen war. Der Meinung war ich auch. Später stellte sich heraus, dass Scheßlitz für den Sänger und Musikproduzenten kein unbekanntes Terrain war: Er hatte hier eine Liebschaft."