Gefreut hatte sich Tiziano Scarpa auf elf von jedweden Erwartungen unbelastete Monate in der Villa Concordia. Dass daraus aller Voraussicht nach nichts wird, ist die Schuld von Reinhard Wittmann. Ohne Rücksicht auf zarte Künstlerseelen zu nehmen, hatte der Kurator den Schriftsteller aus Venedig wissen lassen, dass Nobelpreisgewinnerin Herta Müller große Teile ihres Hauptwerks nirgendwo anders geschrieben habe als hier in der Villa Concordia. "Verstehen Sie: in Bamberg. Der Nobelpreis. Können Sie sich vorstellen, wie ich mich jetzt fühle?", jammerte Scarpa unter dem Gelächter des Publikums.

Scarpas humoristischer Stunt krönte einen beschwingten Mittwochabend, an dem sich die neuen Stipendiaten der Villa Concordia der Öffentlichkeit vorstellten. Sechs von ihnen kommen traditionsgemäß aus Deutschland, sechs aus dem jeweiligen Gastland. In diesem Jahr ist dies Italien.


Pflicht zur Anwesenheit

Elf Monate werden die Schriftsteller, bildenden Künstler, Musiker und Komponisten nun in Bamberg leben und arbeiten. Ihr Stipendium ist mit der Verpflichtung verbunden, mindestens 16 Tage pro Monat auch tatsächlich in der Domstadt zu verbringen. "Wir kontrollieren das auch", sagte Nora Gomringer,
Für die Künstlerhaus-Direktorin ist der neue Stipendiaten-Jahrgang der inzwischen siebte ihrer Amtszeit. Schenkt man den Selbstauskünften der Stipendiaten Glauben, wird Gomringer bei ihren Kontrollen nur wenig Grund für Beanstandungen haben.

Fast ausnahmslos alle Künstler schwärmten von der Stadt Bamberg, strichen deren "griffige Schönheit" heraus oder adelten sie wie der Komponist Mark Andre zur "Wunderkammer". Die Lobeshymnen klangen glaubhaft, und das auch nach Abzug des in solchen Situationen als sozial erwünscht geglaubten Überschwangs. Die am Mittwoch von den neuen Stipdendiaten gelegentlich geäußerte Befürchtung, in der Idylle Bambergs künstlerisch nicht produktiv sein zu können, entkräftete Gomringer mit der Biografie E.T.A. Hoffmanns: "Man kann in Bamberg tatsächlich auch unglücklich sein."


1500 Euro vom Freistaat

Dass der Freistaat jedem Stipendiaten monatlich 1500 Euro überweist, wird deren Suche nach dem Unglücklichsein allerdings wohl bedeutend erschweren. Als wolle sie darüber säuerliche Steuerzahler umgehend beschwichtigen, versicherte die Künstlerin Gabriela Oberkofler, "gleich morgen" mit der Arbeit beginnen zu wollen.
Erwartungsgemäß am schwersten taten sich die Musiker und Komponisten, ihre Methoden und Ziele in allgemeinverständliche Sätze zu fassen.

Das lag weniger an einer sprachlichen als einer semantischen Barriere. Die Sphäre der Musik erschließt sich den meisten Kulturfreunden schlicht mühsamer als beispielsweise die Literatur, in der es um Motive, Grammatik und Wörter geht. Was der Komponist Mark Andre mit einer "potenziell transzendentalen Erfahrung" in Aussicht stellte, blieb so im kunstreligiösen Ungefähren. Stören wollte sich daran keiner; im Gegenteil, es steigerte nur die Vorfreude.


106 Nationen in Bamberg

Zuvor hatte Bambergs Dritter Bürgermeister Wolfgang Metzner eine Brücke geschlagen zwischen den italienischen Stipendiaten, den Diskriminierungserfahrungen italienischer Gastarbeiter sowie den Flüchtlingen, die heute in Europa ein besseres Leben suchen. "In Bamberg leben Menschen aus 106 Nationen. Da tun uns ein paar Italiener noch gut", sagte Metzner.
Später im herrlichen Garten der Villa und mit einem Glas des reichlich ausgeschenkten Weißweins in der Hand gab es niemanden, der Metzner darin widersprechen wollte.