Bereitschaftspolizisten betraten am Dienstagabend die Synagoge in der Willy-Lessing-Straße, mischten sich unter die vielen Besucher der Gedenkstunden anlässlich des Internationalen Holocaust-Gedenktages. "Kommen Sie, um uns zu beschützen oder um zu beten?", fragte eine Teilnehmerin die Uniformierten. "Beten schützt auch", erklärte einer der Polizisten prompt, ohne sich weiter darüber auszulassen, dass selbst heutzutage für Synagogen in Deutschland besondere Sicherheitsmaßnahmen gelten müssen.

"Wir haben keine Welt, in der so etwas nie wieder geschieht", sagte denn auch Nikolai Czugunow-Schmitt von der Willy-Aron-Gesellschaft, die gemeinsam mit der Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg zu diesem Abend eingeladen hatte - genau 70 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch sowjetische Soldaten.

Auch Bogdan Puszkar, Pfarrer der Ukrainisch griechisch-katholischen Gemeinde St.
Nikolaus in Gaustadt, zeigte sich angesichts der aktuellen Geschehnisse in der Welt "nicht so sicher, dass es sich nicht wiederholt". Umso wichtiger seien solche Gedenktage, "um stabil zu werden, um ein Feuer der Barmherzigkeit und der Liebe zu den Menschen, auch zu Gott zu entfachen", so Czugunow-Schmitt. "Wir brauchen Zivilcourage, die durch Ethik gestützt werden muss, da helfen uns die Religionen als ethische Institutionen", fügte er hinzu.

Tatsächlich boten diese Gedenkstunden nicht nur eine lebenswichtige Erinnerung an die Millionen Menschen, die dem Verfolgungs- und Vernichtungswahn des verbrecherischen NS-Regimes zum Opfer fielen. Bei allem nachdrücklich bekundeten "Nie wieder!" zeigten Juden, Christen, Muslime, Aleviten und Bahai'í, dass sie alle einander Brüder und Schwestern sind vor dem Angesicht des einen Gottes. "Nehmen wir einander an, entdecken wir die vielen Gemeinsamkeiten, die uns verbinden, und tolerieren wir die Verschiedenheiten, die keine Bedrohung darstellen, sondern eine Bereicherung bedeuten", sagte der katholische Diakon Ulrich Ortner, der für die Christen ein Grußwort sprach. Schriftlesungen und Gebete aller Religionsvertreter unterstrichen diesen Willen zur Versöhnung und zum Frieden.

Synagogen-Hausherr Martin Arieh Rudolph warb aber auch dafür, angesichts der immer weniger werdenden Zeitzeugen die Erinnerung an die beispiellose Brutalität in Auschwitz und in den anderen KZs wach zu halten und "niemals zu vergessen, wohin das Schweigen der Mehrheit geführt hat und heute führen kann". Hinsehen, aufstehen gegen Unrecht "ist gelebte Zivilcourage".

"Erinnerung schafft Orientierung, tut auch weh und schmerzt", bekannte der Muslim Abdel Halim Ragab. "Das, was heute am Holocaust-Gedenktag erinnert wird, ist beispiellos." Doch Erinnern helle Geschichte auf, Vergessen bringe Dunkelheit, so Ragab, der damit die von Imam Coskun Sirri Mert auf Arabisch rezitierte Koran-Sure 51 auslegte.

Bürgermeister Wolfgang Metzner (SPD) wandte sich an Menschen, die die Geschichte der Judenverfolgung "hinter sich lassen und einen regelrechten Schlussstrich ziehen wollen". Solange es rechtes, fremdenfeindliches, antisemitisches Gedankengut gebe, so lange "kann und darf kein Schlussstrich gezogen werden", betonte Metzner. Jeder einzelne müsse alles tun, damit sich die Schrecken der Vergangenheit nie wiederholen, "damit wir in einer Gesellschaft ohne Rassismus und Ausgrenzung leben". Der Bürgermeister zitierte den spanischen Philosophen George Santayana: "Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen." Das Gedenken müsse hoch gehalten werden, "Jahr für Jahr,Tag für Tag", sagte Metzner.

Die Besucher erhoben sich von ihren Plätzen, als Martin Arieh Rudolph auf Hebräisch das "El male rachamim" (Gott voller Erbarmen) sang, dieses erschütternde Gebet für die Opfer der Shoah. Ebenso verstörend klangen die Musikstücke, die Ulrich von Wrochem auf der Viola und das Feuerbach-Quartett darboten: Kompositionen, die das Grauen in den KZs in Tönen greifbar machten.