Verschwörungstheorien häufen sich gerade in Krisenzeiten. Im Zuge der Coronavirus-Pandemie beispielsweise werden verschiedene skurrile Meldungen verbreitet. So auch kürzlich im oberfränkischen Bamberg. Sie nehmen sich Menschen wie den veganen Koch Attila Hildmann, Popmusiker Xavier Naidoo oder den Rapper Sido der zuletzt öffentlich den wissenschaftlichen Standpunkt hinterfragt hatte, zum Vorbild. Dadurch stehen die sogenannten Aluhutträger mehr denn je im Fokus.

Ein Forschungsteam der Universität Bamberg, bestehend aus Professor Claus-Christian Carbon und Professor Marius Raab, beschäftigt sich nicht erst seit Auftreten des Coronavirus, sondern bereits seit rund zehn Jahren mit dem Thema Verschwörungstheorien. Oder wissenschaftlich korrekt: Verschwörungsmythen. Denn: Eine Theorie stellt in der Wissenschaft einen überprüfbaren Sachverhalt dar. Bei Erzählungen wie der „flachen Erde“, „Echsenmenschen“, „Chem-Trails“ oder eines „Völkeraustauschs“ sei diese Überprüfbarkeit nicht gegeben, resümiert Pia Lamberty von der Universität Mainz.

Verschwörungstheorien verstehen: "Ein sehr komplexes Phänomen"

Um die Menschen, die an diese Erzählungen glauben, besser verstehen zu können, haben die Forscher der Universität Bamberg eine besondere Methode entwickelt. Damit soll sichergestellt werden, dass sehr emotionale Debatten sachlicher geführt werden und kein Etikettendenken wie "Aluhüte" oder "Spinner" den Diskurs zusätzlich erschweren. Die Experten halten fest: „Verschwörungstheorien, Verschwörungsmythen oder ganz grundsätzliche alternative Erklärungsmuster sind ein sehr komplexes Phänomen und deshalb tief gehend zu behandeln, zu verstehen und zu diskutieren.“

In der Studie bereiten die Forscher zu einem vorher festgelegten Thema bestimmte Aussagen auf. Die Wissenschaftler erklären: „Wir achten darauf, dass in der Menge dieser Aussagen ganz verschiedene Standpunkte enthalten sind. Aussagen, die nicht von uns, sondern von aktuellen Medienberichten, Reportagen, Blogs und ähnlichem stammen.“ Die Testpersonen sollen diese Aussagen, beispielsweise auf Kärtchen gedruckt, zu einer möglichst glaubwürdigen Geschichte zusammensetzen.

„Damit bringen wir den Prozess der Informationsaufnahme, der -verarbeitung und dann der Produktion einer stimmigen Geschichte ins Labor, können ihn so wie im Zeitraffer besser studieren. Diese Methode haben wir vor fast 10 Jahren entwickelt und nennen es ‚Narrative Konstruktion‘“, schildern die beiden Forscher zum Thema Verschwörungsmythen. Dabei achten Professor Claus-Christian Carbon und Professor Marius Raab darauf, alle möglichen Abstufungen einer Thematik abzubilden.

Verschwörungstheorien mit verschiedenen Geschmacksrichtungen

Am Beispiel des Anschlags von 11. September stellten sie den Testpersonen beispielsweise die Möglichkeiten "9/11 war ein Attentat der Terrororganisation al-Qaida und hat die USA kalt erwischt.", "9/11 war ein Attentat der Terrororganisation al-Qaida. Die USA wussten vorher davon und haben es nicht verhindert, weil der Anschlag politische Vorteile gebracht hat." und "9/11 war ein 'inside job', geplant und durchgeführt von der Regierung der USA; um damit politische Ziele zu erreichen", zur Auswahl.

Damit möchten die Experten die Informationen aus dem alltäglichen Leben abbilden. Deshalb findet auch bei abstrusen Theorien keine vorherige Selektion statt. So soll sichergestellt werden unterschiedliche Facetten einer Geschichte abzubilden. Professor Claus-Christian Carbon schildert: „Urheber, Profiteure, Rolle der Medien, Rolle der Gesellschaft, spezifische Interessen einzelner Protagonisten, Absichten, Motivationen und Ängste“, könnten so erkannt werden und in die Studie einfließen. Auch eine Selektion bei den Studien-Teilnehmern finde nicht statt. Carbon und Raab schildern: „Das Phänomen Verschwörungstheorie betrifft praktisch jeden Menschen und dementsprechend ist jede und jeder willkommen, mitzumachen.“

Warum es notwendig sei, Verschwörungskonstrukte zu verstehen, darauf haben die Forscher eine klare Antwort: „Verschwörungstheorien prägen das Wahrnehmen, Denken, Fühlen und Handeln eines Menschen. Also all das, was wir als Psyche bezeichnen.“ Deswegen sei es wichtig zu verstehen, warum der Glaube daran gerade in letzter Zeit erstarke. Außerdem wundern die Experten sich darüber, warum nicht längst Psychologen zu dieser Thematik forschen.