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Bamberg
Schule trotz(t) Corona

Und, wie und was lernst du so?

Matheunterricht in Jogginghose: Schüler des Bamberger Dientzenhofer-Gymnasiums erzählen vom Unterricht in einer außergewöhnlichen Zeit.
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Johanna geht ans Bamberger Dientzenhofer-Gymnasium. Momentan natürlich nicht: Wegen des Coronavirus kommt die Schule jetzt virtuell in ihr Zimmer. Foto: privat
Johanna geht ans Bamberger Dientzenhofer-Gymnasium. Momentan natürlich nicht: Wegen des Coronavirus kommt die Schule jetzt virtuell in ihr Zimmer. Foto: privat
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Das Coronavirus hat unser Leben ganz schön durcheinandergewirbelt. Die Schulen sind geschlossen, der Unterricht geht weiter. Anders. Wir Schüler müssen uns selbst erst mal über die jetzige Situation klar werden. Es ist eine sehr große Umstellung, den ganzen Schulstoff auf einmal zu Hause erledigen zu müssen.

Physik gibt's per Videoschalte

Aber wie sieht Schule zu Hause wirklich aus und funktioniert das überhaupt? Für uns Schüler bedeutet es, dass zwar die Schulen geschlossen sind, wir aber noch lange nicht faulenzen können! Statt zu chillen, haben wir den Schulstoff jetzt daheim zu bewältigen. Das Dientzenhofer-Gymnasium arbeitet schon seit einiger Zeit mit einer Software, die es ermöglicht, über den Computer, das Tablet oder das Handy Unterricht in Teams abzuhalten, Videokonferenzen zu machen, Aufgabenblätter zu bearbeiten und herunterzuladen oder Hausaufgaben an die Lehrer zu schicken. Mit unseren Klassenkameraden halten wir über E-Mails Kontakt.

Während der Corona-Situation erhält daher jede Klasse zu Beginn der Woche einen Plan, aus dem die Aufgaben für die jeweilige Woche und das Fach ersichtlich werden. Somit bekommt man einen Überblick, was man in der Woche alles erledigen muss. Das hat den Vorteil, dass man sich selber einteilen kann, wann welches Schulfach erledigt werden soll. Natürlich muss man aber darauf achten, dass man nichts vergisst und die Abgabefristen einhält. Den Überblick zu behalten, fällt manchmal schwer, "aber da helfen mir zum Glück meine Eltern", sagt Florian aus der Fünften. Das ist aber manchmal nicht so einfach, da die Eltern den Schulstoff anders erklären als die Lehrer - und oftmals selber erst einmal verstehen müssen, um was es geht. "Die Aufgaben bearbeite ich dann mit dem Computer und schicke sie per Mail zurück an die Lehrer. Ich muss manchmal auch Aufgaben schriftlich mit Schulbüchern und Heften bearbeiten und gebe sie dann nach Corona in der Schule ab", erklärt Finn. "Alternativ erhalten wir die Lösungshinweise nach der Abgabe per Mail zum Selbstvergleich."

Zum Glück hören wir uns alle im Klassenchat

Als Erstes stand gestern bei der 5 e Englisch auf dem Plan. Es fand eine Videokonferenz mit dem Lehrer und der Klasse statt. Nach anfänglichen Problemen mit der Technik konnten alle an dem Chat teilnehmen. Die Freude war groß, endlich die ganzen Freunde wieder zu hören! Im Chat haben wir die zuvor gemachten Hausaufgaben besprochen und ein Wissensquiz über das United Kingdom gespielt.

"Ich habe mich schnell an das Arbeiten und Chatten mit den Lehrern und Klassenkameraden gewöhnt. Auch das Arbeiten mit dem Computer habe ich schnell verstanden, obwohl es am Anfang sehr ungewohnt war, nicht mit Stiften zu schreiben, sondern zu tippen. Es fehlt mir auch, dass ich bei Problemen mit Aufgaben nicht gleich die Lehrer fragen kann." Hilfe durch die Eltern oder ältere Geschwister ist auch nicht immer so einfach, "denn meine Eltern können es trotz aller Mühe nicht so gut erklären", findet Fünftklässler Philipp. "Deshalb brauche ich jetzt manchmal länger, die Sachen zu verstehen oder zu lösen", ergänzt Finn.

Hilfestellung gibt es in Form einer Videokonferenz, um Verständnisschwierigkeiten zu überbrücken. Hilfreich ist in diesem Zusammenhang auch das "technische Verständnis mancher Schüler, denn insbesondere in der Oberstufe wissen einige einfach besser Bescheid und [...] so wird der Lehrkörper zum Leerkörper, den der Schüler mit Wissen füllt", lautet eine Erkenntnis unseres Religions- und Englischlehrers.

Endless Langeweile in der Notbetreuung

Und wie sieht ein Tag in der Notbetreuung der Schule aus? Fünftklässler Simon jedenfalls schaut nach der morgendlichen Begrüßung des Lehrers erst mal in "Teams" nach, ob es Hausaufgaben gibt. Anschließend erledigt er das Deutsch-Leselogbuch und die Englischhausaufgabe.

Niemand zum Spielen da

Da nur zwei weitere Kinder da sind, verbringt er die Pause mit seinem MP4-Player, auf dem er Harry Potter hört. Auch das ein seltsames Gefühl: Ein Pausenhof, sonst von Kindern und Jugendlichen bevölkert, ist jetzt fast vollständig leer. Zurück im Betreuungsraum macht Simon Brotzeit und darf dann um 13 Uhr nach Hause. Der Rest des Nachmittags verläuft aufgrund fehlender Spielkameraden "öde und langweilig".

Bei jeder Frage macht es Pling! Auch bei den unnötigen ...

Ganz anders geartete Probleme sieht Laura aus der zehnten Klasse: "Ob Office 365 oder schulcloud, in jedem gibt es Chatrooms. Es ist also nicht so, dass man nur die Aufgabenstellung sieht, man sieht auch jede noch so unnütze Frage. Und bei jeder Frage macht es Pling! Der aktuellste Kommentar ist der oberste. Das ist an sich nicht schlecht, aber Kommentare wie "Ich hoffe, ihr seid alle gesund", stehen weiter oben als die eigentliche Hausaufgabe oder der fünfte Nachtrag eines vergesslichen Lehrers. Es macht sehr viel Spaß aus dem Ganzen wieder das Wichtige herauszufischen. Und wenn der Server vor Überlastung abstürzt noch mehr!"

Freizeitangebote gehen gegen null

Als Schüler sitzt man nun den ganzen Tag wegen der Ausgangsbeschränkung im Haus und auch wenn man sich einredet, wie toll es ist, keine Schule zu haben, auf die Dauer langweilt man sich. Alle Freizeitangebote sind abgesagt und beim Musikunterricht über Skype hängt der Ton immer hinterher.

Die Aufgaben, die man bearbeiten muss, sind nicht schwerer als sonst. Trotzdem sitzt man mehr am PC und wenn man sich nach mehreren Stunden vom Schreibtisch erhebt, tut einem der Rücken weh. Es kostet sehr viel Zeit und Konzentration, herauszufinden, welche Nachricht relevant, welche schon bearbeitet und welche jetzt sofort gemacht werden muss. Man sitzt teilweise den ganzen Tag daran, sicher zu gehen, alle Hausaufgaben bekommen, erledigt und abgeschickt zu haben. Je länger man daran sitzt, desto mehr lässt die Konzentration nach und die Fehlerquote steigt. Man ist sich zu 100% sicher, dass die Aufgabenstellung für den Aufsatz irgendwo im Chemieordner sein muss und findet ihn am Ende im Deutschordner, nachdem man alle seine Freunde verrückt gemacht hat.

Gefühlte zwei-drei Viertel des Tages werden somit für Unterricht und/oder Hausaufgaben aufgewendet, das gilt für beide Seiten, Lehrer wie Schüler. Und letztlich bleibt immer das ungute Gefühl, etwas vergessen zu haben. Die Problematik des Umgangs mit den modernen Medien, das Gefühl permanent online sein zu müssen, um für den Vorgesetzten ansprechbar zu sein und nicht die neueste Nachricht zu verpassen und sei es nur eine kleine Aufgabenveränderung, hat durch Corona auf diese Weise auch das Arbeitsverhalten der Kinder und Jugendlichen erreicht, stellt Claudia Losgar fest. Bei der Erstellung dieses Berichtes wartete zum Beispiel die Deutschlehrerin nach Ihrer Bitte um passende Fotos nur einen Bruchteil weniger Minuten und schon erhielt sie eine reiche Auswahl an Fotomaterial inklusiver einiger netter Schüler und Elternkommentare. "Und umgekehrt fühlt man sich als Lehrer natürlich auch verpflichtet, idealerweise immer alle Fragen der Kinder sofort zu beantworten, um ihnen einen einigermaßen reibungslosen Arbeitsablauf zu gewährleisten und gleichzeitig Lernfortschritte zu erzielen", ist die Deutschlehrerin überzeugt. Dafür musste sie sich, genauso wie ihre Schüler am letzten Schultag, einer weiteren Einweisung in Office 365 unterziehen, um ihrem Anspruch an einen funktionierenden Unterricht entsprechen zu können. "Und es bleibt trotzdem nicht aus, dass ich auch weiterhin technische Nachfragen habe oder unsicher bin, ob die Vorgehensweise so gelingt, wie ich das möchte. Wir befinden uns daher genauso in einem Lernprozess wie die Schüler."

Spätestens jetzt werden alle zu Couchpotatoes

Vor Corona wurden viele Jugendliche häufig mit der Aussage konfrontiert, sie würden zu viel Zeit vor ihren Endgeräten verbringen. Aus Wladas Sicht verbessert die jetzige Situation diesen Zustand leider nicht, sondern macht die Schüler zu sogenannten "Couchpotatoes", die den ganzen Tag vorm Bildschirm sitzen.", so die 10.Klässlerin. "Einkaufen gehen oder auf der Terrasse sitzen wird zu einem Highlight", resümiert ihre Freundin Leila. Die Wertigkeit von Videospielen und Serien sinkt, damit wird nur noch die Zeit "totgeschlagen", so Levi aus der 10.Klasse

An freien Tagen oder in freien Stunden wird den Schülern jetzt immer schneller langweilig, etwas mit Freunden unternehmen oder bei schönem Wetter in die Stadt fahren, ein Eis essen, fällt durch die ungewöhnliche Situation weg. Die Schüler fühlen sich dadurch nicht nur häufig gelangweilt, sondern gerade die Älteren benennen auch klare Bedenken und Ängste.

Vor allem für Schüler mit unterdurchschnittlichen Noten heißt es nun "zittern", da eine Verbesserung der Noten nicht nur an der eigenen Disziplin, sondern auch dem fehlenden Unterricht liegt und die Möglichkeit der Nachfrage im Unterricht eben doch nicht in jedem Fall und zu jeder Uhrzeit gegeben sein kann. Und die vielfach beschworene Nachhilfe findet auch nicht statt. Besonders hart trifft es hier die 12.Klässler, die noch nicht einmal von einem tatsächlich sicheren Zeitplan ausgehen können und damit auch keine Planungssicherheit für ihr eigenes Zeitmanagement haben.

Auffallend ist, dass alle Schüler unisono bestätigen: Diese Methode des Unterrichts kann keinen herkömmlichen Unterricht ersetzen und ist als Dauermethode auch ungeeignet. "Denn selbst auch Video-Telefonie kann nicht den menschlichen Kontakt zu den SchülerInnen ersetzen, insbesondere Humor geht online einfach verloren", so Müller. "Aber trotz der ungewohnten Situation funktioniert es besser, als wir uns das alle vorgestellt hatten.", stellt Lorenz aus der 10. Klasse fest.

Für manche ist es sogar eine gute Gelegenheit herauszufinden, ob und wie gut wir als Schüler selbstständig arbeiten können. Ohne eine Schule, die einem jeden Vormittag und teils auch Nachmittag sagt, wann man was zu tun hat und ohne den Zwang, alle Aufgaben sofort erledigen zu müssen. Ebenso fehlt aber auch die sofortige Hilfestellung der Lehrer, wie man das aus dem Unterricht gewohnt ist. Man muss selber erarbeiten, wie etwas im Detail funktioniert. Ob Schule auf diese Weise sinnvoll ist, hängt daher nicht nur vom Engagement des Lehrers und dem Schwierigkeitsgrad der gestellten Aufgaben ab, sondern vor allem von der Disziplin der Schüler. "Wenn man als Schüler nicht die Disziplin dazu hat, den Unterrichtsstoff auf diese Art zu bearbeiten und die Aufgaben immer weiter hinausschiebt, dann kommt es ziemlich wahrscheinlich dazu, dass der Schüler Probleme bekommt, wenn der Unterricht nach Corona wieder normal weitergeht.", ist Niklas aus der 10. Klasse überzeugt. Der Vorteil der freien Zeiteinteilung kann daher schnell zu einem gravierenden Nachteil werden. Das sieht auch Müller so, denn "Wir sind meines Erachtens auf einem guten Weg und durch Office sehr gut aufgestellt, was digitalen Unterricht angeht. Aber digitaler Unterricht kann den zwischenmenschlichen Kontakt - sprich Unterricht mit SchülerInnen in einem Raum - nicht ersetzen, sondern lediglich ergänzen."

Trotz der ganzen, teilweise fast surreal anmutenden Situation, erkennen die Schüler auch positive Aspekte: "Was ich sehr schön finde, dass wir durch Corona mehr Zeit mit der Familie haben.", freut sich Ashley. Selbst gemachte Pizza, Spaziergänge mit den Eltern und Spieleabende stehen bei vielen Familien nun im hohen Kurs, gerade wenn beide Eltern in verschiedenen Schichten arbeiten. "Auch die Wertigkeit des Schulunterrichts hat sich in der gesellschaftlichen Bewertung verändert", stellt Losgar fest. Schüler und Eltern erkennen nun bewusst, wie zeitintensiv und anstrengend Vorbereitung, Erarbeitungsvorgang und Vertiefung der Unterrichtsinhalte ist: "Die Kommunikation über Microsoft 365 und in dem Teamchat funktioniert hervorragend und vermittelt zugleich den Schülern, dass Sie und die anderen Lehrer für die Kinder da sind, in einer gerade sehr außergewöhnlichen und auch beängstigenden Zeit! Das tut gut und macht mich auch als Mutter stolz, dass wir uns für das DG entschieden haben. [...] Ich finde Ihr Konzept ist voll aufgegangen und das ist wirklich nicht als selbstverständlich anzusehen!", so Susanne Trautner, Mutter eines Fünftklässlers. Schule wird nicht mehr nur als lästige Pflicht, sondern auch als Kommunikationsort empfunden, der einem Wissen/Neues vermittelt. Und das wird nicht mehr nur als Pflicht, sondern auch als Bereicherung empfunden, denn "Unterricht ist in der Schule doch am schönsten!", ist Johanna aus der fünften Klasse überzeugt und Philipp ist zuversichtlich "Ich weiß, wir sitzen alle im selben Boot und gemeinsam schaffen wir es durch die Krise!"

Diesen Artikel haben Oberstudienrätin Claudia Losgar, die Klasse 5e, die Klasse 10c und die Q12 des Dientzenhofer-Gymnasiums Bamberg verfasst.

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