Ein Unfall, zwei Zeugen, zwei Aussagen - und diese widersprechen sich in einem ganz entscheidenden Punkt. Aus welcher Richtung kam der Sattelzug, als er am Feiertag, am vergangenen Dienstag, auf den Berliner Ring einbog und dabei eine Radfahrerin überrollte?

Mit dieser Frage beschäftigen sich die Polizeibeamten und ein Unfall-Sachverständiger der Staatsanwaltschaft Bamberg. Vorerst ging die Polizei davon aus, dass sowohl der Lastwagenfahrer als auch die Radfahrerin stadtauswärts auf der Zollnerstraße unterwegs waren und beide nach rechts auf den Berliner Ring eingebogen sind.
Mittlerweile hat die Polizei zwei Zeugenaussagen aufgenommen und ausgewertet, eine Dritte steht wohl noch aus. Eine Aussage des Unfallfahrers selbst liegt der Polizei (noch) nicht vor. Der 57-Jährige schweigt.

Deshalb müssen die Beamten jetzt klären, ob der Lastwagenfahrer möglicherweise links - von der gegenüberliegenden Kreuzungsseite - aus der Zollnerstraße auf den Berliner Ring gefahren ist, also stadteinwärts unterwegs war.

Die Tragik des Unfalls am frühen Abend von Heilige Drei Könige bleibt trotz Unklarheiten zum Unfallhergang unberührt: Eine 24-jährige Bambergerin ist ums Leben gekommen. Ob rechts oder links abbiegend, der Sattelzug erfasste am Feiertag gegen 16.48 Uhr die Radfahrerin so, dass sie von ihrem Gefährt stürzte und - nach ersten Angaben der Polizei Bamberg - von vorne überfahren wurde.

Der alarmierte Notarzt stellte lebensgefährliche Verletzungen fest. Die 24-Jährige wurde direkt ins Klinikum Bamberg gefahren. Nur knapp zwei Stunden nach dem Unfall starb sie an den Folgen ihrer Verletzungen im Krankenhaus. Während der Unfallaufnahme blieb der Berliner Ring für einige Stunden gesperrt. Der bisher aufgenommene Sachschaden fällt niedrig aus.

Tödliche Verletzungen
Bis alle Polizeiberichte zum Verkehrsunfall an die Staatsanwaltschaft Bamberg übergeben werden können, sucht die Polizei weitere Zeugen, die den Unfall beobachtet haben. Klärungsbedarf für die Beamten und den Sachverständigen verlangt beispielsweise auch noch die Frage nach der "Erkennbarkeit des Radfahrers", erklärt Silke Gahn von der Polizeiinspektion Bamberg. Fuhr die Radfahrerin mit Licht in der Dämmerung, oder war sie vielleicht ganz schwarz gekleidet. Wie gut konnte der Lastwagenfahrer die junge Frau auf ihrem Rad sehen? Ob die Ampelschaltung eine Rolle gespielt haben könnte, bleibt insofern auch noch ungewiss.

Wenn beide, der Lastzug und die Fahrradfahrerin rechts auf den Berliner Ring abbiegen wollten, "kann es einen toten Winkel gegeben haben", sagt Gahn. Bei der "Variante eins" hätte der Lastwagenfahrer die Frau übersehen können, für die Polizeibeamten war diese Variante auch bis Redaktionsschluss "die Wahrscheinlichste", so Gahn.

Dennoch konnte bis Mittwochabend nicht abschließend geklärt werden, in welche Fahrtrichtung der Sattelzug unterwegs war. Deshalb fragt die Polizei: Wer hat am Dienstag gegen 16.45 Uhr den Unfall am Berliner Ring beobachtet? Wer kann sonst sachdienliche Hinweise zu diesem folgenschweren Unfall machen? Zeugen sollen sich bei der Polizeidienststelle Bamberg melden.

Fahrradunfälle in Bamberg
Die Stadt Bamberg konnte nur so viel zu dem Unfall sagen, als dass der "Berliner Ring an sich mit den Fahrrad-Wegen sehr gut ausgebaut ist", so Pressesprecherin Ulrike Siebenhaar, die bisherige Meldungen bestürzt verfolgt habe. Der Kreisverband des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs Bamberg äußert sich nicht, bis die Ermittlungen endgültig abgeschlossen sind.

Zu derart schweren Verkehrsunfällen - bei denen auch Fahrradfahrer beteiligt sind - kommt es nach Aussage der Polizeibeamtin nicht so oft, "im letzten Jahr gab es zum Glück gar keinen", sagt Gahn. 2012 erinnert sich eine Kollegin von ihr an einen tödlichen Radfahrer-Unfall.

Andere Unfälle aus dem FT-Archiv sind unter anderem aus dem Jahr 2011. Damals wurde ein elfjähriger Radfahrer am Berliner Ring schwer verletzt. Eine Serie von drei tödlichen Unfällen ereignete sich 2009. Drei Verkehrsteilnehmer - jeweils mit dem Fahrrad unterwegs - verunglückten damals im Oktober innerhalb kürzester Zeit nach Unfällen an unterschiedlichen Verkehrspunkten: am Münchner Ring, in der Starkenfeldstraße und in Sassanfahrt.

Kerzen an der Unfallstelle
Obwohl die Polizei sagt, dass es eher selten zu schwerwiegenden Verkehrsunfällen mit Radfahrern kommt, haben einige Bürger zumindest das Gefühl: "Wieder am Berliner Ring", so lautet ein Facebook-Kommentar. "Es muss wirklich was passieren am Berliner Ring, ich fahre so ungern mit dem Fahrrad dort", schreibt eine andere Nutzerin im Sozialen Netzwerk.

Für diesen einen tragischen Unfall vom Feiertag bleibt zu hoffen, dass die Polizei anhand der Unfallspuren und weiteren Zeugenaussagen den Abschlussbericht möglichst zeitnah an die Staatsanwaltschaft übergeben kann. Die Verarbeitung in den Köpfen und Herzen der Hinterbliebenen, aber auch die des Unfallfahrers, dauert mit Sicherheit viel länger. Viele kleine Lichter, das eine oder andere Kuscheltier, Blumen und Karten am Unglücksort sind nur ein Zeichen der Trauer, die noch heute den Unglücksort markieren.