Gästeführer Eberhard Haar heißt seine Gruppe beim Startpunkt an der Tourist-Information im Fränkischen Rom willkommen. Auf der Oberen Brücke deutet der Mitte-70-Jährige auf ein italienisches Café und schwärmt vom besten Eis der Stadt. Der Halt auf der Unteren Brücke mit Blick auf Klein-Venedig ist auch für die Spieler von Brose Bamberg Pflicht.

Michele Vitali wirkt zufrieden. Erleichtert, dass die Recherche von Freundin Carlotta mit der Realität übereinstimmt. "Sie hatte sich im Internet ein bisschen über Bamberg informiert", erzählt der Italiener, der in der kommenden Saison zum ersten Mal in der Basketball-Bundesliga auf Korbjagd gehen wird. Bis auf eine Saison in Andorra spielte der 28-Jährige stets in Bella Italia.

Italienisch geprägte Ära

Ob Eberhard Haar bei seinen Ausführungen wusste, dass die erfolgreichste Ära von Brose Bamberg eng mit einem italienischen Quartett verbunden ist? Nicolò Melli gewann 2016 und 2017 mit den Oberfranken die deutsche Meisterschaft, 2017 zusätzlich den BBL-Pokal. "Wir haben 2011 zusammen die Silbermedaille bei der U20-Europameisterschaft in Bilbao geholt", sagt Vitali über seinen Kumpel und Nationalmannschaftskollegen, der eine gute Autostunde entfernt von ihm aufgewachsen ist. Der Flügelspieler selbst stammt aus San Giorgio di Piano nahe Bologna.

Mit dem langjährigen Bamberger Athletiktrainer Sandro Bencardino arbeitete Vitali bei seinem Ex-Klub Virtus Bologna zusammen. "Wir haben vor meinem Wechsel telefoniert und er hat nur positiv über den Verein gesprochen. Er hat sich für mich gefreut, dass ich diese Chance erhalte", erzählt Vitali. Auch Daniele Baiesi, der von 2014 bis 2017 Sportdirektor des neunmaligen deutschen Meisters war, hat der 28-Jährige schon getroffen. Kurz nach dessen Amtszeit in Oberfranken. Am Flughafen von Barcelona, wo Baiesi mit dem FC Bayern München auf dem Weg zu einer Euroleague-Partie war und Vitali zu einer Begegnung mit MoraBanc Andorra im Eurocup reiste. Brose Bamberg war beim kurzen Plausch damals kein Thema.

Dem Vierten im Bunde, Andrea Trinchieri, der seinem ehemaligen Sportdirektor kürzlich als Trainer nach München folgte, ist Vitali noch nicht begegnet. Dazu kommt es wohl erst beim Aufeinandertreffen zwischen den beiden entthronten deutschen Titelträgern in der Liga. Für ein konkretes Ziel in der Meisterschaft sei es zu früh, sagt Vitali, der vier Tage vor der Stadtführung in Bamberg eingetroffen ist und eine Wohnung zehn Minuten außerhalb der Stadt bezogen hat. "Wir müssen uns erst alle kennenlernen. Außerdem wollen wir während der Saison Spaß haben."

Der Spaß an der Sportart wurde dem 1,96 Meter großen und 86 Kilo schweren Lockenkopf in die Wiege gelegt. Sowohl Vater Roberto als auch Mutter Anna Maria Mazzoli waren Basketballer. Nur deshalb trafen sich die beiden 1978 bei einem Turnier mit ihrer jeweiligen Jugendnationalmannschaft. Micheles fünfeinhalb Jahre älterer Bruder Luca schaffte es ebenfalls in die höchste italienische Liga, wo er seit 2016 für Brescia aufläuft. Die beiden waren auf dem Parkett bereits Mit- und Gegenspieler.

Basketball sticht andere Hobbys aus

Sein Wurftalent entdeckte Michele schon als Kind. Obwohl er mit seinen Kumpels hauptsächlich kickte, Fan des AC Mailand war, mit seinem Papa zum Formel-1-Rennen ins nahe Imola fuhr und Motorrad-Champion Valentino Rossi anhimmelte, konzentrierte er sich auf die Sportart mit der orangenen Kugel. Im heimischen Garten verfeinerte er seine Technik für Distanzwürfe. Auch privat schweift Vitali gerne in die Ferne. "Ich mag es, neue Städte und Plätze zu entdecken - egal ob in Italien oder anderswo", sagt der Profi.

Am liebsten ans Meer

Den Urlaub verbringen er und Carlotta am liebsten am Meer, weshalb Deutschland bislang nicht als Reiseland in Frage kam. Lediglich durch den Basketball war er schon in der Millionenmetropole Berlin und in Ulm - immerhin 126 000 Einwohner. Bologna hat 400 000. Jetzt also Bamberg. Bei Brose ist er der einzige Italiener. Nur drei seiner Mitspieler - Tyler Larson, David Kravish und Chase Fieler - kannte er flüchtig aus bisherigen Duellen. "Ich habe mich in Andorra nicht nur sportlich, sondern auch persönlich weiterentwickelt", sagt Vitali über seine bislang einzige Station im Ausland.

Auch wenn er nach nur einer Saison zu Sassari auf Sardinien wechselte, dürfte ihm die Erfahrung jetzt helfen, mit dem Heimweh umzugehen. Zudem reist Carlotta (25) an diesem Freitag nach, mit der er seit viereinhalb Jahren zusammen ist. Die Hochzeit im Sommer fiel dem Coronavirus zum Opfer und ist auf Juli 2021 verschoben, sofern kein Länderspiel mit Italien dazwischenkommt. Und wer weiß: Vielleicht findet die Hochzeit ja dann statt in Bologna in Klein-Venedig im Fränkischen Rom statt.

Zur Person: Michele Vitali

Emilia-Romagna Seit 2012 kennt vermutlich jeder Deutsche die Region in Norditalien. Mehrere starke Erdbeben forderten im Mai 24 Todesopfer. Hunderte wurden verletzt, Tausende obdachlos, da viele Gebäude einstürzten. "Wir hatten Glück und blieben unversehrt", erzählt Michele Vitali, der in San Girgio di Piano, 20 Kilometer nördlich von Bologna, aufgewachsen ist. Bologna Zwei Mal spielte Vitali für Virtus Bologna (2010-12 und 2015/16), dazwischen wurde er zum Vorortklub aus Gira verliehen und wechselte innerhalb der Stadt, in der er am 31. Oktober 1991 geboren wurde, zu Biancoblu Basket Bologna. Außerdem war er für die italienischen Vereine Juvecaserta (2014/15), Brescia Leonessa (2016-18) und Dinamo Sassari (2019/20) aktiv. Seine bislang einzige Station im Ausland war 2018/19 MoraBanc Andorra, das in der 1. spanischen Liga ACB antritt. Corona Anders als in Deutschland wurde die Basketball-Saison in Italien nach der Unterbrechung im März nicht zu Ende gespielt. Im April wurde sie ohne Meister, Auf- und Absteiger abgebrochen. Für Michele Vitali brachte die Hochphase der Krise auch Positives: "Ich hatte mehr Zeit für meine Freundin. Außerdem habe ich Yoga ausprobiert und viel mit der Gitarre geübt", erzählt der 28-Jährige.