Teppiche, Fotografien, Bücher, vom Balkon strahlt die Sonne herein - Verena Sadri hat sich ihre Wohnung in der Ottostraße gemütlich eingerichtet. Doch so recht genießen können das die 70-Jährige und ihre Nachbarinnen im Ottoheim schon seit Monaten nicht mehr. Die rüstigen Seniorinnen fürchten um die Wohnungen und damit auch um ihre Selbstständigkeit, seit sie von den Neubauplänen der Caritas gehört haben. "Die Ungewissheit der letzten Monate hat uns psychisch und physisch sehr mitgenommen", sagt Sadri. "In anderen Altenheimen bekommt man so leicht keine Wohnung. Und informiert werden wir auch nicht."
Wie Klaus-Stefan Krieger, Pressesprecher des Caritasverbands der Erzdiözese Bamberg, erläutert, geht es bei dem Vorhaben ausschließlich um den Gebäudeteil an der Ecke Ottostraße/Hainstraße. Unter anderem, weil der ein Halbgeschoss tiefer liegt als das restliche Gebäude, will man diesen Teil abreißen und neu bauen. "Das sorgt für größere Barrierefreiheit und leichteres Arbeiten", sagt Krieger. "Geplant sind eine zusätzliche Tagespflege und eine Pflegeoase für Schwerstpflegebedürftige." Derzeit gebe es noch "verschiedene Auffassungen über die endgültige Gestaltung des Gebäudes". Dazu trägt auch der für das Haingebiet aufgestellte Rahmenplan bei.
Die 15 dem Ottoheim angegliederten Wohnungen sind heiß begehrt, die Bewohnerinnen mussten Jahre darauf warten. Auf je nach Zuschnitt 40 bis 60 Quadratmetern Fläche haben die Mieterinnen, die nicht als Heimbewohnerinnen gelten, ein eigenes Bad und eine eigene Küche. Die Nähe zum Altenheim kommt den Frauen gelegen, falls sie irgendwann einmal mehr Pflege benötigen oder das dortige Essenangebot nutzen wollen.
Zwar sind einige körperlich etwas gebrechlicher, aber alle sind sie geistig rege - wie die 86-Jährige, die noch selbst ihre Steuererklärung macht. "Ich bin fix und fertig, weil ich nicht weiß, was kommt", klagt auch sie. Einzelne Bewohnerinnen haben auf ihre alten Tage sogar einen Mieterrechtsschutz abgeschlossen.
Während der Caritasverband laut Krieger weiterhin die Variante eines viergeschossigen Ersatzneubaus mit Flachdach favorisiere, habe man sich im Stadtgestaltungsbeirat für einen Entwurf mit Walmdach ausgesprochen - in dieser Variante wären aber die Altenwohnungen nicht vorgesehen. Krieger bringt eine dritte Möglichkeit ins Spiel, die in der nächsten Sitzung des Gestaltungsbeirats am 20. September diskutiert werden könnte: Diese entspricht der Flachdach-Variante, hätte aber noch ein Walmdach obendrauf. Mit dem dortigen Ergebnis wäre aber auch noch nichts entschieden, denn der Stadtgestaltungsbeirat ist nur ein beratendes Gremium. Die Entscheidung fällt am Ende im Bausenat.
"Vor 2020 werden wir aufgrund der Diskussionen ohnehin nicht anfangen können, dann käme in der Ottostraße erst der rechte Teil dran. Der linke Teil mit den Wohnungen wäre damit frühestens 2021 an der Reihe", sagt Caritas-Sprecher Krieger.
Diese Auskunft genügt Verena Sadri und ihren Mitstreiterinnen aber nicht. Sie wollen wissen, wo sie während der Bauzeit unterkommen sollen und wie es danach weitergeht. Auch die 88-jährige Barbara Kremer beklagt, "dass sie uns nichts, aber auch gar nichts sagen". Sie wohnt wie einige Nachbarinnen seit Jahrzehnten im Haingebiet. "Als hochbetagte Seniorinnen haben wir keine Chance, am freien Wohnungsmarkt eine vergleichbare Wohnung zu den gleichen Konditionen zu finden", stellt Kremer fest. Bislang verlangt die Caritas nur eine Kostenmiete, wie sie im Sozialwohnungsbau vorgeschrieben ist. Das sind selbst bei den größeren Wohnungen nur knapp 500 Euro Warmmiete.
"Die Tagespflege ist lukrativer. Wir bringen kein Geld und haben auch keine Lobby", beklagt Sadri. Sie habe sich an vielen Stellen vergeblich um Aufklärung und Lösungen bemüht, vom demnächst scheidenden Heimleiter bis hinauf zum Caritasdirektor. "Wir hängen derzeit mit der ganzen Sache in der Luft", erklärt dazu Caritas-Sprecher Krieger. "Im Moment haben wir noch keine Lösung hinsichtlich der Wohnungen, aber bis 2021 werden wir sicher eine gefunden haben."
Kremer und drei weitere Bewohnerinnen haben derweil ihre Forderungen zusammengeschrieben, fordern unter anderem unverzügliche und vollständige Information sowie Behandlung auf Augenhöhe. Eine jahrelange Zwischenunterbringung in einem Altenheimzimmer lehnen sie ab, denn "die uns verbleibende Restlebenszeit ist begrenzt". Die Frauen fordern grundsätzlich den Erhalt der Altenwohnungen. Für den Fall, dass sich ein Abriss nicht vermeiden lasse, erwarten sie, dass die Caritas jeder Mieterin im Neubau "eine ihrer jetzigen Wohnung vergleichbare Wohnung zu den bisherigen vertraglichen Konditionen" garantiere. Die Seniorinnen könnten sich "keine luxussanierten Neubauwohnungen" leisten.
Entsprechend fordern vier der Seniorinnen auch von der Stadt und vom Stadtrat: "Genehmigen Sie das Staffelgeschoss mit den Wohnungen." Denn auch im Hain dürfe Ensembleschutz nicht vor Sozialschutz gehen. "Wir sind hier vor Jahren eingezogen, weil wir unseren Lebensabend in Ruhe genießen wollten", sagt eine Mieterin. Doch mittlerweile könne sie nicht mal mehr ohne Tabletten schlafen.