Konzentriert steht Petra Wilhelm am Fließband, genauer gesagt an der "Serienlinie 4 - Arburg Umspritzen" im Werk 3 der Robert Bosch GmbH Bamberg. Flink greift sie die einzelnen Hochdruckeinspritzventile, die unmittelbar zuvor mit Kunststoff umspritzt wurden. Den wachen Augen der 46-Jährigen entgeht nicht die winzigste Lücke in dieser Verpackung: "Mir ist noch kein Fehler unterlaufen!" strahlt Petra Wilhelm. Und ihr unmittelbarer Vorgesetzter, Schichtmeister Helmut Hümmer, nickt zustimmend. "Sie arbeitet fehlerlos", bestätigt er gern. Um vorauseilend hinzuzufügen, dass es doch eigentlich "ganz normal ist, dass es etwas geben kann, wo Menschen arbeiten".

Petra Wilhelm lächelt ihren Chef dankbar an. Und wendet sich wieder diesen Ventilen zu. 38 000 Stück laufen täglich vom Band. Unzählige davon hat die bestens gelaunte Frau unter Kontrolle: Vollzeit (35 Stunden) in zwei Schichten - und im Akkord.
"Mir geht es gut dabei", versichert die Produktionsmitarbeiterin.

Bis Petra Wilhelm dies so bestimmt und selbstbewusst sagen konnte, floss viel Wasser die Regnitz hinunter. Ein harter Weg liegt hinter ihr, der sie in tiefe Depressionen stürzte. Allzu Privates gibt sie nicht preis, schon ihrem 16-jährigen Sohn zuliebe nicht. Doch besonders auch beruflich musste die Alleinerziehende einiges wegstecken: Nach 23 Jahren in einem großen Bamberger Betrieb wurde ihr nach Umstrukturierungsmaßnahmen 2010 gekündigt. Zwar gab es für ein Jahr eine Transfergesellschaft, "ich habe aber nicht wieder Fuß gefasst", blickt Petra Wilhelm zurück.

"Lasse" veränderte alles

Verzweifelt suchte sie nach neuer Arbeit, schrieb erfolglos diverse Bewerbungen. "Ich hätte alles genommen und sogar WCs geputzt." Doch mit ihrer Schwerbehinderung (GdB 50) habe sie kein Arbeitgeber gewollt. "Ich hatte Angst davor, in Hartz IV abzurutschen", sagt Petra Wilhelm leise. Das wäre im März 2015 der Fall gewesen. Und dann wurde ihr noch rechtzeitig von der Agentur für Arbeit Bamberg/Coburg "Lasse" angeboten. Die verzagte Frau griff zu.

"Lasse" bedeutet "Langzeitarbeitslose Schwerbehinderte schnell eingliedern". Es ist eine seit Dezember 2014 laufende Maßnahme der Regionaldirektion Bayern der Bundesagentur für Arbeit, des Bayerischen Sozialministeriums und des Integrationsamtes beim Zentrum Bayern Familie und Soziales. Ziel von "Lasse" ist, bis März 2017 jährlich 230 Teilnehmer für den Arbeitsmarkt fit zu machen und schnell in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung einzugliedern.

Die Integrationsfachdienste unterstützen die arbeitssuchenden Menschen mit Handicap. In Petra Wilhelms Fall war es die Sozialpädagogin Gisela Ruschig vom Integrationsfachdienst Bamberg, die sich mit hohem Einsatz um Zukunftsperspektiven für ihren Schützling kümmerte. Individuell auf die Bedürfnisse von Petra Wilhelm zugeschnitten, war der im Januar begonnene Kurs "Lasse" schließlich von Erfolg gekrönt: "Frau Ruschig hat mir gezeigt, was ich kann, und dass ich mich nicht zu verstecken brauche", freut sich Petra Wilhelm über den neuen Mut, den sie gefasst hatte.

Die Sozialpädagogin half beim Erstellen des Lebenslaufs und von Bewerbungsschreiben, fragte Firmen nach einem möglichen Bedarf von Mitarbeitern an. Schließlich nutzte sie ihre eingespielten Kontakte mit der Firma Bosch: "Ich habe gute Erfahrungen mit Bosch gemacht", erklärt Gisela Ruschig und sieht sich jetzt wieder bestätigt. Der weltweite Zulieferer von Komponenten der Automobiltechnik suchte Produktionsmitarbeiter. Nach ersten Verhandlungen mit der Personalchefin und dem Schwerbehindertenbeauftragten von Bosch wurde Petra Wilhelm zum Vorstellungsgespräch eingeladen, zu dem sie Gisela Ruschig begleitete. Und es klappte: Seit April gehört Petra Wilhelm zu den 8000 Bosch-Mitarbeitern in Bamberg und fühlt sich nach eigenen Worten "wohl im menschlichen Team". Zehn Prozent von ihnen sind schwerbehindert: "Chancengleichheit und Vielfalt gehört zu unserer Unternehmenskultur", betont Carina Hein, Bosch-Referentin Unternehmenskommunikation.

Für Gisela Ruschig ist Petra Wilhelm ein Vorbild für andere in ähnlicher Ausgangssituation: "Sie hat es geschafft und sich nicht aufgegeben." Und auch wenn der Arbeitsvertrag derzeit noch für ein Jahr befristet ist, kennt die Sozialpädagogin ihren Schützling inzwischen so genau, um sagen zu können: "Der Kurs ,Lasse' hat bei ihr etwas für die Zukunft aufgebaut."

Petra Wilhelm jedenfalls ist sich selbst sicher, dass sie sich nicht mehr unterkriegen lässt und auch die ärztliche Betreuung zuverlässig in Anspruch nimmt. Und dass sie weiter offen über ihre Krankheit sprechen will: "Das Thema Depression ist ja in der Gesellschaft verpönt, ich will Betroffenen Mut machen - notfalls ,im Akkord'".