Dort bis ganz oben rauf? Und dann runter? Im Leben nicht. Das ist die schnelle Piste, wo der Schnee gut verdichtet ist. Was ich brauche, ist erstmal eine Strecke für Schisser.

Gut, dass am Wattendorfer Schlittenhang so viel Platz ist. Weiter links, da, wo es nur sanft ansteigt, soll Premiere sein. Mehr als drei Jahrzehnte ist es her, seit der "Familienschlitten", den ich mit zwei Jahren zu Weihnachten bekommen habe, mit mir irgendwo zu Tal gesaust ist. Jetzt wartet ein glänzend lackiertes Modell im Pulverschnee darauf, dass ich mit einem Ruck nach vorn das Signal zur Abfahrt gebe.

Bis er und ich zusammengekommen sind, hat es einen ganzen Nachmittag gedauert. Nichts Bodennahes, so viel stand fest. Das ist was für Sportliche. Kommt gar nicht in Frage: In eine Plastikschale krabbeln und dann nicht mal die Möglichkeit haben, das Wichtigste einzusetzen, das es beim Schlittenfahren gibt - die Stiefelabsatzbremse.



Ein Alu-Faltschlitten mit Totenkopf auf dem Sitz vielleicht? Oder ein stoßgedämpfter Lenkschlitten mit drei Kufen? Die soll kaufen wer mag. Ich bin Wiedereinsteiger, ich will ein klassisches Modell. Und zwar eines, bei dem ich nicht nach der ersten Bodenwelle mit Steißbeinbruch auf einem Haufen Kleinholz hocke. Schließlich bin ich keine federleichte Fünfjährige.


Sitzprobe im Baumarkt

Sollen doch alle komisch gucken! Ich teste sehr ausgiebig in mehreren Baumärkten. Schräge Verbindungen vom Sitz zu den Kufen, oder lieber gerade - wie verteilen sich welche Kräfte? Ja, hätte ich halt im Physikunterricht besser aufgepasst...

Auf jeden Fall ist "ächz!" exakt das Geräusch, das ich nicht hören will. Trotzdem geben es einige Exemplare von sich: kurze Schlitten, lange Schlitten; mit dünnen Latten, kompakten Latten; nur aus Holz oder Holz in Kombination mit Kunststoff.

Mit auf den Weg nach Wattendorf macht sich schließlich ein Hörnerschlitten in stattlicher Länge (vielleicht haut's einen da doch nicht so schnell runter), mit drei aus jeweils einem Holzstück gebogenen Verstrebungen (keine Chance für die Sitzfläche, sich durchzubiegen).

Mit Sicherheit dort, wo das Dorf am höchsten ist, wird der Schlittenhang sein, denkt sich die aus Richtung Gräfenhäusling anfahrende Ortsunkundige - und muss kurz vor Mährenhüll ihr Auto wenden. Auf der Hauptstraße marschiert eine Spaziergängergruppe und ein Mann gibt gut gelaunt Auskunft: "Da fährst jetzt runter Richtung Staffelstaa, und dann siehst sie schon alle über die Straß laufen."

Noch keine Parkplatznot um diese Zeit. Die Entscheidung, erste Fahrversuche zu unternehmen, während alle anderen noch Braten und Klöße in sich hineinschaufeln, war goldrichtig. Aus dem Auto nebenan werden nicht nur Schlitten entladen, sondern auch ein mit Luft zu befüllendes Etwas nebst zugehöriger Aufblasvorrichtung. Dazu Thermoskannen und Frischhalteschüsseln.


Wattendort - Der Weg lohnt sich!

Hey, was für ein schönes Stückchen Landkreis, diese waldumsäumte Anhöhe, über deren Kuppe der Turm der Kirche St. Barbara spitzt!

Schlittenfahren ist wie Schwimmen. Das verlernt man auch nicht. Um das zu beweisen, "opfert" man doch gerne den Dreikönigstag und den nachfolgenden Samstag. Oder zumindest einige Stunden davon.

Das Gefährt nimmt Tempo auf. Breeeeeems! Das ist zu schnell, zu schnell, zu schnell! Die Hacken schurren Furchen in die Schneeauflage der Wiese. Ich, für die Geschwindigkeit bei jeglicher Art der Fortbewegung (außer der mit dem Auto) ein zu vernachlässigender Faktor ist, scheine mit 120 km/h unterwegs zu sein. Oder 60. Oder 30. Auf jeden Fall aber doppelt so schnell wie eine federleichte Fünfjährige.

Ehe ich zu einer Schätzung komme, die den Tatsachen entspricht, bin ich auch schon unten. Gut, der Schnee muss rechts und links in Wolken aufgestoben sein, so vehement habe ich die Stiefelabsatzbremse eingesetzt, aber sonst gab's keinen Grund für die im Vorfeld an den Tag gelegte Hasenfüßigkeit.


Pech bei der letzten Abfahrt

Sofort wieder rauf und gleich nochmal runter. Schlittenfahren verlernt man nicht. Wer was anderes behauptet, hat keine Ahnung. Weil ich aber ehrlich bin, bekenne ich, dass ich es für diesen ersten Tag bei meiner selbst gewählten, sanften Strecke belassen habe.

Dass so was auch Nachteile haben kann, zeigte sich ausgerechnet bei der letzten Abfahrt. Auf dem gut "eingefahrenen" Teil des Hangs ist der Auslauf, dort, wo es in die Ebene übergeht, sachte und sicher. Wer sich selbst einen Weg sucht, kann viele Male Glück haben, oder aber auch kurz vor dem Stoppen unversehens an einem unter dem Schnee verborgenen Stein vorbeiratschen, so dass ein ordentlicher Spreißel Holz aus der Kufe gerissen wird.


Schönste Aussicht weit und breit

Deshalb: Besser dort rodeln, wo's die anderen auch tun. Das ist der Vorsatz für den nächsten Tag in Bamberg, am Sauersberg, dem Schlittenhang mit der schönsten Aussicht weit und breit. Oben die Altenburg und unten die gesamte Stadt.

Eine ganz andere Strecke. Hier bleibt einem als Erwachsener, der ordentlich Masse auf den Schlitten bringt, gar nichts anderes übrig, als am Schluss aktiv dafür zu sorgen, dass das Rutsch-Gerät zum Stillstand kommt.
Auch hier findet man als Wiedereinsteiger schnell "seine" Ideallinie. Ein bisschen am Rand zwar, aber immerhin bleiben jetzt die Füße auf den Kufen stehen, bis es wirklich Zeit ist für die Stiefelabsatzbremse.

Was ich richtig und falsch gemacht habe, erfahre ich zufällig hinterher, als ich im Internet nach einem Ziehstrick mit Handgriff für meine Neuerwerbung Ausschau halte. Es gibt einige Videos, die sich mit Sicherheitstipps fürs Schlittenfahren und Verhaltensregeln auf der Strecke befassen.