In ihrer seit über 200 Jahren angestammten Heimat wurden sie nach dem Zweiten Weltkrieg gelegentlich als "Faschisten" verunglimpft und vielerorts benachteiligt. Als sie diese Bedrängnis hinter sich gelassen und endlich das gelobte Land ihrer Vorväter erreicht hatten, wurden sie prompt als "Russen" beschimpft, abgelehnt, in ghettoähnlichen Wohnanlagen sich selbst überlassen. Vor rund 25 Jahren traf die erste größere Welle deutschstämmiger Spätaussiedler aus Russland, Kasachstan, Kirgisien und Tadschikistan auf eine innerdeutsche Massenbewegung von den neuen Bundesländern in die alten.

Heute leben etwa 2,5 Millionen Menschen in der Bundesrepublik, deren Wiege an der Wolga stand, in Novosibirsk, in Samara oder in Tscheljabinsk. Sie sind die Nachkommen von deutschen Auswanderern, die Ende des 18. Jahrhunderts von der ebenfalls deutschstämmigen Zarin Katharina II., der Großen, gen Osten gelockt wurden, um wildes Land an der Wolga zu besiedeln und fruchtbar zu machen.


In der neuen Heimat

Zwei Beispiele für gelungene Integration zeichnet unsere Zeitung an dieser Stelle nach: Die Familien Hermann und Kappel, die in Bischberg und Breitengüßbach eine neue Heimat gefunden haben, stehen für zahllose erfreuliche Schicksale einst armseliger, mittelloser Flüchtlinge aus dem Osten.

Eduard Hermann, heute gut situierter und bis in den Brose-Baskets-Businessclub vernetzter Fliesenlegermeister, landete im Dezember 1991 mit seiner russischstämmigen Mutter Lidija und sieben Geschwistern in Hannover. Wenige Tage vor der Abreise war der deutschstämmige Vater im heimatlichen Alma-Ata (Almaty) überraschend gestorben. Dank eines beherzten, unbürokratischen Verwaltungsaktes durfte die Großfamilie bleiben. Als einreiseberechtigtes Familienoberhaupt wurde kurzerhand die damals 19-jährige Tochter Elvira dokumentiert, die in Kasachstan schon Deutsch studiert hatte.

In einem Übergangswohnheim in Coburg kamen die Hermanns dann 1991 unter. Eduard, von Beruf Straßenbaumeister, fand in Prölsdorf eine Wohnung und als Betonbauer in Schlüsselfeld einen Job. Da war schon die gerade 18 Jahre alte Larissa, die mit Eltern und Geschwistern ebenfalls aus der Region Alma-Ata kommend im Coburger Aussiedler-Wohnheim untergebracht war, ins Leben des Junghandwerkers getreten. Beim Silvesterfeuerwerk 1992 hatten sich die beiden kennengelernt.

Und dann begann die gemeinsame Aufbauphase: Eduard Hermann entschloss sich, zum Fliesenleger umzuschulen. Er absolvierte seine Lehr- und Gesellenjahre bei zwei Handwerkern in Bamberg. Währenddessen besuchte Larissa in Schweinfurt eine überbetriebliche Ausbildung zur Bürokauffrau. Während eines Praktikums bei einem Haßfurter Unternehmen wurde ihr angeboten, auf den Beruf der Industriekauffrau umzusteigen, was sie auch tat. Es dauerte nicht lange und Larissa Hermann wurde für Auslandsgeschäfte nach Moskau und Jekaterinburg geschickt, ihre Karriere war programmiert.

Doch es kam alles anders: Als Mutter Lidija 1998 starb, nahm Eduard seinen inzwischen 14-jährigen Bruder Jurij in seine Gaustadter Wohnung auf (die älteste Schwester Angelika holte die beiden jüngsten Geschwister, Eugen und Roman, zu sich nach Bremen). Auch Larissa und Eduard dachten über eigene Kinder nach und so wurde eine größere Wohnung gesucht. Weil die Mieten hoch und die Zinsen günstig waren, entschied sich die junge Familie zum Kauf einer Vier-Zimmer-Wohnung in Bischberg (darin leben die Hermanns bis heute).

Hinzu kam: Eduard Hermann meldete sich zur einjährigen Meisterschule in Bamberg und Würzburg an und nahm dafür einen Kredit auf. Tochter Lina kam auf die Welt, das Geld wurde immer knapper und dennoch machte sich Eduard 2001 als Fliesenlegermeister selbstständig. Er kaufte ein Transportfahrzeug und ein Lager wurde angemietet, das nötige Werkzeug hatte er schon. Der Wegfall des Meisterzwangs im Fliesenlegerhandwerk bescherte dem frischgebackenen Handwerksmeister eine ungeahnte Konkurrenz aus zahllosen Ich-AGs, aber er setzte sich durch, zunächst als Subunternehmer und dank der Mundpropaganda unter vielen Bauherren, Architekten und Bauträgern im Umkreis. Als Hermann das Vertrauen eines Erlanger Großkunden erworben hatte und von dort immer wieder Sanierungs-und Reparaturaufträge erhielt, war der Betrieb vollends etabliert. Die Eröffnung einer 450 Quadratmeter großen Ausstellungshalle erwies sich allerdings als Überforderung. Eduard Hermann zog sich auf das Verlegen von Fliesen zurück und beschäftigte bis zu fünf Arbeitskräfte. Larissa Hermann übernahm den kaufmännischen Part und berät Kunden bis hin zu 3-D-Animationen ihrer Wünsche.


Eine Erfolgsgeschichte

Stolz auf seinen eigenen Erfolg verweist Eduard Hermann auch gerne auf das Schicksal seiner sieben Geschwister: Die älteste Schwester, Angelika, hat eine leitende Funktion in einem Altenheim in Bremen; Elvira hat BWL studiert und arbeitet in einer Steuerkanzlei. Irina ist Apothekenhelferin in Bamberg, Lidia hat als Physiotherapeutin in Deggendorf Arbeit gefunden, Jurij ist Sozialpädagoge in Freiburg. Und die jüngsten Brüder: Eugen wird bald Bauingenieur sein und Nesthäkchen Roman studiert in Frankfurt Zahnmedizin. Auch die nächste Generation steht schon in den Startlöchern: Die beiden Töchter von Eduard und Larissa Hermann, Lina und Michelle, besuchen ein Bamberger Gymnasium. Sie spielen auch Fußball und "Fliesen Hermann" ist Hauptsponsor der Mädchenmannschaft. Die Hermanns betrachten es als äußerst wichtig, dass Aussiedler- oder andere Flüchtlingskinder in Vereinen, Musikschulen, kirchlichen Organisationen oder dergleichen angemeldet werden. Vielfach werden dann auch die Eltern eingebunden und bekommen so Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung. Dann sinkt die Sprachbarriere und Vorurteile werden abgebaut.


Mit einem unerschütterlichen Gottvertrauen ist Konstantin Kappel ausgestattet, der mit seiner Frau Valentina, drei Söhnen, einer Tochter und vier Koffern am 1. März 1992 aus Oksanowka stammend in Hannover deutschen Boden betrat. In Kasachstan war er nach dem Studium russischer Literatur Lehrer für Kunst, Technisches Zeichnen, Werken und Turnen. Von den 12 000 Rubel, die er gerade noch für sein zurückgelassenes Hab und Gut erlöst hatte, konnten zwei Paar Turnschuhe, drei Jacken und vier Jeans gekauft werden. Als Konstantin Kappel im Auffanglager Friedland gefragt wurde, wohin er weiterreisen möchte, deutete er auf den Süden Deutschlands und zeigte ganz zufällig auf Bamberg.

Im Hotel "Goldener Anker" bezog die sechsköpfige Familie bald danach ein Zimmer. Pfarrer Richter vermittelte den Kappels in der Sandstraße eine Drei-Zimmer-Wohnung - ohne Bad, aber mit Holzheizung. Schon bald ging es wirtschaftlich voran: Konstantin fand Beschäftigung bei einem Schlosser, dann verdiente er den Unterhalt der Familie als Restaurator und Maler. Nach weiterer beruflicher Qualifikation erhielt der Handwerker den Bewilligungsbescheid zur Anerkennung als Maler- und Stuckateur-Meister. 2006 machte sich Kappel selbstständig und seitdem ist er mit einem weiteren Gesellen und zwei Hilfskräften auf vielen Baustellen im Einsatz. Die kaufmännischen Aufgaben hat er einer Steuerkanzlei anvertraut, Ehefrau Valentina geht in der Rolle der Hausfrau, Mutter und Oma auf. "Mit acht Enkeln bin ich ein reicher Opa", strahlt Konstantin Kappel. Gleichzeitig freut er sich seiner 380 Verwandten, die zwischenzeitlich aus der früheren Sowjetunion nach Deutschland ausgesiedelt sind.

Die älteren waren nicht nur verbannt oder in der Trudarmee unter menschenverachtenden Bedingungen als Arbeitssklaven eingesetzt; von 1942 bis 1956 unterlagen die deutschstämmigen Sowjetbürger der "Kommandantur" (Sonderverwaltung), einer perfiden Überwachung durch den Geheimdienst. "Ja, wir wurden später durchaus für unseren Fleiß und die Zuverlässigkeit geschätzt", erinnert sich Konstantin Kappel. "Aber als Nemetz konnte keiner von uns Karriere machen." Erst unter Präsident Gorbatschow wurden die Fesseln gelockert und als die ersten Russlanddeutschen übergesiedelt waren und nur Gutes nach Hause berichteten, brach der Damm.

Den Spätaussiedlern wurden anfangs bis zu zehn Monate lange intensive Deutschkurse angeboten, weil sie in ihrer Heimat jahrzehntelang nicht Deutsch sprechen durften und jegliche deutsche Kultur verboten war. Den Start erleichterte der Staat auch durch die Gewährung einer einmaligen Entschädigung. Zinsverbilligte Darlehen oder andere Vergünstigungen gab es entgegen landläufiger Meinung nicht. Dass dennoch viele Spätaussiedler relativ rasch eigene Häuser bauten, erklärt sich mit der Genügsamkeit, dem Spareifer sowie dem Zusammenhalt der Neubürger und ihrer Großfamilien. Man half und hilft sich gegenseitig - mit Rat, Tat und auch mit Geld, nutzt die Stunde günstiger Kredite und macht sich die Freude, in den eigenen vier Wänden zu leben.

Ein zweckmäßiges Auto muss sein, aber teure Klamotten, Urlaubsreisen oder aufwendige Hobbys sind bei Leuten wie Konstantin Kappel nicht gefragt. Er ist längst Hauseigentümer in Breitengüßbach und im Umkreis von 150 Metern stehen noch fünf Häuser seiner Brüder und Kinder. In Zückshut, wo Sohn Jakob gebaut hat, sorgt er durch Grunderwerb schon für seine Enkel vor. Sein Erfolgsrezept? "Keinen Hass, keinen Neid pflegen, stattdessen für Frieden im Haus sorgen, die christliche Nächstenliebe praktizieren und Vertrauen schaffen. Und zu Gott beten, ihm danken für all das Gute!"

Konstantin Kappel und die seinen sind zufrieden. Ebenso der Fliesenleger Eduard Hermann und seine Familie. Sie haben die Chancen ergriffen, die sich ihnen boten und jene Lügen gestraft, die anfangs mit Argwohn und Missgunst gegen die Neuankömmlinge aus dem Osten hetzten. So mancher Schreihals ist längst verstummt - und hat das Nachsehen.