Was ist denn dieser Rainald Grebe für einer? Für die Künste des 42-jährigen Wahl-Berliners eine Genredefinition oder eine Schublade zu finden, ist verdammt schwer und fällt auch nach den dreieinhalb Stunden, die der vielfach Ausgezeichnete (u. a. mit dem Deutschen Kleinkunstpreis und dem "Salzburger Stier") am Montagabend im Hegelsaal allein bestritt, nicht leichter.

Liedermacher ja, mit vibratoreichem Bariton und solider, oft stakkatohafter Pianotechnik, politischer Kabarettist in Spuren ("Was ist der Verfassungsschutz? Ein Salzleckstein für die NPD!"), Clown mit Hasenohren oder Kondom über dem Kopf, anarchistischer Nonsens-Nerver wie Helge Schneider, Dadaist in der Tradition Raoul Hausmanns und Kurt Schwitters', dessen "Ursonate" er auch bis zur Schmerzgrenze zitiert.

Deutsche Kleinbürger-Höllen

Früher häufig zusammen mit der "Kapelle der
Versöhnung", trat Grebe an diesem Abend jedoch allein auf, manchmal im Dialog mit dem betulichen Tontechniker Franz, schon rein konditionell eine Meisterleistung. "Das Rainald-Grebe-Konzert" hatte er seine Show angekündigt, und es war viel mehr als ein Konzert. Ein biografischer Abriss, eine Abrechnung, ein Blick in die Höllen bundesdeutscher (Klein-)Bürgerlichkeit, in manchem vergleichbar den Romanen Gerhard Henschels, der ebenfalls en detail den Alltag der 70er und 80er Jahre dokumentiert.

Also schildert Grebe in einer Rahmenhandlung, wie er seine Messie-Wohnung ausräumt - "weg, weg, weg! Und alles auf den Stick!" - und dabei vom Karl-May-Hörspiel auf Vinyl bis zu apokryphen Familienfotos Artefakten der eigenen Vergangenheit hervorwühlt. Das ist nicht immer leicht für den Zuschauer und nicht immer komisch. Allzu tief taucht der Mann in die Geschichte der Familie Grebe in Frechen bei Köln, diesem "ästhetischen Verbrechen". Allzu oft haut er auf den Kopf einer am Kinder-Schlagzeug montierten Chucky-Mörderpuppe und ruft so Audiodateien oder Fotos ab, bis zum Überdruss.

Doch dabei schafft er eine Archäologie des Provinzialismus, der biederen Bürgerlichkeit wie kaum einer. Seine heimliche Liebe gehört wohl auch den Leuten zwischen Mehrzweckhalle und Einfamilienhaus, auch wenn er in Hits wie "Brandenburg" die Öde auf dem Lande scharf karikiert, auch wenn Verszeilen wie "Nennen Sie vier bürgerliche Werte / Angst, Angst, Angst und Elektrogeräte" schon fast mitleidig die Mentalität derer zeichnen, die Teller an die Wände hängen und sich von der Putzfrau abgrenzen wollen. Die anderen, die jungen Paare in der Großstadt, sind ja auch nicht besser, wie ein Song über Rucola zeigt: "Wenn Unkraut aus dem Ausland kommt, hat es Glück gehabt."

Rainald Grebe ist ein genialer Reimer wie Funny van Dannen, ein Songwriter wie Randy Newman, ein Mann mit sozialer Empathie wie Kevin Coyne. "Das psychologische Jahrhundert ist vorbei" singt er, umwabert von Dämpfen aus der Nebelmaschine und gibt unter tosendem Applaus drei Zugaben, zuletzt puren Dadaismus randalierend. Das war fast zuviel, einen ganzen langen Montagabend lang. Habe ich's schon gesagt? Alles in allem ist Rainald Grebe ein genialer Entertainer.