50 Jahre als Profimusiker, wie viele Konzerte mag Phil May da gespielt haben? 1000? 2000? Er wird es selbst nicht genau wissen. Umso erstaunlicher, mit welcher Verve der fast 70-Jährige mit seinem Partner Dick Taylor (71) an der Gitarre einen fast sensationellen Auftritt hingelegt hat.

Die beiden sind der Kern der Pretty Things, einer der letzten überlebenden Bands des British Beat der Sechziger, einst große Konkurrenten der Rolling Stones (Taylor war der erste Bassist der späteren Supergruppe), von Kritikern immer geschätzt, von Plattenfirmen fallen gelassen. Die beiden bissen die Zähne zusammen und machten weiter; der Gitarrist arbeitete jahrelang für eine Jeansfirma, bis er wieder einstieg. Und so stehen die beiden mit wechselnden Musikern bis heute auf kleineren Bühnen, geschätzt von einer treuen Anhängerschaft.

Klar, dass sie kein Teenie-Publikum fesseln. Aber am Freitag standen auf dem Maxplatz beileibe nicht nur Senioren. Dennoch sah man manchen Graukopf verzückt tanzen, die Texte mitsingen, wohl versponnen in Erinnerungen an die eigene wilde Jugend ... Denn wild waren die Pretty Things damals ab 1964, als Pop noch nicht einmal Rock, sondern Beat hieß, wilder als die Konkurrenz von den Stones. Sie rezipierten den harten Blues aus Chicago von Muddy Waters, Howlin' Wolf und Bo Diddley, kopierten die Songs nicht, sondern schalteten den Turbo ein und schufen so einen Protopunk, laut, ungehobelt, rau.

Was an den Herren auf der Maxplatz-Bühne auch gefiel, war ihr echt britisches Understatement: knappe Ansagen, Coolness, Verzicht auf nervige Animationen, die einem Konzerte zunehmend verleiden. Für die Wolken und Regentropfen hatte Phil May nur ein trockenes "English Weather" übrig, bevor die Männer in schwarzen Anzügen loslegten. Und wie! Gleich mit Bo Diddleys "Mama, Keep Your Big Mouth Shut", dem in der Zugabe noch der "Roadrunner" folgte.

Fulminanter Drummer

Das hätte ein ödes Herunterspielen alter Hits werden können mit garantiertem "Ach-ja"-Feeling älterer Herrschaften. Das wurde es nicht. Dazu hat das Duo zuviel Feuer, dazu sind die Begleitmusiker viel zu gut, allen voran der junge Jack Greenwood, ein fulminanter Drummer, der auf sein Schlagzeug eindrosch wie ein Berserker, dabei doch immer mit Akkuratesse seine Begleitfunktion wahrnehmend. Aber auch der zweite Gitarrist Frank Holland, auch er schon Ewigkeiten in der Band, spielte weiß Gott unverächtlich und steuerte auch die Mundharmonika-Partien der frühen Stücke bei.

Geboten wurde ein Querschnitt durch das Schaffen jener unbekanntesten der großen Rockbands. Die psychedelische Phase um 1970 herum wurde keineswegs vernachlässigt: abrupte Tempiwechsel, verzerrte Gitarrensoli, sperrige Songs. Man versteht schon, warum die Pretty Things damals nicht reüssierten. Sie waren nie eine Teenieband, passten sich dem breiten Publikumsgeschmack nicht an, vor allem hatten sie ihr Alleinstellungsmerkmal verloren. Viele britische Bands spielten damals psychedelischen Hardrock, die Pretty Things gingen unter. Obwohl sie mit "S. F. Sorrow" 1968 die erste Rockoper überhaupt schufen - und in Bamberg einen Song daraus spielten, ebenso wie aus ihrem Album "Parachute" von 1970. Immer noch - oder wieder? - interessant, harte Gitarren, Rock!

Dann wieder eine wunderbare akustische Slide-Gitarre von Dick Taylor mit den Klassikern "Can't Be Satisfied" von Muddy Waters und Willie Dixons "Little Red Rooster". May hat seine Stimme nicht verloren und Taylor seine Fingerfertigkeit nicht. Fantastisch, mit welcher Geschwindigkeit dieser alte Herr die Akkorde schlägt, tief gebeugt über den Gitarrenhals die Soli spielt. Nein, das ist keine Abzockerei kurz vor dem Sprung in die Grube, da ist immer noch Leidenschaft, Spielfreude, Feuer. Ohne Pause rocken die Fünf über 90 Minuten lang, und ihre Klassiker, die gar nicht angestaubt wirken, knallen so richtig, als sie sich warmgespielt haben. "LSD" schreit May noch einmal und das wüste "Rosalyn" und "Midnight To Six Men".

Trotz des miesen Wetters war der Platz an diesem Abend gut gefüllt und alle waren begeistert. Das war Rock 'n' Roll! Man muss gesehen haben, wie die beiden alten Kämpfer nach dem Konzert noch Platten signierten und sich mit Fans unterhielten, um dann zu trösten: Pfeift auf ein Superstar-Dasein wie das der Rolling Stones, liebe Pretty Things. Ihr zieht seit 50 Jahren Euer Ding durch. Und das ist gut so.