Erstmals haben sich die beiden großen Kirchen in Bayern zusammengetan, um ihre Wohlfahrtsverbände Caritas und Diakonie gemeinsam auf sozialpolitische Tour zu schicken. Und das im Wortsinne. Denn der "Pflege-Truck", ein vierzehn Meter langer Lkw, steuert 30 Städte im Freistaat an, jetzt auch Bamberg. Am heutigen Freitag werden Bürgermeister Christian Lange und Landrat Johann Kalb um 10 Uhr am Truck auf dem Maxplatz den Startschuss "Für 100 Prozent liebevoll gepflegte Menschen" geben. So lautet das Motto dieser Aktion, die in Bamberg unter der Schirmherrschaft von Bischöfin Dorothea Greiner und Weihbischof Herwig Gössl steht.

Der Pflege-Truck will darauf aufmerksam machen, dass "Pflege dringend Pflege braucht", erklären Gerhard Öhlein und Norbert Kern. Der Diözesan-Caritasdirektor und der Vorstandsvorsitzende des Diakonischen Werkes Bamberg-Forchheim kennen durch die zahlreichen Pflegeeinrichtungen ihrer Verbände die brenzlige Materie aus dem Effeff. "Wir brauchen mehr Pflegepersonal, mehr Zeit, mehr Geld", bringen die beiden Experten ihre Forderungen auf den Punkt. Zumal der demografische Wandel zunehmend alte Menschen bedingt, die auf professionelle Hilfe angewiesen sind. Zugleich nimmt die jüngere Bevölkerungsgruppe ab. "Wir müssen uns Gedanken machen, wer uns einmal pflegt", meint Diakonie-Chef Kern zu diesem Ungleichgewicht und fügt hinzu: "Wir müssen uns auch Gedanken machen über gezielte Zuwanderung für den Pflegebereich."

Caritasdirektor Öhlein räumt ein, dass der Pflegeberuf unter dem falschen Image von schlecht bezahlten Knochenjobs leidet, unter dem "Generalverdacht bei einem negativen Fall in einem Altenheim". So erhofft er sich von den Aktionen rund um den Pflege-Truck, dass der "überaus erfüllende Beruf positiv rüberkommt".

Junge Leute für den Pflegeberuf zu begeistern, ist das eine. Die andere Seite der matten Medaille betrifft die politischen Verantwortungsträger. Die "Reförmchen" des "Pflege-Neuausrichtungsgesetzes" 2013 oder das "Erste Pflegestärkungsgesetz" 2015 seien nicht durchgreifend genug, beklagen Öhlein und Kern. Zwar seien etwa die Beiträge zur Pflegeversicherung um 0,5 Prozentpunkte erhöht worden. Doch wer heute Leistungen aus der Pflegeversicherung empfange, "ist real schlechter gestellt als es vor 20 Jahren bei der Einführung der Versicherung der Fall war", so Öhlein. Denn die Leistungen hätten mit der Kostenentwicklung nicht mitgehalten.

Ein weiteres Kernproblem der heutigen Pflege ist nach den Worten der Verbandschefs Öhlein und Kern die knappe Zeit: "Pflege hat sich auf ein durchgetacktetes Zeitfenster verkürzt", auf die berüchtigten "sechs Minuten für einen Toilettengang". Zugleich "dokumentieren wir uns zu Tode": "Weniger Bürokratie und Formalismus", lautet die Forderung, damit wieder Zeit gewonnen wird, "um einen alten oder kranken Menschen im Rollstuhl unter den Kirschbaum zu schieben", liebevolle Plaudereien mit ihm zu pflegen.

Das Programm am Pflege-Truck

Heute 12 Uhr Ökumenisches Mittagsgebet, 13 Uhr Zeugnisübergabe an Schüler der ev. und kath. Berufsfachschulen für Altenpflege durch die Schirmherren, 14 Uhr Experten informieren über Ausbildung Altenpflege, 16 Uhr Experten zur Pflegeversicherung.

Samstag 13 Uhr Begrüßung neuer Altenpflege-Schüler. 14 und 16 Uhr wie Freitag. Im und vor dem Truck gibt es zum Ausprobieren einen "Pfleg-O-Mat", Videostelen oder eine große Standuhr, die verdeutlicht, wie knapp die Zeit in der Pflege ist.