Das Amtsblatt des Landkreises ist nicht gerade das, was man Lesestoff für die breite Masse nennen würde. Und doch verbarg sich in der jüngsten Ausgabe eine Sensation. "Die Verordnung über den geschützten Landschaftsbestandteil ,Der Hohe Buchene Wald´" schafft im äußersten Westen des Landkreises über Nacht Oberfrankens größtes Waldschutzgebiet. Hier soll der Urwald der Zukunft wachsen, hat die Säge künftig ausgedient. Das Verdikt des Landkreises ist nach Angaben aus Bamberg nicht mehr aus den Angeln zu heben, die Anhörung sei juristisch korrekt verlaufen.

In dem seit 2007 tobenden Streit um einen Nationalpark im Steigerwald ist das Faktum eines neuen und großen Schutzgebiets ein unerhörter Vorgang. Denzler ist glücklich, dass es ihm zum Ende seiner Amtszeit noch gelungen ist, eines seiner umstrittensten politischen Ziele voranzutreiben. Trotz mächtiger Gegner auf der Holznutzerseite rückt eine Bewerbung der Region um den Titel Weltnaturerbe in denkbare Nähe. Grund: Die Existenz eines Schutzgebiets ist Voraussetzung, um bei der Unesco überhaupt anfragen zu können.

Groß genug dürfte das Reservat sein. Der "geschützte Landschaftsbestandteil" liegt ausschließlich auf dem Gebiet der Staastsforsten, umfasst rund rund 775 Hektar Fläche (das sind rund 1100 Fußballfelder) und verbindet die beiden bestehenden Waldnaturschutzgebiete Waldhaus und Brunnstube zum größten ungestörten Buchenbestand Oberfrankens. Mit einem Bewirtschaftungsverbot auf 400 Hektar Fläche soll es den passenden grünen Rahmen für den Baumwipfelpfad bilden, wenn dieser 2015 eröffnet wird.

Freilich: Auch wenn die Initiative aus dem Landkreis mittlerweile Rechtskraft erlangt hat - sie ist umstritten. Oskar Ebert vom Verein "Unser Steigerwald" schäumt ebenso wie Vertreter der Bauernverbände. Sie halten das Vorgehen von Denzler für rechtswidrig. Ähnlich hallt es aus dem Landwirtschaftsministerium, wo man davon ausgeht, "dass die zuständigen Stellen die Ausweisung rückgängig machen". Doch auch die Bataillone für das Naturschutzgebiet lassen nicht locker. Beifall bekommt Denzler nicht nur vom Ebracher Bürgermeister Max-Dieter Schneider (SPD). Auch Bund Naturschutz und die Grünen jubeln: "Hier werden für die strukturschwache Region Impulse gesetzt", sagt Kreisrat Lösche.

Brigitte Weinbrecht, Ökologin im Landratsamt, vergleicht das Vorgehen in Bamberg mit anderen Regionen in Deutschland. Auch dort sei es auf kommunaler Ebene gelungen, große geschützte Landschaftsbestandteile zu etablieren. Die von Gegnern gestreuten "Horrorszenarien" bezeichnet sie als Versuch, das neue Schutzgebiet zu diffamieren: "Auch in Zukunft wird es hier möglich sein, Pilze zu sammeln, die Wege zu pflegen und Jagd zu betreiben. Bereits geschlagenes Holz darf abgefahren werden."

Kommentar von Michael Wehner: "Zu Frankens Erbe gehört auch die Natur"

Aus den Erfahrungen der letzten Jahre hat Landrat Günther Denzler ganz offensichtlich gelus ernt. Anders als bei der entglittenen Nationalparkdebatte ging der streitbare Politiker dieses Mal den Weg durch den Seiteneingang. Ohne große Öffentlichkeit, aber im Einklang mit den Möglichkeiten einer Landkreisbehörde hat das Amt ein Schutzgebiet in Oberfranken ausgewiesen, das zwar nur ein Zehntel eines Nationalparks ausmacht, aber die Tür zu einer Bewerbung um den begehrten Titel Welterbe öffnen könnte.

Nicht umsonst muss sich Denzler in Kreisen der erbitterten Nationalparkgegner nun für sein "Husarenstück" beschimpfen lassen - eine Vokabel, die man auch als Lob auslegen könnte. Freilich: Ob das Brett, das die Experten in Bamberg gebohrt haben, dick genug ist, um die Pfeile abzuhalten, die aus dem Landwirtschaftsministerium unweigerlich kommen werden, wird sich erst weisen müssen.

Zu wünschen wäre es der Region, dass sie ein Zugpferd erhält, das es in dieser Form in Franken noch nicht gibt. Nicht nur, weil reiche Länder nicht glaubwürdig Naturschutz einfordern können, ohne selbst mehr als ein paar Feigenblätter zum großen Ziel beizusteuern. Es gibt auch handfeste wirtschaftliche Vorteile, die mit einem Nationalpark verbunden wären. Das Geld fließt hinein, nicht hinaus, wie es jetzt noch durch den Verkauf der Buchenstämme nach China und Rußland geschieht. Daneben ist es auch ein Stück Heimatverbundenheit, das hier zum glanzvollen Symbol werden könnte. Zu Frankens Erbe gehören eben nicht nur Burgen und Schlösser, sondern auch der Wald.