Vom Teufelsgraben aus blickt Michael Vogel die Sutte hinunter und schüttelt den Kopf. "Das Auto hatte wieder mindestens 25 Sachen drauf", sagt der Anwohner zu seinen Nachbarn Julia und Gregor Linz. Seit dem 11. September ist die Sutte nach zweieinhalb Jahren Bauzeit wieder für den Durchgangsverkehr geöffnet - allerdings ist sie seither als verkehrsberuhigter Bereich ausgeschildert. "Wer hier weiterhin fahren will, muss eben kriechen", bringt es Rosi Vogel auf den Punkt. Doch längst nicht jeder Verkehrsteilnehmer hat erfasst, welche Regelung hier mittlerweile gilt. Oder dass nun zwar Radfahrer die Sutte bergauf fahren dürfen - aber keine Autos.

"Wenn sich alle an die Vorschriften halten, würde es gut funktionieren", findet Julia Linz. Wäre es nach ihr und anderen Anwohnern gegangen, hätte man die Straße auch noch nach Abschluss der Bauarbeiten für den Durchgangsverkehr gesperrt. "Das wäre eine gute Möglichkeit gewesen, zu zeigen, dass das Umdenken begonnen hat." Immerhin hätten bereits kommunale Geschwindigkeitsüberwacher in der Sutte den Blitzer aufgebaut - wenn auch nicht zu den am stärksten frequentierten Zeiten. Die Anwohner beklagen jedoch, dass Autofahrer erst bei deutlichen Geschwindigkeitsüberschreitungen zur Kasse gebeten werden. Sie hatten sich unter Schrittgeschwindigkeit nicht mehr als sechs Stundenkilometern vorgestellt. "Was ist denn das für eine Messtoleranz, wenn Verstöße erst bei knapp 25 km/h geahndet werden?", wundert sich Gregor Linz. "Das soll ja eigentlich eine Spielstraße sein, aber so geht das doch nicht", sagt auch Sutten-Bewohner Karl-Heinz Friedrich. "Früh und nachmittags ist hier schon viel los."

Ein ganzes Stück weiter oben zeigt eine Digitalanzeige den Fahrern ihre aktuelle Geschwindigkeit an - an der steilen Stelle fährt kaum einer schneller als 15 Stundenkilometer. Die Anwohner beobachten aber, dass viele Fahrer nach der Geschwindigkeitsanzeige und der folgenden Kurve bergabwärts erst so richtig beschleunigen. Und offenbar auch nicht so recht registriert haben, dass sie sich auf einer sogenannten "Mischverkehrsfläche" befinden, auf der sich alle Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt den knappen Raum teilen sollen. "Einmal wurden meine Kinder sogar schon angehupt, weil sie am Straßenrand gelaufen sind", sagt Julia Linz.

Michael Vogel hätte erwartet, dass die Anwohner bei der Umgestaltung ihrer Straße noch stärker eingebunden werden: "Man vermeidet es, mit uns zu reden. Dabei sind wir doch die Fachleute vor Ort."

Er hätte zum Beispiel die elektronische Geschwindigkeitsanzeige deutlich weiter unten angebracht. Von der Öffnung der Straße am 11. September seien die Anwohner genauso überrascht worden wie von wuchtigen Geländern an der Straße. Auch die angekündigte Eröffnungsfeier zum Abschluss des tiefbautechnischen Großprojekts sei ausgeblieben.

Eine Art Kompromiss

"Die wird es geben, sobald auch die letzten Arbeiten in der Maternstraße abgeschlossen sind, also wohl Mitte bis Ende Oktober", erklärt dazu Claus Reinhardt aus dem städtischen Baureferat. Die Sache mit dem Geländer sei ein "Kommunikationsfehler" gewesen: "Wir haben den Anwohnern dann im Ergebnis recht gegeben und die Ausführung noch etwas geändert."

Reinhardt kennt die Sorgen der Anwohner gut, unter anderem aus der Mediation Berggebiet vor mehr als zehn Jahren. "Natürlich will jeder möglichst wenig Verkehr vor der eigenen Haustür. Aber wir versuchen, allen gerecht zu werden - und in anderen Bamberger Straßen wäre man froh, wenn man nur eine Verkehrsbelastung wie in der Sutte hätte."

Der 2019 vom Stadtrat beschlossene verkehrsberuhigte Bereich stellt eine Art Kompromiss dar: Die Belastung der Anwohner sollte reduziert werden, ohne an der "heimlichen Bergverbindung" zu rütteln. Doch die Polizei ist mit der Neuregelung nicht glücklich und lässt sie derzeit von der Regierung von Oberfranken prüfen. Denn die Voraussetzungen in der Sutte, unterschiedliche Ausbauhöhen, das Nebeneinander von Fahrbahn und Gehwegen sowie ein Einbahnstraßenbereich, passen eigentlich nicht zu einer Spielstraßen-Beschilderung. "Wir sehen das außerordentlich kritisch", hatte Ines Schellmann, Sachbearbeiterin Verkehr bei der Polizei Bamberg Stadt, schon frühzeitig festgestellt. Zumal sie noch zu einem völlig anderen Beschilderungsplan gehört worden war.

"Es werden hier Schilder aufgestellt, bevor über die Beschwerde der Polizei entschieden ist. Wir bewegen uns in einem rechtsfreien Raum", beklagt auch Ursula Redler, die schon im November 2019 mit ihrer damaligen BA-Fraktion auf eine Überprüfung gedrängt hatte. Sie kann nachvollziehen, dass sich die Sutten-Bewohner eine Zukunft ohne Durchgangsverkehr gewünscht hätten. "Aber es geht immer auch ums Gemeinwohl und man kann nicht die einen Straßen auf Kosten anderer bevorzugen."

Dass es nicht einfach ist, die komplette Sutte mit nur sechs Stundenkilometern zu befahren, räumt auch Anwohner Michael Vogel ein. "Aber wenn am Ende alle zwischen 10 und 15 km/h fahren, wäre das schon ein großer Sicherheitsgewinn", findet Julia Linz.

Hintergrund: Was ist Schritttempo?

Das Bamberger Straßenverkehrsamt hat mittlerweile die erste Messung in der Sutte ausgewertet: In 180 Minuten wurden 43 Fahrzeuge gezählt - und vier "verfolgbare Verstöße" festgestellt. Damit hier überhaupt ein Verwarnungsgeld von 15 Euro fällig wird, müssen mindestens 23 km/h gemessen werden. Denn "Schrittgeschwindigkeit ist laut Rechtsprechung 10 km/h", teilt die städtische Pressestelle auf unsere Anfrage mit. Ab zehn Stundenkilometern Überschreitung beginnt der Verwarnungsbereich. Allerdings müssen auch noch drei weitere km/h Messtoleranz abgezogen werden. Fährt aber jemand 43 Stundenkilometer, werden schon 100 Euro Bußgeld und ein Punkt fällig.

Die Frage, was Schritttempo bedeutet, beschäftigt immer wieder die Gerichte: Während es in Köln und Karlsruhe Urteile gab, wonach in einem verkehrsberuhigten Bereich maximal 7 km/h gefahren werden dürfen, reichte das "angemessene Schritttempo" für Leipziger Richter bis 15 Stundenkilometer.

KOMMENTAR von Stefan Fößel

Psychologische Effekte

In Deutschland gibt es für fast alles klare Regeln, möchte man meinen. Doch wer sich mit der neuen Verkehrssituation Sutte beschäftigt, stößt schnell auf manche Grauzone. Was ist eigentlich Schrittgeschwindigkeit? Wie muss ein verkehrsberuhigter Bereich laut Straßenverkehrsordnung aussehen? Die Polizei hat die entsprechende Beschilderung von Anfang an kritisch gesehen und wartet nun schon eine Weile auf eine Bewertung durch die Regierung von Oberfranken.

Wenn diese die polizeilichen Bedenken teilt, könnte die Stadt vor den Alternativen Rückbau oder Rückkehr zur alten Verkehrsregelung stehen. Dass die schöne, neue Straße wieder aufgerissen wird, will aber sicher kaum einer. Die "Spielstraßen"-Schilder haben hier hingegen nur einen psychologischen Effekt: Tempo 10 aus der Vor-Baustellenzeit und die jetzige "Schrittgeschwindigkeit" von 10 km/h sind im Ergebnis das Gleiche. Viel höhere Geschwindigkeiten sind in der Enge der Sutte ohnehin nicht zu empfehlen. Wer das nicht versteht, muss es über den Geldbeutel lernen.