Niemals würde er sein "Mäusle" weggeben wollen. "Meine drei Stiefkinder und ich sind uns einig gewesen: auf keinen Fall ins Heim!"

Ein Abend Ende Mai 2006 und die darauf folgenden Wochen waren es, die das Leben des Ehepaars aus Lichteneiche komplett verändert haben. "Meine Frau kam aus dem Keller herauf und sagte ,Mir ist gar nicht gut'. Es war so arg, dass ich sie sogar beim Toilettengang begleiten musste", erinnert sich Norbert Dinnies. "Ich habe auf den Rat der Kinder gehört - auch wenn Else nicht ins Krankenhaus wollte.


Vier Wochen im Koma

Der Notarzt war sehr schnell da. Wahrscheinlich schon im Rettungswagen ist sie ins Koma gefallen. Der zunächst vermutete Schlaganfall stellte sich als Hirnblutung heraus. Niemand konnte sagen, ob sie wieder aufwacht. Aber nach vier Wochen hat sie die Augen geöffnet."

Else Dinnies ist seitdem, neben anderen gesundheitlichen Beeinträchtigungen, halbseitig gelähmt und kann nicht sprechen. Der überwiegende Teil der Ernährung läuft über eine PEG-Sonde. "Bei kleinen Mengen weicher Speisen geht das mit dem Essen. Aber Schlucken kann manchmal zum Problem werden."

"Sie versteht alles und kriegt alles mit", davon ist nicht nur Ehemann Norbert überzeugt, sondern auch Brigitte Schuhmann-Müller von "Visit", die an diesem Morgen zusammen mit Schülerin Julia für die Grundpflege der 78-Jährigen zuständig ist. Im Anschluss an die Reha in Bad Staffelstein hatte die Familie den Pflegedienst beauftragt.

Der Umgangston beim Einsatz ist heiter. Else Dinnies hatte keine schlechte Nacht. "Nur aus dem Bett wollte sie anscheinend wieder. Ein Bein war dort, wo es nicht hin soll", berichtet der Ehemann.

Im Laufe des Tages wird der gelernte Dreher, der einige Jahre im Kraftverkehr und dann über 30 Jahre bei der Post arbeitete, seiner Frau bei Vielem mehr helfen müssen, als nur in richtig zu liegen oder im Rollstuhl zu sitzen.


Die Eltern als Vorbild

Als Junge schon hat er mitbekommen, was es heißt, in einer Ehe füreinander da zu sein. "Mein Vater als Kriegsblinder konnte zwar ein verhältnismäßig selbstständiges Leben führen, aber meine Mutter musste ihn doch in sehr vielen Dingen unterstützen. Sie hat es sehr gerne getan."

Und die Arbeit im Haushalt ist ihm vor zehn Jahren auch nicht vor hier auf jetzt auf die Füße gefallen. "Sonntags war mein Platz in der Küche. Da habe ich gekocht. Aber ich konnte meine Else immer alles fragen. Das geht nun nicht mehr", sagt der 74 Jahre alte Mann und man merkt zum ersten Mal während des Gesprächs, dass ihn, trotz seiner Frohnatur, doch Einiges sehr belasten muss.

"Es ist bewundernswert, wie er sich um seine Frau kümmert", sagt Brigitte Schuhmann-Müller später beim Gang zum Auto. "Und er möchte ihr nie zeigen, dass es manchmal doch fast zu viel für ihn wird."


Tochter wohnt ganz in der Nähe

Auch die Kinder kümmern sich. Es ist ideal, dass eine der beiden Töchter von Else Dinnies "ums Eck" wohnt und schnell zur Stelle sein kann. Der Sohn kommt regelmäßig und beschäftigt sich mit der Mutter. Sie spielen vor allem Spiele, die die Motorik der Hand fördern, über die sie noch Kontrolle hat. Krankengymnastik und Ergotherapie gehören je einmal in der Woche zum Tagesplan der Frau, die früher Verkäuferin bei Hertie war.

"Wir hatten noch so viel vor", sagt ihr Mann. "Eine Flusskreuzfahrt bis zum Schwarzen Meer zum Beispiel. Gereist sind wir gerne, nicht nur in meine Mecklenburger Heimat."

Jetzt beschränken sich die gemeinsamen Aktivitäten des Ehepaars außerhalb der Wohnung auf Spazierfahrten mit dem Rollstuhl. Die Stufen zum Hochparterre zu überwinden hilft eine Vorrichtung.

Eine Barriere ist auch die Kommunikation. Else Dinnies kann sich nicht äußern. "Da läuft viel über die Mimik, die durch die halbseitige Lähmung aber ganz anders ist als vorher. Meistens sehe ich ihr an, wie es ihr geht. Wenn ich etwas wissen möchte, muss ich jede Frage so stellen, dass sie mit einem der beiden Zeichen antworten kann, die wir vereinbart haben: Daumen hoch für Gut, Daumen runter für Schlecht."

Für beide ist es die zweite Ehe. Seit 30 Jahren kennen sie sich, seit 28 sind sie verheiratet. Drei und zwei Kinder haben sie mitgebracht. "Ich werde immer für meine Frau da sein. Es ist ein Segen, dass es den ambulanten Pflegedienst gibt. Sonst wäre das gar nicht möglich", sagt Norbert Dinnies.


Alles geht jetzt langsamer

Zwei Pflegeeinsätze - an verschiedenen Tagen der Woche mit unterschiedlichem Leistungsspektrum - absolviert "Visit" bei dieser Patientin in Lichteneiche. Anders sieht es bei Aribert Zwosta aus Bamberg aus.

Nach kurz aufeinanderfolgenden Krankenhausaufenthalten (unter anderem mit Operationen am Herzen), nahm der ehemalige technische Angestellte bei der Stadt Bamberg den Pflegedienst einige Wochen lang jeden Tag einmal am Vormittag in Anspruch. "Jetzt probieren wir aus, wie es klappt, wenn die Damen nur jeden zweiten Tag kommen. Es ist nicht so, dass ich morgens alleine gar nicht mehr klarkäme. Nur viel beschwerlicher ist Alles geworden", sagt er.

Vor allem das Treppensteigen in den zweiten Stock. Vorher hat er sich mehrere Jahre um eine Nachbarin gekümmert, für sie Besorgungen und anderes erledigt. Das ist jetzt unmöglich.

Was Aribert Zwosta schmerzlich vermisst, sind die Treffen mit alten Schulkameraden im "Fässla". "Da gab es immer zwei Regeln: Alle Handys bleiben aus und über Krankheiten wird nicht geredet."


"Es dauert etwas, bis man sich dran gewöhnt"

Der vierfache Vater und sechsfache Opa war froh, aus dem Krankenhaus wieder in seine Wohnung zurückkehren zu können, in der er allein lebt. Eine Reinigungskraft putzt und einige Tätigkeiten im Haushalt übernimmt die im Landkreis Forchheim lebende Tochter.

Die Kanne mit frisch gekochtem Kaffee steht schon bereit, als die Pflegekräfte kommen. "Das mache ich jedes Mal so", lächelt der gestern 76 Jahre alt Gewordene. "All die netten Madla muss man doch bewirten", fügt er verschmitzt hinzu.

Später, als Brigitte Schuhmann-Müller und Julia schon auf dem Weg zum nächsten Einsatz sind, bekennt Aribert Zwosta, dass es ihm am Anfang etwas unangenehm war, zu Hause von fremden Frauen gewaschen zu werden. "Ich will nicht sagen, dass ich mich geschämt hätte, aber es dauert einige Tage, bis man sich an sowas gewöhnt."


Pflegewissenschaft als Studium

Die Patientin, die in der Tour vor dem Bamberger dran ist, möchte nicht, dass jemand Fremdes mitkommt. Auch keine Pflege-Schülerin. Zeit, sich mit Julia Geppert zu unterhalten, die ebenfalls im Auto warten muss.

Sie ist eine Pionierin - gehört sie doch zum ersten Jahrgang, der den dualen Studiengang Pflegewissenschaft nach dem Modell "2 in 1: Pflege in Bayern" absolviert. Die Bamberger Akademien für Gesundheits- und Pflegeberufe bieten ihn in Kooperation mit der Medizinischen Privatuniversität Salzburg an.

Die Bambergerin (jetzt im dritten Semester) wird nach vier Jahren ausgebildete Gesundheits- und Krankenpflegerin sein und den Bachelor-Abschluss an der Hochschule erworben haben.

Seit Ende Oktober macht die 19-Jährige ihr zweimonatiges Pflicht-Praktikum in der ambulanten Pflege bei "Visit". Zuvor war sie für die gleiche Zeitspanne in der Notaufnahme des Bamberger Klinikums.


Ambulante Pflege ist persönlicher

Als sie in der siebten Klasse einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht hat, erwachte das Interesse an allem was mit Medizin und Gesundheitswesen zu tun hat. "Ziel bleibt ein Medizinstudium".

"Ambulante Pflege ist emotionaler als die im Krankenhaus", hat sie schon nach kurzer Zeit festgestellt. "Man begleitet den Patienten ganz anders, nimmt an seinem Leben teil."

Genau das schätzt auch Brigitte Schuhmann-Müller, die seit rund 30 Jahren in der Pflege, davon seit fünf in der ambulanten, arbeitet: "Man kann sich hier den Leuten viel mehr zuwenden. Die Pflege ist persönlicher. Ich möchte nichts anderes mehr machen."

Sie gehört zu den rund 430 Mitarbeitern von "Visit". Das Unternehmen wurde 1994 in Bamberg gegründet. Ambulante Pflege (auch Intensivpflege), Kinderkrankenpflege, Palliativpflege, Tagespflege und Seniorenclub, Integrationshilfe, medizinische Schulbegleitung, ambulant betreutes Wohnen gehören ebenso zu den angebotenen Leistungen, wie Haushaltshilfe und Alltagsassistenz.