Am Mittwoch werden auch mehr als 90 Schüler des Kaiser-Heinrich-Gymnasiums (KHG) über dem Deutsch-Abitur sitzen. Dass es sich dabei um die Ersatzprüfungsbögen handelt, macht für ihr Abitur keinen Unterschied. Wie aber die "richtige" Deutsch-Prüfung ausgesehen hätte, ob dort die Interpretation eines Schiller-Gedichts oder die Analyse einer Kafka-Novelle gefordert worden wäre, wissen nur wenige Eingeweihte. Zu denen zählen auch die unbekannten Einbrecher. Die hatten im Zeitraum von Donnerstag bis Sonntag in einem Büroraum aus dem Schultresor Prüfungsaufgaben entwendet und dabei einen Sachschaden von rund 500 Euro hinterlassen. Doch der Vorfall schlägt viel höhere Wellen: In ganz Bayern müssen nun die Prüfungsaufgaben für das Deutsch-Abitur ausgetauscht werden.

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass es einer meiner Mitschüler war, da jeder weiß, dass er sich mit einer derartigen Aktion keinerlei Vorteil für die Prüfung verschaffen kann", sagt Abiturientin Teresa Schwital. Denn die Prüfung finde ja dennoch planmäßig statt. "Für Scherze sind wir zwar immer zu haben, aber nicht, wenn es um unsere Abiturprüfungen geht." Die Abiturientin, die sich auch in der Schüler-Mitverantwortung engagiert, macht deutlich: "Dass hier einfach von einem Abi-Streich die Rede ist, finden wir alle nicht so cool."

Besonders schwerer Fall des Diebstahls

Von einem solchen Streich hatte Schulleiter Michael Strehler am Montag gegenüber dem Bayerischen Rundfunk gesprochen. Mittlerweile will sich die Schulleitung aber nicht mehr zu dem Vorfall äußern und verweist für weitere Auskünfte ans Kultusministerium. "Den Abiturientinnen und Abiturienten kann ich sagen, dass sie sich keine Sorgen machen brauchen. Die Abiturprüfung wird mit den für solche Fälle vorbereiteten Ersatzaufgaben an den geplanten Terminen stattfinden", beruhigt Kultusminister Michael Piazolo (FW).

Dass es durchaus mit größerem Aufwand für das Kultusministerium verbunden ist, allen bayerischen Gymnasien die Ersatzprüfungen zukommen zu lassen, bestätigt aber Zoran Gojic aus der Pressestelle des Ministeriums. Weiter ins Detail möchte er nicht gehen, beruhigt jedoch: "Am Mittwoch werden die Ersatzprüfungen an allen Schulen rechtzeitig da sein." Auch zur Frage, ob neben dem Deutsch-Abitur noch weitere Prüfungen entwendet wurden, möchte er sich nicht weiter äußern: "Die Polizei ermittelt noch. Aber für die Schüler wäre das völlig unerheblich."

Nach unseren Informationen hatten die Täter wohl nicht den gesamten Inhalt des Tresors gestohlen, sie ließen Unterlagen für andere Abitur-Fächer darin zurück. Das kann Daniel Hartmann vom Polizeipräsidium Oberfranken weder bestätigen noch dementieren. Er spricht von "wichtigen Schulunterlagen".

Mittlerweile seien einige Spuren gesichert und Personen abgeglichen worden. Doch gebe es bislang noch keine konkreten Täterhinweise. Deshalb ruft die Kriminalpolizei weiterhin Zeugen auf, die zwischen Donnerstag und Sonntag verdächtige Wahrnehmungen im Umfeld des Kaiser-Heinrich-Gymnasiums gemacht haben, sich unter der Telefonnummer 0951/9129-491 zu melden.

"Das wäre wirklich ein blöder Abitur-Scherz", sagt Hartmann, auch wenn er es vom Termin her durchaus für möglich hält. In jedem Fall wird der Einbruch aber erhebliche strafrechtliche Konsequenzen haben. Denn die Kripo ermittelt wegen eines "besonders schweren Fall des Diebstahls" - für den das Strafgesetzbuch eine Freiheitsstrafe von mindestens drei Monaten vorsieht.

Dass die Täter hier "für Nichts" ein so hohes Risiko eingegangen sind, verwundert auch Teresa Schwital. Und dass Schüler so einfach einen Tresor aufbrechen können, kann sie sich nur schwer vorstellen. "Wir rätseln alle noch über die Täter und deren Motivation."

Trotz der Corona-Krise und dem Rätsel um die gestohlenen Abitur-Aufgaben wird die Abiturientin mit einem guten Gefühl in die Prüfungen gehen. Sie weiß aber auch, dass nicht alle so gut mit der Situation klarkommen. "Wir hatten viel Zeit, uns vorzubereiten. Nun wird von uns erwartet, dass wir diese auch genutzt haben."