Rainer Pfaff hat nichts gegen Radfahrer. Der 48-Jährige ist ja selber einer, im Stadtgebiet ist Pfaff meist mit dem Fahrrad unterwegs. Aber er ist eben auch Fußgänger und Autofahrer oder nutzt öfters den ÖPNV - und diese Gruppen sieht Pfaff derzeit unterrepräsentiert. "Die öffentliche Diskussion der letzten Jahre hat sich stark auf den Radverkehr konzentriert", sagt der Meister für Veranstaltungstechnik. Pfaff gehört zu den Mitbegründern der jüngsten Bamberger Bürgerinitiative (BI) "Bamberg.Gemeinsam.Mobil", die in Bamberg eine "einseitige Ausrichtung auf den Radverkehr und eine unverhältnismäßige Behinderung des motorisierten Individualverkehrs" kritisiert.

"Wir vermissen ein übergeordnetes Verkehrskonzept, das allen gerecht wird. Nicht jede Straße eignet sich gleichermaßen für jedes Verkehrsmittel", sagt Pfaff auch mit Blick auf die Sitzung des Mobilitätssenats, wo es am Dienstag unter anderem um den Stand der Dinge in Sachen Fahrradstadt geht.

Glüsenkamp sucht das Gespräch

Laut Beschlussvorlage sollen unter anderem die Verkehrsversuche am Markusplatz und in der Friedrichstraße zur Grundlage für eine Dauerlösung werden, der Radfahrstreifen in der Peuntstraße vorangetrieben und der Kaulbergfuß zugunsten des Radverkehrs umgestaltet werden. "Bamberg darf keine reine Fahrradstadt werden, sondern soll eine Stadt für alle Bambergerinnen und Bamberger sein - egal wie sie sich fortbewegen können, wollen oder müssen", sagt dazu der CSUler Florian Köhn, der wie der Freie Wähler Pfaff zu den Sprechern der neuen BI gehört.

Mit der will auch Zweiter Bürgermeister Jonas Glüsenkamp (Grünes Bamberg) möglichst bald ins Gespräch kommen. "Ich freue mich ja, dass es eine Bürgerinitiative gibt, die sich mit dem Verkehrsthema auseinandersetzt." Dass die Bamberger Verkehrspolitik nur aufs Fahrrad setzt, mag er aber nicht so unterschreiben. Glüsenkamp sieht sich vorrangig den Zielen des 2017 einstimmig verabschiedeten Verkehrsentwicklungsplanes verpflichtet, zu denen zum Beispiel mehr Verkehrssicherheit, die Minimierung negativer Umweltauswirkungen und auch Mobilitätschancen für alle zählen.

Der Zweite Bürgermeister ist optimistisch, dass es mit der selbsternannten Fahrradstadt Bamberg weiter vorangeht - auch wenn derzeit vieles unter Haushaltsvorbehalt steht und sich coronabedingt einiges verzögert hat. "Ein zentrales Thema ist die Sicherheit", sagt Glüsenkamp. "Wir könnten noch mehr Menschen aufs Fahrrad bekommen, wenn noch mehr das Gefühl haben, als Radfahrer sicher unterwegs zu sein."

Kritik an Pop-Up-Radwegen

Die Vertreter der neuen BI zweifeln hingegen an der Notwendigkeit und Nachhaltigkeit mancher Maßnahme. Bei neuen Fahrradstraßen, Verkehrsversuchen oder Fahrradstreifen müssen aus ihrer Sicht stärker der tatsächliche Bedarf abgefragt, mit Betroffenen geredet, Alternativen gesucht werden. Insbesondere den sogenannten Pop-Up-Radwegen können sie wenig abgewinnen. "Die führen nur zu noch mehr Problemen, etwa in der Starkenfeldstraße. Wir brauchen stattdessen langfristige Lösungen", sagt Rainer Pfaff. Und wenn man die Anwohner höre, wie am Kaulbergfuß, dann solle man deren Kritik auch ernst nehmen.

Problematisch sei es immer, wenn sich die Zahl der ohnehin schon sehr knappen Anwohner-Parkplätze reduziere. Was aber zum Beispiel den Radfahrstreifen in der Peuntstraße angeht, sei eine Verlagerung einiger Anwohnerparkplätze um 100 Meter noch zu verschmerzen. Schlimmer wäre es aber, wenn die Leute nicht einmal mehr vor der eigenen Haustür halten könnten - eben weil da ein Fahrradstreifen sei. "Wir brauchen die richtige Balance zwischen allen Mobilitätsarten - denn nur so können wir verhindern, dass Autofahrer, Radler und Fußgänger gegeneinander ausgespielt werden statt sich gegenseitig sinnvoll zu ergänzen", sagt Florian Köhn.

Diese Gefahr sieht Zweiter Bürgermeister Glüsenkamp nicht. Selbstverständlich müsse man immer auch praktikable Lösungen für Anwohner, für Lieferverkehr oder ambulante Pflegedienste finden. Aber für ihn steht fest: "Der Status quo ist nicht die Antwort."

So geht es mit der Fahrradstadt weiter - einige Schlaglichter

Verkehrsversuche Seit Juni 2019 läuft der Verkehrsversuch Markusplatz, seit einem Jahr der in der Friedrichstraße. Die Verwaltung schlägt vor, beide zur Dauerlösung zu machen.

Kaulbergfuß Der Mobilitätssenat entscheidet über eine Vorlage, die den Radverkehr über das Pfahlplätzchen legitimieren soll, kaulbergaufwärts würde hier zudem Tempo 20 angeordnet.

Radfahrstreifen In der Peuntstraße ist die Entwurfsplanung für einen Schutzstreifen bis zur Marienbrücke abgeschlossen. Im Umfeld des Marienplatzes sollen die Bushaltestellen neu geordnet werden, für den Lückenschluss zwischen Egelseestraße und Trimbergstraße wurden die bestehenden Planungen um einen zwei Meter breiten Fahrradstreifen erweitert. Wegfallende Anwohner-Parkplätze sollen an anderer Stelle kompensiert werden, eine von Martin Pöhner (FDP) vorgeschlagene Parkpalette hält die Verwaltung für "nicht finanzierbar". Imagekampagne Bislang gibt es einige Informationsstelen zum Thema Fahrradstraßen. Da der Haushalt 2020 noch nicht freigegeben ist, konnten noch keine weiteren Maßnahmen umgesetzt werden. Fahrradbügel Seit November wurden ganze drei Fahrradbügel neu geschaffen, 108 Bügel sollen zeitnah umgesetzt werden. Dem Kauf weiterer Bügel steht aber die Haushaltslage entgegen.

Pop-Up-Radwege Die Möglichkeit kurzfristig einrichtbarer Radwege wurde in einigen Straßen untersucht, etwa in einem Abschnitt der Starkenfeldstraße stadtauswärts oder in der Nürnberger Straße zwischen Geisfelder Straße und Berliner Ring. Radwegenetz Claudia John (FW), Daniela Reinfelder (BuB) und Martin Pöhner (FDP) fordern ein geschlossenes Radwegenetz in der Innenstadt, das sich aus fünf Einzelprojekten zusammensetzt. Finanzausstattung Für den Haushalt 2021 wurde bereits ein jährlicher Gesamtfinanzbedarf von 1,4 Millionen Euro für den Radverkehr angemeldet - das entspricht in Bamberg 18 Euro je Einwohner