Gedichte sind eigen. Sie verkürzen Geschichten und Gefühle auf wenige Zeilen in einer Sprache, die oft schwierig ist, weil sie nichts mit der alltäglichen zu tun hat. Nevfel Cumarts Gedichte sind einfacher oder wirken zumindest so, wenn auch freilich seine Zeilen sehr bewusst konstruiert sind, um ihre ganze Wirkung zu entfalten. "Einfach zu schreiben, ist nicht einfach", sagt er und bekennt, dass ein entsprechendes Lob der Leser ihn freue und zeige, dass er alles richtig gemacht hat.


Familiäre Atmosphäre

Alles richtig machen - das will er auch in seiner Lesung, die von Anfang an einen sehr familiären Charakter trägt. Was zum einen am überschaubaren, liebevoll renovierten Saal im Bischberger Unteren Schloss liegt. Zum anderen aber scheint es, als seien ausschließlich Freunde und langjährigen Weggefährten gekommen, die regelmäßig den Lesungen des Deutschen mit türkischen Wurzeln lauschen. Und so wird die naturgemäß eher einseitig ausgerichtete - hier der Lesende, dort die Zuhörenden - eher zu einem Austausch mit dem Publikum. Dieses solle ruhig Wünsche vorbringen, welches der Gedichte aus den mittlerweile 18 erschienenen Bänden Cumart vorlesen und welches er noch einmal lesen soll.


Politisches und Persönliches

So aufgefordert folgt das Publikum dem Vorleser und streift mit ihm eine Themenvielfalt, die von aktuellen politischen Themen in der Türkei, den USA und Deutschland bis hin zu sehr persönlichen Erlebnissen und Erinnerungen reichen und die Cumart in Gedichten wie "Das Kopftuch meiner Mutter", "Träume meiner Kindheit oder "Der Präsident der USA" verarbeitet hat. Gerade letzteres - geschrieben als George W. Bush sein Amt antrat - ist angesichts des heutigen Präsidenten Donald Trump erstaunlich aktuell und erntet zurecht langanhaltenden Applaus. "Mal schauen, ob es auch ein Gedicht über Trump gibt", lacht Nevfel Cumart auf die entsprechende Frage aus dem Publikum um dann aber gleich Erwartungen auf eine baldiges Erscheinen zu dämpfen.
Er könne sich nämlich nicht einfach hinsetzen und drauflos schreiben. So ein Gedicht brauche eben seine Zeit.
Die gut eineinhalbstündige Lesung wurde dem Publikum jedenfalls nicht zu lang. Zuvor hatte Mitveranstalter Michael Genniges vom Medienhaus Hübscher in einem einführenden Gespräch mit Nevfel Cumart dessen Engagement für die Immigration - unter anderem hält der Autor zahlreiche Lesungen und Schreibwerkstätten in ganze Deutschland ab - ebenso gewürdigt wie seine Auszeichnungen, zu denen unter anderem das Bundesverdienstkreuz am Bande gehören, das ihm Bundespräsident Joachim Gauck 2014 verliehen hat.