"Wehmut." Ein Wort genügt, um das zu beschreiben, was Christian Linz nach seinem letzten Rundgang durch die einstige Kult-Location GunzLive empfindet. "Ich war als Kind hier zum Fasching und hab' hier auch selbst Konzerte veranstaltet ." Noch einmal in Erinnerungen schwelgen, das ist der Hauptgrund, warum er zu diesem Besichtigungstermin der Nürnberger Industrieverwertungsfirma "Restlos" kommt. In zwei Gruppen werden die 30 angemeldeten Interessenten und deren Begleitung durch die weit verzweigten Räume geleitet.

934 Positionen

Lisa Woller leitet die eine Tour. Man dürfe alles anfassen und fotografieren, aber nicht verstellen und schon gar nicht mitnehmen, erklärt sie dem Tross coronaconform-vermummter Gestalten. Sie alle müssen Markus Riedel passieren, der die Gästeliste abgleicht. 934 Positionen umfasst der Auktionskatalog. Von der Bühnentechnik über Becher aller Art bis hin zum Gunzendorf-Bierkrug. Wer den Katalog nicht gesichtet hat, kann sich hier leicht im Detail verlieren und festsehen. An der Halloweenkiste, mit Händen, Hirn und Kunstblutflasche etwa. Nummer 247. Hinter Nummer 1 verbirgt sich das schwarze Wandpolster des Hauptdisco-Sitzbereichs.

Während Christian Linz von Raum zu Raum Erinnerungen durchgeht, sind Besucher wie Ruth Rogner (56), deren Ehemann Thomas (56) und Sohn Andreas (Andreas) ganz gezielt unterwegs. "Die Kühlschränke sind ausgesteckt", kritisieren sie in Richtung Lisa Woller. "Sie können sie gerne auf eigene Gefahr einstecken", gibt sie zu verstehen. Ebenso wie eingangs, dass es nicht mehr in allen Räumen Strom gibt. Wer in den Gebäudlichkeiten nicht so zuhause ist wie Christian Linz - "ich kenne mich hier aus" - kann leicht die Orientierung verlieren bei der Tour durch die vielen Einzeldiscos und Säle auf mehreren Ebenen.

Küchen, Lagerräume, oder die Bühnengarderobe kannten Rogners bislang nicht. "Wir waren öfter hier", sagt die Wingersdorferin, mit einem Lächeln. Heute ist die Familie auf der Suche nach Utensilien für einen Raum zuhause: Kühlschränke und was für den Ausschank. Der Sohn interessiert sich für Barhocker. Auf der Jagd nach ähnlichem ist auch der 31-jährige Johannes aus Großziegenfeld. Die dortige Dorfjugend möchte einen Partyraum einrichten. Neben Katalog hat er einen Zollstock einstecken. "In meiner Jugend war ich immer hier", lässt er wissen und bedauert, dass wohl alles abgerissen wird.

In seiner Sturm- und Drangzeit, wie er es nennt, verkehrte Georg Nagengast aus Bammersdorf in Gunzendorf. Heute ist der 52-Jährige mit Vater Josef da. Sie wollen sich im Außenbereich die Granitsteine ansehen.

Zum ersten und zugleich letzten Mal ist ein 38-Jähriger aus Hemhofen hergekommen. Pfandartikel, also Leergut, gilt sein Interesse. Um damit Gewinn zu machen.

Am Ende der fast einstündigen Tour durch Tanzstätte, Büros, Gastwirtschaft und Brauerei machen Rogners ein Erinnerungssbild vor dem GunzLive-Logo. Christian Linz stattet dem Trauerkranz am Eingang einen Besuch ab. "Eigentlich hätte ich die Irmi hier erwartet, aber das wäre wohl zu schwer für sie gewesen." Er meint Irmi Knaus, die langjährige Geschäftsführerin und Seele von GunzLive.